Die literarische Gestaltung der Sprachverlassenheit als Herausforderung für die Ethik
Author: Christine Abbt
Der wortlose Suizid wird seit der frühen Moderne zum zentralen literarischen Motiv. Der Vorstoß in die Sprachlosigkeit ist ein Paradox: Die Abwesenheit von Sprache muss durch Spra-che selbst zum Ausdruck kom-men. Das literarische Ringen um diesen Widerspruch, welcher das Unternehmen rein logisch zu desavouieren scheint, entdeckt ein neues Terrain. Die Grenze zwischen Leben und Tod weitet sich und eröffnet den Sprachver-lassenen und Unverstandenen einen unverhofften Ort des Blei-ben-Könnens. Der erste Teil des Buches folgt der Spur der Litera-tur in die Stille und entwickelt in der Analyse der Texte jene her-ausfordernde Kategorie der Grenze als Raum, die im zweiten Teil des Buches zum Test für aus-gewählte Positionen der philoso-phischen Ethik wird. Zwischen der Literatur von Kolmar, Kroetz, Kaf-ka, Melville, Beckett, Horváth, Fontane, Kertész, Améry, Levi, Duvanel und Bernhard und der Philosophie von Nussbaum, Ror-ty, Gadamer und Derrida findet eine unerwartete Begegnung statt.
In: Von Lettern und Lücken
Zur Ordnung der Schrift im Bleisatz
Die ästhetische Präsenz von Schrift ist nie rein dekorativ. Sie bietet einen Zugang zu ihrer inneren Organisation. Unser Blick wird früh darin geschult, die Spatien beim Lesen auszublenden und als neutralen Hintergrund ohne Bedeutung für den Sinn des Textes zu sehen. Zwischenräume beim Druck sind aber keineswegs leer. Letter und Lücke sind keine Gegensätze, sondern ineinander verzahnte, sich komplementär ergänzende Körper, die den Text als ein geometrisches Raster präsentieren. Von Lettern und Lücken betrachtet die Ordnung der Schrift im Bleisatz aus literaturwissenschaftlicher Sicht. Dabei werden literarische Drucktexte mit auffälligen typographischen und semantischen Lücken vorgestellt und von der anderen Seite des Schwarz-Weiß-Kippbildes her neu gelesen und neu gesehen.