Geschichtsschreibung, Rhetorik, Philosophie im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit
Francesco Petrarca ist heute fast ausschließlich als Verfasser des Canzoniere bekannt, mit dem er für Jahrhunderte die europäische Liebeslyrik geprägt hat. Seinen Zeitgenossen und anscheinend auch ihm selbst galten jedoch seine lateinischen Werke – das Epos Africa, die Viten, die moralphilosophischen Schriften, Invektiven und Briefsammlungen, in denen er die wechselnden Fragen des privaten und öffentlichen Lebens reflektierte – höher; in ihnen fand nicht nur die italienische Umwelt, sondern auch noch ein Jahrhundert später die europäische Nachwelt den Philosophen, der angesichts der Ausweglosigkeit spätmittelalterlicher Scholastik neue Wege zu einem dem Menschen gemäßen Selbst- und Weltverständnis wies. Eckhard Keßlers Untersuchung, die mit dem Premio Montecchio ausgezeichnet wurde, stellt Petrarca in den Kontext der Spätscholastik und zeigt, dass er, gerade weil er die Probleme der spätscholastischen Philosophie ernst nahm, zum exemplarischen Wegbereiter neuzeitlichen Denkens geworden ist. „Eckhard Keßler hat in Petrarca und die Geschichte wie keiner zuvor herausgearbeitet, daß die Prozesse der Säkularisierung als Kern jeder Geschichte der Neuzeit zum ersten Mal von Petrarca nach eigener Erfahrung beschrieben und in ihrer Konsequenz durchdacht worden sind. [.] Petrarcas Auffassungen von einer notwendigen Säkularisierung sind seit dem Ende des 18. Jahrhunderts völlig aus dem Bewußtsein der politischen Philosophen und künstlerischen Verweltlicher ausgeblendet gewesen; auch Schlegel und seine Zeitgenossen besaßen von Petrarcas Leistungen nicht einmal eine Ahnung. Daß die politische Theologie, die politische Philosophie, die politische Poesie gegenwärtig nicht nur in fernen Theokratien Konjunktur haben, sondern auch bei uns herbeigesehnt werden, sollte uns für Petrarcas Alternativen interessieren. Keßler gebührt die Ehre; ihm sollten wir zuhören, wenn er über Petrarca spricht.“ Bazon Brock
Texte zur Moralphilosophie im italienischen Humanismus
Durch die kommentierte Wiedergabe und Übersetzung soll das moralphilosophische Denken der frühen italienischen Humanisten einem weiteren Publikum zugänglich gemacht werden, das Interesse an der Geschichte der Moralphilosophie und an den eigenen intellektuellen Wurzeln besitzt. Die ausgewählten Texte illustrieren eine der Grundverbindlichkeiten frühhumanistischer Moralphilosophie, nämlich dass die philosophische Reflexion über unser Handeln nützlich sein müsse für das eigene Leben, für unsere Familie und für die politische Gemeinschaft. Durch die Aufwertung des Nützlichen zum grundlegenden Bestimmungsgrund menschlichen Handelns haben die Humanisten eine Wende des Denkens vollzogen, deren Auswirkungen in den folgenden Jahrhunderten – bis zur Weiterentwicklung im Utilitarismus – in allen Bereichen des Denkens spürbar sind.
Politik, Wissenschaft, humanistische Kultur vom späten Mittelalter bis in unsere Zeit
Latein war einst die globale Sprache des Westens, wenn sie auch stets in regionalen Manifestationen auftrat. In den hier vorgelegten Bänden wird die immense Bedeutung untersucht, welche die lateinische Tradition für Geschichte und Kultur des deutschsprachigen und des skandinavischen Raumes hatte, und wie andererseits diese auf die lateinische Welt zurückwirkten. Dabei stellen die Autoren in 50 Einzeluntersuchungen die Forschung zur Germania latina auf eine neue Grundlage. Die neuzeitliche Entwicklung der lateinischen Tradition vom ersten Auftreten vulgärsprachlich-nationaler Eigenheiten bis zum heutigen Stand wird detailreich nachgezeichnet: von Ficinos deutschen Korrespondenten bis zum Apothekerlatein, von Melanchthons Wirkung auf slawische Grammatiken bis zu heutiger isländischer Nationalidentität, von deutscher Latinität in Nordamerika bis zu modernen Vertonungen antiker Texte reicht die Spannbreite dieses Unternehmens