in Potential regieren
Zur Kritik des Neoliberalismus
HerausgeberInnen: Marc Jongen und Uwe Hochmuth
Unter dem Etikett Neoliberalismus kursieren verschiedenste, oft irreführende Definitionen und Konzepte. Aber was ist Neoliberalismus und welche Ziele werden in seinem Namen verfolgt? Im Rückgriff auf Foucaults Begriff der Biopolitik und der Gouvernmentalität lässt sich das zentrale Merkmal des Neoliberalismus bestimmen: Es ist der Anspruch, die traditionelle Trennung zwischen Politik und Ökonomie zu überwinden und seinen Einfluss auf alle Bereiche des Alltagslebens auszudehnen. Geleitet von der Annahme, dass das neoliberale Projekt sich gerade in seinen Organisationsformen am deutlichsten offenbart, konzentriert sich Giovanni Leghissa auf die Analyse jener Rationalitätsmodelle, die auch der Betriebsorganisation zugrunde liegen, und legt so eine Verfirmung der Gesellschaft offen.
Zur Genealogie des möglichen Menschen
Schon beim frühesten Auftauchen des lateinischen Wortes »Potentialis« lässt sich eine entscheidende Ambiguität beobachten: Einerseits bezeichnet »Potential« etwas, das noch nicht aktuell ist, aber sein könnte, andererseits stellt »Potential« ein Merkmal der Macht und der Mächtigen dar. Diese Unschärfe und Doppelung ist nicht bloß ein sprachliches Merkmal, sondern hängt mit der Komplexität und gesellschaftlichen Reichweite symbolischer Praktiken zusammen. Im Kern geht es um die Materialität des menschlichen Potentials als eine Grundbedingung des Regierens. In interdisziplinären Fallstudien zur Transformation von Subjekten und gouvernementalen Kulturtechniken rekonstruiert der Band die Genealogie der Regierung von Kollektiven und Individuen in Spätantike, Mittelalter und Neuzeit. Hierbei zeigt sich eine der Urszenen der Biopolitik schon in mittelalterlichen Klöstern als menschlichen Perfektionsmaschinen und nicht erst im quantifizierenden Licht der Aufklärung. Zudem betonen neuzeitliche Verflechtungen von Literatur und Kunst mit Recht und Ordnung die gouvernementale Qualität ebenso umfassender wie unscharfer symbolischer Setzungen, die auch in Zeiten funktionaler Differenzierung noch fortwirken. Über die Zeiten hinweg erweist sich die Administration von Menschengekoppelt an das Versprechen von Sicherheit.