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Author: Irina Gradinari

Abstract

Der Kriegsfilm steht wie kein anderes Genre unter dem kulturpolitischen Diktat des Erinnerns. Ist das Vergessen durch den Film, dessen mediale Besonderheit Unmittelbarkeit und Sichtbarkeit ausmacht und der auch historische Kulissen herstellen kann, überhaupt möglich? Gleichzeitig wird jedoch gerade dem Kriegsfilm häufig nicht nur das Vergessen, sondern auch das Verdrängen vorgeworfen. Das Vergessen scheint jedoch eher eine diskursive und nachträgliche Praxis zu sein, die frühere ästhetische oder Wissenslücken als Vergessens- und Verdrängungsstrategien auffasst. Vor diesem Hintergrund werden in dem Beitrag filmästhetische, -politische und diskursive Formen unterschieden, die das Erinnern und Vergessen im Film regulieren. Der Film kennt also Formen des Unwissens, die durch generische Einschränkungen und durch eine kulturspezifische Repräsentationspolitik zustande kommen. Der Film kennt außerdem diskursive Dissonanzen – historisch nicht beachtetes Wissen, das er dann entsprechend seinen aktuellen Darstellungsstrategien verarbeitet. Bei dem wiederentdeckten Wissen der Zeug*innen und Kriegsteilnehmer*innen handelt es sich nicht mehr nur um deren Erinnerungen, sondern sie werden zu den Erinnerungen der aktuellen Generation. An diesem Prozess der Aufarbeitung ist interessant, dass der Film selbst verschiedene Formen des Vergessens thematisiert und bearbeitet. Als eines der prägnanten Beispiele erscheint in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit im sowjetischen Kriegsfilm: Frauenfiguren tauchen nur in Verbindung mit früher nicht bearbeiteten oder gar tabuisierten Themen auf, scheinen also selbst als Allegorien des Vergessens zu fungieren, während zum Beispiel die Frauenfiguren im deutschen Kriegsfilm gerade umgekehrt zentrale Erinnerungsfiguren des neuen gesellschaftlichen Anfangs und der historischen Kontinuität (als angeblich nicht Beteiligte) darstellen. Filmisches Vergessen ist dabei kulturspezifisch, stellt es doch eine Art der (Selbst-)Revision der bestehenden ästhetischen Formen dar, was auch als alternatives Wissen inszeniert wird und daher vor allem als einzigartig zum Ausdruck kommt. Ausführlicher diskutiere ich dieses Phänomen am Beispiel des kaum beachteten, also selbst in Vergessenheit geratenen Films Крылья [Flügel] (UdSSR 1966, R. Larissa Šepit’ko).

In: Lethe-Effekte
In: Medialisierungen der Macht
In: Medialisierungen der Macht
In: Medialisierungen der Macht
In: Medialisierungen der Macht
In: Medialisierungen der Macht
Forensik des Vergessens in Literatur, Comic, Theater und Film
Der mythologische Fluss Lethe dient als Leitmotiv für das Aufspüren diverser medialer Strategien zum Vergessen in Lyrik, Prosa, Comic, Theater und Film. In Anlehnung an forensische Verfahren zeichnet sich eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Erinnerungsdiskursen zum vergangenen Jahrhundert ab. Ermittelt werden poetisch profilierte Widersprüche, prosaische Ausdrucksformen von Demenz, topografische Projektionen sowie Umwertungen eines gemeinhin belastenden Vergessens.
Filmische Inszenierungen politischer Praxis
Die Konjunktur des Politischen in neueren Kinofilmen und Fernsehserien ist mit tradierten Oppositionen – wie der von Inhalt und Form – nicht mehr zu beschreiben. Vielmehr lässt sich konstatieren, dass Theorie und Praxis des Politischen längst mit filmischen Fiktionen verflochten sind: Diese vermitteln zwischen universalen und partikularen Perspektiven, entwerfen Figurentypen und Verhaltensmuster und intervenieren in aktuelle Diskurse. Ein neuer »medialer Realismus«, der diese Unhintergehbarkeit der Medien selbst sichtbar macht, bildet den thematischen Horizont der Beiträge dieses Sammelbands. Unter den Aspekten des Affizierens, Modellierens und Tradierens werden die theoretischen und ästhetischen Neuansätze des aktuellen politischen Kinos anhand einschlägiger Beispiele diskutiert.