Ohne Israel hätte es keine Geschichte gegeben – jedenfalls nicht als eine bewusste retrospektive Deutung vergangener Ereignisse. So lautet die These dieses Teilbandes von Ordnung und Geschichte. Die am Modell einer Entsprechung zwischen Kosmos und Gesellschaft ausgerichteten Symbolismen der altorientalischen Kulturen waren ganz auf Gleichsinnigkeit der sozialen Ordnung mit den großen Zeitrhythmen des Himmels und der Erde angelegt. Im alten Israel hat sich jedoch – wie auf andere Weise auch in Griechenland – ein wesentlicher 'Sprung im Sein' ereignet: Moses Begegnung mit Gott am Dornbusch und der Exodus aus Ägypten bedeuten eine neue Qualität im Verhältnis von Ordnung und Geschichte. Erstmals kommt es zu einer bewussten Verortung der menschlichen Existenz vor dem weltüberlegenen Gott. Dieser grundlegende Übergang führt zu einer zeitlichen Einteilung in Vorher und Nachher und zur Geburt von 'Geschichte als Existenzform' einer Gesellschaft.
Das in den biblischen Texten durchgehend wirksame Offenbarungsgeschehen ist – unbeschadet der Frage nach der Historizität des Mose und des Exodus – ein Faktum von höchster Relevanz für die Abfolge der kulturellen Ordnungsvorstellungen. Die bisherige Kompaktheit des Seins wird aufgebrochen für eine unmittelbare Partnerschaft mit Gott, die in der Gabe des Dekalogs am Sinai ihre Vermittlung findet: Der Gottesnähe muß das Handeln der Menschen entsprechen. Indem der Dekalog aber die gesellschaftliche Existenz des Volkes ordnet, ist er auch zweideutig. Die in ihm begründete soziale Existenz Israels verhindert immer wieder einen reflektierten Transzendenzbezug. Das ist der Ausgangspunkt der Botschaft der Propheten. Sie verweisen auf den Widerspruch zwischen offenbarter Ordnung Gottes und realer gesellschaftlicher Unordnung. Dabei entwickeln sie zunehmend die menschheitlich-universale Dimension des Gottesbildes.