Der Tagungsband untersucht konkrete Ausformungen von geographischem Wissen mit Schwerpunkt im Bereich der Antike und mit kulturvergleichenden sowie neuzeitlichen Ausblicken.
Angestrebt wird, möglichst unterschiedliche Ausprägungen von geographischen Erkenntnissen vor einem möglichst weiten historischen und kulturellen Horizont darzustellen. So reicht das Spektrum der Beiträge von der jungsteinzeitlichen Wandmalerei (Çatal Hüyük) über Homers berühmten Schiffskatalog und antike Straßenverzeichnisse bis zu Allegorien der vier Erdteile in der Kunst der Neuzeit - schließt aber auch den neuentdeckten "Grazer Paravent" mit der Darstellung Ôsakas vom Anfang des 17. Jahrhunderts ein.
Kulturelle Figurationen: Genese, Dynamik und Medialität
Wie drückt sich das Wissen des Menschen in Formen und Dingen der Kultur aus?
An dieser Leitfrage orientiert sich das Internationale Kolleg Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen in Köln. In einer Wiederaufnahme des griechischen Wortes mórphoma (pl. morphómata) – im Unterschied zur ideell gefassten Gestalt (morphé) – fokussiert das Kolleg Prozesse der Gestaltwerdung und Gestaltgebung sowie die hieraus entstandene konkrete Form. Deren Wirkmacht oder Verblassen, Tradierung oder Rekontextualisierung, Speicherung bzw. Speicherfähigkeit oder mediale Umcodierung bilden das Forschungsfeld in historischer wie in kulturvergleichender Hinsicht.

Aus dem Inhalt:
Einführung
GÜNTER BLAMBERGER, DIETRICH BOSCHUNG: Einleitung

Wortgeschichte
JÜRGEN HAMMERSTAEDT: Zur Etymologie des Wortes Morphomata
MARTIN ROUSSEL: »Agens der Form«. Konkretion und Kontingenz kultureller Figurationen
HANS ULRICH GUMBRECHT: Wozu Morphomata? Über die historischen Bedingungen und epistemologischen Möglichkeiten der Frage nach verkörperter Form
MIEKE BAL: Food, Form, and Visibility: The Aesthetics of Everyday Life
LUDWIG JÄGER: Störung und Eigensinn: Das transkriptive Verfahren der Sprache

Fallstudien ... zur materiellen Kultur
DIETRICH BOSCHUNG: Kairos als Morphom der Zeit – eine Fallstudie
ALAN SHAPIRO: Eniautos. Time,
Seasons, and the Cycle of Life in the Ancient Greek World
JÜRGEN HAMMERSTAEDT: Fremde Länder, unbekannte Tiere. Die Aneignung
landeskundlichen Wissens in den
Texten und Zeichnungen des Artemidorpapyrus
THIERRY GREUB: O Odyssee Where Art Thou? Die Odyssee Homers als Proto-Morphom und ihre Transformationen am Beispiel dreier zeitgenössischer Filme ... zu Texten
GÜNTER BLAMBERGER: Kleists Schrift »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« – eine Fallstudie
ANDREAS KABLITZ: Dantes Musenanrufe ... zu außereuropäischen Kulturen
RYOSUKE OHASHI: Inwieweit ist der »Wind« ein Morphom? Eine Figurationsdynamik der Kultur in Japan
JENNIFER VON SCHWERIN: Space-Time and Design in Maja Temple
Architecture
In den Herrschaftssystemen der Vormoderne beruhte Macht zu einem erheblichen Teil auf Vorstellungen von einer besonderen Ausstrahlung der Herrschenden.
Der Band untersucht, wie seit der griechisch-römischen Antike Vorstellungen vom Charisma des Herrschers ihren Ausdruck fanden. Es geht um die numinose Aura, mit der die privilegierte Nähe vormoderner Herrscher zu göttlichen Wesen bezeichnet wurde. Diese war Ausdruck außergewöhnlicher Fähigkeiten. Für die Durchsetzung von Machtansprüchen war es entscheidend, dass diese Besonderheit überzeugend vermittelt wurde, die Zustimmung der Beherrschten fand und ihre Bereitschaft weckte, dem Herrscher »entgegen zu arbeiten«. Dabei wird für die Zeit des Hellenismus und der römischen Kaiserzeit ein breites Spektrum aufgezeigt. Einen zweiten Teil nehmen entsprechende Phänomene aus anderen Epochen und Kulturen ein.
Bild, Text, Paratext
Die Bildwerke des US-amerikanischen Künstlers Cy Twombly (1928–2011) gelten noch heute als schwer zugänglich. Bleistiftgekritzel, Farbballungen, taumelnde Linien, einander überlagernde Farbschichten, geometrische Figuren, Zahlenreihen und anderes mehr stellen vor ganz besondere Herausforderungen.
Getreu seiner interdisziplinär-transkulturellen Forschungsmethode lud das Internationale Kölner Kolleg Morphomata 2012 neben Kunsthistorikern namhafte Fachleute aus den Bereichen Ägyptologie, Archäologie, Germanistik, Gräzistik, Anglistik und Japanologie, d.h. all jenen Fachgebieten, die eine Inspirationsquelle für das Œuvre Cy Twomblys darstellten, zu einem Kongress ein. Durch umfassende Deutungen berühmter Einzelwerke und Werkgruppen in sämtlichen von Twombly angewandten künstlerischen Medien erschließt der Band einen Zugang zur assoziativ-referentiellen Bildsprache Cy Twomblys.