Editor: Jochen Vogt
Die Reihe ist abgeschlossen.
In: Literatur als Interdiskurs
Zur Literatur des letzten Jahrhunderts
Author: Jochen Vogt
Im Raum der Literatur begegnen sich Figuren und Ideen, Texte werden zu Treffpunkten für Bilder und Worte. Nicht immer gelingen diese rencontres imaginaires – oder doch nicht auf den ersten Blick. Aber auch wo scheinbar nur vom Mißlingen, von Versäumnissen und Verfehlungen die Rede ist, wird ein Dialog, wird Erinnerung gestiftet. Knapp vorbei ist nicht immer ganz daneben. Zeit-Raum dieser Essays ist die deutschsprachige Literatur im Schatten von Nationalsozialismus, Exil, Weltkrieg und Holocaust. Die Spur eines jüdischen Kindes verliert sich in der deutschen Geschichte. Noch als verlorene, ja nur als verlorene erzählt sie vom Unbegreiflichen. Von Dante geführt, erreicht Bertolt Brecht die Hütte der vertriebenen Dichter aller Zeiten. Damit schreibt er sich selbstbewußt in die Tradition zweier Jahrtausende ein – und ignoriert den lästigen Konkurrenten Benn mit höchster Aufmerksamkeit (und vice versa). Zwischen Verzweiflung und Größenwahn schwankend, sucht Hans Henny Jahnn seinen Platz unter den Großen der klassischen Moderne. Für Brecht wie für Dante schafft Peter Weiss in seinem größte Erzählwerk ein sprachliches Exil, einen vielstimmigen Geisterraum. Seinen Generations- und Schicksalsgenossen Paul Celan dagegen hat er nie getroffen. Zwischen den Generationen in Nachkriegsdeutschland herrscht Sprachlosigkeit; bestenfalls reden sie aneinander vorbei. Mit den literarischen Vaterfiguren wird auch das Literaturmodell der übermäßig gedehnten Nachkriegszeit verabschiedet. Die aktuelle Literatur in deutscher Sprache sucht andere Wege; aber das letztvergangene Jahrhundert wirft seine Schatten. Auch in diesem Sinn ist es mitsamt seiner Literatur erst knapp vorbei.
Krimis - intermedial
Editor: Jochen Vogt
Lange Zeit wurde die Kriminalerzählung als mehr oder weniger skurrile literarische Sonderform angesehen und von der etablierten literaturwissenschaftlichen Forschung weithin missachtet. Inzwischen hat sie sich nicht nur als postavantgardistisches Erfolgsgenre in der Literatur durchgesetzt, sondern beherrscht auch in vielerlei Variationen und Adaptionen unseren alltäglichen Medienkonsum. Eben dies drückt ja auch das umgangssprachliche Allerweltswort 'Krimi' ganz treffend aus. Systematische Forschung zu solchen Krimis in den audiovisuellen Unterhaltungsmedien ist aber immer noch die Ausnahme. Dieser Band macht einen Anfang, indem er Überblicke und exemplarische Analysen zum Kriminalfilm, zu Fernseh-Krimiserien, zum Krimihörspiel, zu Krimi-Videospielen, aber auch zur Thematisierung der Medien im literarischen Krimi vorlegt. Seine Beiträge sind aus einem interdisziplinären Gespräch zwischen 'Krimifans' aus Literaturwissenschaft, Erzählforschung, Film- und Fernsehwissenschaft und Medienpädagogik, aber auch aus Soziologie, Kulturgeographie und Informatik hervorgegangen.
Zur Amerikanisierung der deutschen Kultur seit 1945
Im Anschluss an den Sammelband „Das Amerika der Autoren. Von Kafka bis nine-eleven“ werden nun exemplarische Studien zum faktischen Prozess einer „Amerikanisierung“ der (west-)deutschen Nachkriegskultur vorgelegt. So unstrittig der Erfolg manch kulturpolitischer Initiativen (etwa der Amerikahäuser) im ersten Nachkriegsjahrzehnt war, so schnell scheiterten andere: aufgrund mangelnder Einsicht in die Verhältnisse, und/ oder wegen des Widerstands der deutschen Eliten. Dies zeigen Fallstudien zur Universitätspolitik, zu Rundfunk und Publizistik. Erst der kulturindustrielle Triumph der US-amerikanischen popular culture, besonders des Hollywoodfilms und des Rock’n’Roll, markiert seit den späten fünziger Jahren eine tiefgreifende Umwälzung des kulturellen Feldes auch in der Bundesrepublik. Die darauf basierende neue Jugendkultur ist inzwischen gut bekannt und erforscht. Langfristig bewirkte sie eine Entkrampfung des kulturellen Zwiespalts zwischen USA und Europa, zwischen high und low culture, die Americana heute zu einem selbstverständlichen Teil unserer Alltagskultur gemacht hat. Zugleich öffnet sich damit der Raum für neuartige, sowohl provokative wie produktive Begenungen der künstlerischen Avantgarden – besonders ausgeprägt in der bildenden Kunst und im Design, im Theater und Hörspiel, in Videokunst und Film. Auf vielfältige Weise bestätigen die Fallstudien die These der Herausgeber, dass die Bundesrepublik auch im Kulturellen ein Sonderfall der Amerikanisierung darstellt.
Von Kafka bis 09/11
Seit deutsche Autoren über Amerika, genauer: die USA schreiben, geschieht dies in einer Ambivalenz von Faszination und Abwehr. Was den einen das Land der Freiheit (Goethe), ja der unbegrenzten Möglichkeiten, ist für andere eine Wüste, in der keine Nachtigall singt (Lenau). Und natürlich kontrastieren die vorgefassten, mitgebrachten Meinungen mit den neuen Wahrnehmungen vor Ort. Aber erst im 20., dem 'amerikanischen' Jahrhundert, entfalten sich diese Widersprüche in vorher nicht gekannter Breite. Zugleich aber sind sie fast allen, die nach Amerika reisen zu Schiff, durch die Luft oder auch nur im Kopf bewusster als zuvor. Dass Amerika eine Projektion des europäischen Geistes sei, hat Paul Valéry für seine europäischen Kollegen festgehalten: 'Amerika ist anders!' (Carl Zuckmayer).