in Robert Musil in der Klagenfurter Ausgabe
in Robert Musil und der genius loci
In Hermann Brochs "Die Schlafwandler" und Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". Rhetorische und narratologische Aspekte von Interdiskursivität
AutorInnen: Gunther Martens und Josef Strutz
Die Romane Brochs und Musils stehen zu Unrecht im Ruf, nicht narrativ, literaturfern, vorrangig theoretisch oder sogar Thesenromane zu sein. Anhand eines rhetorischen und narratologischen Instrumentariums deckt Gunther Martens erstmals systematisch die erzähltechnische Kreativität auf, die beide Autoren zu bieten haben. Eine bisher unbekannte Bedeutung gewinnt dabei die Ebene der Erzählvermittlung. Dazu wird nachgewiesen, dass Auktorialität sich nicht länger mit Autorintentionalität oder mit den spekulatären Fällen von Allmacht oder Allwissen gleichsetzen lässt, sondern vielmehr rhetorische und narrative Textstrategien umfasst, mit denen die Perfomativität von Aussage- und Wahrnehmungsakten inszeniert wird. Die Untersuchung stellt diese als interdiskursiv charakterisierte Erzählvermittlung gleichzeitig in einen größeren theoretischen Zusammenhang, indem Brochs und Musils unterschiedliche Modernitätsauffassungen und -beobachtungen vor dem konzeptuellen und epistemologischen Hintergrund der Debatte zwischen der Kritischen Theorie und der so genannten "affirmativen" Systemtheorie Niklas Luhmanns situiert werden. Über die Broch- und Musil-Lektüre hinaus bietet die Untersuchung zahleiche Anregungen zu einer Erzählrhetorik der overt narration und innovative Einsichten in das Verhältnis von Literatur und Philosophie, von (literarischer) Ideologiekritik und Systemtheorie.
Neomystische Konstellationen bei Robert Musil
HerausgeberIn: Josef Strutz
Der "andere Zustand" hat Leser und Forscher seit jeher fasziniert, nicht von ungefähr zählen die geschwisterlichen Gespräche im zweiten Band des »Mann ohne Eigenschaften« zu den eindrücklichsten Passagen der Klassischen Moderne.
Harald Gschwandtner fragt nach den Spuren traditioneller Mystik in Musils vielstimmigem Konzept des "anderen Zustands" und richtet den Blick stärker als bisher auch auf den »Nachlaß zu Lebzeiten«. Er nähert sich Musils "Neomystik" mithilfe von sieben aspektgeleiteten Lektüredurchgängen, die diese in Bezug zu verschiedenen diskursiven Feldern stellen (Religion, Krieg, Ordnung, Glück etc.). Die Rückgriffe auf das metaphorische Reservoir der Mystik werden dabei als dezidiert modernes poetisches Projekt verstehbar, das in ständigem Bezug zu Musils vielzitiertem Pensum steht, Beiträge zur »geistigen Bewältigung der Welt« liefern zu wollen.
Organisation, Psychiatrie und Anthropologie in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften"
AutorIn: Florian Kappeler
HerausgeberIn: Josef Strutz
Robert Musils Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« als Seismograph und Explikation wissens- und geschlechtergeschichtlichen Wandels. Diese Forschungshypothese ermöglicht nicht nur einen neuen Blick auf den epochalen Roman, sondern auch auf die Veränderungen der Wissens- und Geschlechterordnung im frühen 20. Jahrhundert.
Dabei wird anhand von Musils Schrift einerseits die Präsenz von Wissens- und Geschlechterordnungen in der Literatur und andererseits die konstitutive Funktion literarischer Darstellungsformen für diese Ordnungen selbst aufgezeigt.
Identität und Wirklichkeit im Mann ohne Eigenschaften
AutorIn: Lilith Jappe
HerausgeberIn: Josef Strutz
Wie konstituiert sich das Selbst zwischen Verschmelzung und Abgrenzung? Robert Musils Romanfragment Der Mann ohne Eigenschaften reflektiert diese Frage als eines seiner zentralen Problemfelder.
Lilith Jappe analysiert die Bildsprache des unvollendet gebliebenen Romans und leitet daraus dessen Konzeptionen von Selbstkonstitution ab, die im dialektischen Zusammenspiel von Ich und Wirklichkeit entstehen.
In einem Vergleich zwischen den Reflexionen in Musils Text und psychoanalytischen Vorstellungen von Identität und Selbstkonstitution ergibt sich das Modell eines Selbst mit beweglichen Grenzen.
Studien zu/mit Robert Musil
AutorIn: Hans-Georg Pott
HerausgeberIn: Josef Strutz
Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften wird als ein Lehrbuch für Probleme der Gesellschaft vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute gelesen. Vor allem die Themen Gewalt, kollektive Mythen und eine »Politik der Gefühle« werden mit Verbindungen zur Philosophie und Soziologie untersucht. Mit den erkenntnisleitenden Paradigmen »Möglichkeitssinn« (Kontingenz) und »Gefühl-und-Ratio« war Musil seiner Zeit, den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, weit voraus. Musil zeigt in seinem großen Werk, dass und wie die die Neuzeit prägenden Begriffe wie Subjekt, Vernunft, Sinn unter Kontingenzbedingungen obsolet geworden sind und neu justiert werden mussten. Seine komplexe, ironie-, satire- und reflexionsgesättigte Prosa untersucht u.a. die Funktionslogiken von Subjekt, Seele, Nation, Moral, Geld/Kapital, offener und latenter Gewalt und liefert zugleich ihre Ideologiekritik. Die Formensprachen von Analogie und Gleichnis sind der Schlüssel zum Verständnis des »Senti-Mentalen« als der Bereich, in dem sich Intellekt und Gefühl durchdringen.
Textverfahren zwischen Literatur und Philosophie in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften
AutorIn: Tobias Gnüchtel
HerausgeberIn: Josef Strutz
Die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten. Anhand von Musils Der Mann ohne
Eigenschaften macht Gnüchtel die in Frage stehende »Philosophizität« literarischer Texte als Textverfahren narrativer Argumentation explizierbar.
In Auseinandersetzung mit der literaturtheoretischen und sprachanalytischen Fiktionalitätsforschung sowie der Musilforschung entwickelt Gnüchtel einen Analyseapparat, der Musils Text in ein neues Licht rückt. Er zeigt, wie literarische Erzähltexte philosophische Thesen aufstellen und argumentativ begründen. Musils Werk erweist sich als prototypischer Text, der die Grenzen zwischen Literatur und Philosophie durch Verfahren narrativer Argumentation unterläuft. Die Studie leistet einen systematischen Beitrag zur theoretischen Debatte um Literatur und Philosophie und bereichert die Philologie um wichtige Erkenntnisse zu Musils epochalem Mammutfragment.
Genese und Struktur eines Leitmotivs bei Robert Musil
AutorIn: Johanna Bücker
HerausgeberIn: Josef Strutz
Der Terminus des anderen Zustands wird in Musils Schriften vielfach diskutiert. Dabei bezieht sich dieser keinesfalls nur auf den Roman Der Mann ohne Eigenschaften, sondern lässt sich anhand einer textgenetischen Analyse bereits in Musils Frühwerk nachweisen.
Musil beschreibt das implizite Scheitern des anderen Zustands nicht erst in seinem großen Roman, sondern bereits in seinem Frühwerk – insbesondere in der Novelle Die Versuchung der stillen Veronika. Das Leitmotiv Meer, welches Musil zur Beschreibung des anderen Zustands immer wieder nutzt, wandert sukzessive durch die verschiedenen Genesestufen beider Werkkontexte und verweist doch immer auf die Frage nach einer möglichen Wirklichkeit des anderen Zustands. Daher nähert sich die Untersuchung Musils Werk aus textgenetischer Sicht. Es werden die digitale Musil-Gesamtausgabe (Klagenfurter Ausgabe), die kanonisierten Schriften wie auch die nachgelassenen Notizen herangezogen.
Diskurs und Poetik in Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" und "Vereinigungen"
HerausgeberIn: Josef Strutz
›Stimmung‹ ist um 1900 eine virulente Diskursfigur, die physikalisches, psychologisches, philosophisches, künstlerisches und literarisches Wissen vermittelt. Diese Vermittlung kann aber nicht auf Übertragungen zwischen Disziplinen reduziert werden. Wie die frühen Texte des Ingenieurs, studierten Psychologen und Dichters Robert Musil exemplarisch zeigen, wird das ›Wissen um Stimmung‹ durch die Literatur nicht nur inszeniert, sondern auch transformiert und sogar wieder als Stimmung konstituiert. Im Gegensatz zur bisherigen Forschung sieht Sergej Rickenbacher zwischen Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) und Vereinigungen (1911) keinen Bruch in Musils literarischem Schreiben. Vielmehr lassen sich beide Texte mit einer Kombination von Diskursanalyse und close reading als Elemente der gleichen historischen Wissensformation lesen. Die Studie beschränkt sich aber nicht auf einen wissensgeschichtlichen Kommentar. Vielmehr zeigt sich, dass das ›Wissen um Stimmung‹ in Musils Texten immer auch ein genuin literarisches Phänomen mit ethischer Tragweite ist: Die Stimmungen wirken in Musils Poetik wieder auf den Leser zurück.