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Die beiden frühen lithographischen Alben Dans le Rêve (1879) und Les Origines (1883) von Odilon Redon, im Gegensatz zu weiteren Alben des Künstlers nicht mit konkreten literarischen Texten in Verbindung zu bringen, zeigen eine Verschränkung der Diskurse zu Traum und Imagination als auch zur Evolution. Beide suchen nach allgemeingültigen Grundprinzipien anfänglicher Stadien, die sich im physischen bis hin zur einfachen Zelle, im psychischen in Bezug auf das Bewusstsein auf instinkthafte Stufen vorhergehender, ›niedrigerer‹ Arten zurückführen lassen. Phylogenese und Ontogenese werden ebenso in Traumtraktaten wie beispielsweise Alfred Maurys nicht nur in einen physiologischen, sondern auch psychologischen Zusammenhang zu bringen versucht und in ein Stufenmodell übertragen, das von einem träumenden Vorbewussten bis zum Erwachen des Bewusstseins führt. Das Paradigma einer unbewusst und kontinuierlich schöpferischen Natur wirkt sich dabei auch auf Strategien künstlerischer Selbstdarstellung aus, bei der die Prokreation als wesentliches Merkmal lebender Organismen ebenso den Künstler und seine Schöpfung miteinschließt.

In: An den Rändern des Lebens
Träume vom Sterben und Geborenwerden in den Künsten
Sterben und Geborenwerden liegen an oder jenseits der Grenzen des Lebens. Damit kommen sie stets entweder zu früh oder zu spät, um als authentische eigene Erfahrung mitgeteilt werden zu können. Träume hingegen vermögen in Form von Fiktionen, Imaginationen und Inszenierungen ästhetische Erfahrungsräume für diese extremen körperlichen Übergänge zu eröffnen. In Träumen vom Lebensanfang und Lebensende werden das ohnehin Rätselhafte des Traums, seine Missachtung der physikalischen Gesetze von Zeit und Raum sowie die Infragestellung kultureller Modelle von Identität, Kohärenz und Rationalität noch potenziert. Literarisch-künstlerische Traumerzählungen und Traumbilder finden höchst originelle Ausdrucksformen, um das Abwesende, Unvorstellbare oder nicht realistisch Erzählbare zu vergegenwärtigen und zu vermitteln: Von der klassischen Antike bis in die Gegenwart hinein lassen sich unzählige Träume in Literatur, Kunst, Musik, Theater und Film ausmachen, bei denen die leibliche und sinnliche Erfahrung von den Grenzen des Lebens im Mittelpunkt steht. Solchen Phänomenen des geträumten Geborenwerdens und Sterbens, seinen Wissensdiskursen sowie seinen komplexen künstlerischen Realisierungen widmet sich dieser Band, der sich im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen« als Beitrag zu einer Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des Traums versteht.