in Wahrnehmung des Islam zwischen Reformation und Aufklärung
in Die Enzyklopädik der Esoterik
in Magie und Religion
in Vollkommenheit
in Sol et homo
Erinnern und Vergessen des Ursprungs
HerausgeberInnen: Martin Mulsow und Jan Assmann
Der biblische Mythos von der Sintflut erzählt nicht nur von einer Katastrophe im Sinne von Schrecken und Strafe, sondern auch von einer Katastrophe des kollektiven Erinnerungsverlustes: Das Gedächtnis der Menscheit mußte sozusagen durch das Nadelöhr der Reduktion auf ein einziges Menschenpaar. Was ging dabei verloren? Was wurde aus dem vollkommenen Wissen Adams und der frühen Patriarchen? Was wurde davon erinnert, überliefert? Und auch von einer anderen Perspektive läßt sich nach der Erinnerung fragen: Wie wurde die Katastrophe der Sintflut selbst erinnert? Wurde ihr Schrecken verdrängt, vergessen? Und lebte das Verdrängte fort, indem es der Kultur der Noachiden um so nachhaltiger seinen Stempel aufprägte? Fragen dieser Art sind keineswegs erst nach Freud gestellt worden. Im 17. und 18. Jh. entwickelte sich eine Aufmerksamkeit für die Sintflut, in der sich naturwissenschaftliche Forschung über Fossilien mit chiliastischer Erwartung, mit der Differenzierung von Esoterik und Exoterik, mit Religionskritik, mit Kulturtheorie und mit politischer Anamnese des Despotismus verband. Boulanger etwa sah die gesamte Kultur der Antike als Bewältigungsversuch einer durch den Sintflut-Schrecken geprägten Menschheit an und deutete die heidnischen Mysterien als Antidotum gegen diesen Schrecken, als ›affektive Inversion‹ einer depressiven Mentalität der Angst. Die im Moses-Diskurs transportierten Themen der Idolatrie, des Gesetzes, der Esoterik, der Umkehr und des Spinozismus – allesamt Schlüsselprobleme der frühen Neuzeit – gehen im Sintflut-Diskurs ihre neuen und eigenen Verbindungen ein. 'Sintflut und Gedächtnis' widmet sich der Aufgabe, den gedächtnisgeschichtlichen Aspekt in ihnen herauszuarbeiten. Denn die Sintflut und ihr Vergessen ist in diesen Verbindungen nicht nur das Objekt der Erinnerung, sondern dieses Objekt bringt selbst – das ist die These – eine Reflexion über Vergessen und Erinnern als Grundlagen von Kultur hervor. Aus dem Inhalt Antike Grundlagen Jan Assmann Urkatastrophe und Urverschuldung Norbert C. Baumgart Die Sintfluterzählung im Alten Testament Tradition und Fiktion Anthony Grafton The Chronology of the Flood Wilhelm Schmidt-Biggemann Annius von Viterbo und die Sintflut Völkerfluten und Traumata Remi Brague Die Flut als Metapher von Vergessen und Erinnerung Martin Mulsow Sintflut und Gedächtnis: Von der Hardt und Boulanger Geologische Erinnerung Peter Miller Peiresc’s Study of the Flood Michael Kempe Die Gedächtnisspur der Fossilien Ralph Häfner Figurierte Steine sedimentierte Texte Einschnitt der Geschichte Helmut Zedelmaier Die Sintflut als Anfang der Geschichte Sicco Lehmann-Brauns Politische Theorie im Antediluvium Religion, Idolatrie, Anthropologie Guy G. Stroumsa The Sons of Noah and the Religious Conquest of the Earth: Samuel Bochart and his Disciples Jonathan Sheehan The Stamp of Time Elapsed: Anthropology and the Flood Scott Mandelbrote Newton and the Flood Kunst Mosche Barasch Towards an Iconography of the Deluge Martin Mulsow Bilderinnerung der Sintflut in der Frühen Neuzeit
Angeregt durch die Lektüre von Descartes’ Meditationen suchte Elisabeth von der Pfalz (1618-1680) 1643 den brieflichen Kontakt zu dem berühmten Philosophen. Der sich über sechs Jahre, bis zum Tod Descartes’ im Februar 1650 erstreckende Briefwechsel fesselt durch philosophische Reflexionen wie durch persönliche Betrachtungen. Unter den 59 Briefen der Korrespondenz stammen 26 aus Elisabeths und 33 aus Descartes’ Feder. Der Briefwechsel ist zum einen bedeutsam für all jene, die sich für die Philosophie Descartes’ interessieren, insbesondere für das Verständnis vom Menschen als Körper-Geist-Einheit. Zum anderen dokumentiert er die philosophischen Überlegungen einer der gelehrtesten Frauen des 17. Jahrhunderts und belegt eindrucksvoll, auf welche Weise sich gebildete Frauen der Frühen Neuzeit in den philosophischen Diskurs einbringen konnten.