in Wissenschaft im Einsatz
Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur
Anhand umfangreichen Materials stellt die Untersuchung erstmals den zeitgenössischen Diskurs über den Kolonialkrieg der Jahre 1904 bis 1907 und die Vernichtung der Herero in den Mittelpunkt der Analysen: Sie prüft die Aussagekraft und die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit der publizierten Texte selbst und fragt nach der Verschränkung von historischem Geschehen und seinen diskursiven Kontexten. Der Kolonialkrieg der Jahre 1904 bis 1907 muss als ein zentrales Diskursereignis des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts im Deutschen Reich verstanden werden. Wie aber wurde die Vernichtungspolitik dargestellt und legitimiert? Wie wurde in der Öffentlichkeit ein Konsens darüber hergestellt, dass die Vernichtung „eingeborener Völker“ gerechtfertigt sei? Welche sprachlichen Strategien wurden verfolgt? Auf welche diskursiven Muster wurde dabei zurückgegriffen, die als geschichtliches, kulturelles oder weltanschauliches Wissen Gültigkeit beanspruchen und politisches Handeln motivieren bzw. legitimieren konnten? Die Analyse leistet somit nicht zuletzt auch einen allgemeinen Beitrag zur Erforschung von kollektiver Gewalt und Völkermord.
HerausgeberInnen: Medardus Brehl und Kristin Platt
Feindschaft ist kein 'Phänomen'. Wir können weder Beruhigung darin finden, Feindschaft als anthropologische Konstante, noch als historische, möglicherweise überwindbare Eigenschaft menschlichen Zusammenlebens zu diskutieren. Denn auch zu den Erscheinungsbildern der Moderne gehören Feindbilder, auch Gewalt und Krieg der Moderne werden über Feindschaften legitimiert. Oder ruft gerade die zusammenwachsende Welt der Transnationalisierung aufgrund bestimmter 'Un-Überschaubarkeiten' alte Feindschaften wach, damit Identitäten gesichert werden? Reicht es aus, angesichts der komplexen Struktur moderner Gesellschaften den Feind als das Ergebnis der Eskalation eines Interessenkonfliktes zu deuten? Wird Feindschaft nicht vielmehr konstruiert und aktualisiert über Geschichtsbilder, kulturelle Muster und exkludierende Projektionen, über die Generierung und Tradierung von Feindbildern? Die Beiträge des Bandes untersuchen konzentriert Prozesse und Struktureigenschaften von 'Verfeindung': generationenüberdauernde sozialhistorische und kulturelle Entstehungs- und Überlieferungszusammen-hänge. Die Einbeziehung von konstruktivistischen, system- oder diskurstheoretischen Überlegungen, neue Ansätze zur Rezeption Carl Schmitts, die Berücksichtigung althistorischer Verfeindungsaspekte oder die Arbeit mit Feindkonzepten, die in modernen Medien transportiert werden, eröffnet gerade für die Analyse von Gewaltprozessen in der Moderne neue Blickwinkel. Aus dem Inhalt FRIEDRICH BALKE: Politische Existenz und 'bloßes Leben'. Zur Selektivität des Politischen am Beispiel Carl Schmitts • MEDARDUS BREHL: 'Feinde ringsum!' – Zur diskursiven Konstruktion nationaler Bedrohung im Deutschen Kaiserreichs • GUDRUN BROCKHAUS: Sucht nach Feinden • ACHIM BROSZIEWSKI: Das Risiko der Kommunikation und die Gefahr der Dämonisierung • LUCIAN HÖLSCHER: Der innere und der äußere Feind. Semantische Strukturen der Feindschaft seit dem 18. Jahrhundert • UWE-K. KETELSEN: Warum will der Preuße aus dem Schädel des Panduren süßen Tokayer trinken? Ein Beispiel symbolischer Organisation von Feindschaft am Beginn des bürgerlichen Zeitalters • WOLFGANG PALAVER: Vom Nutzen und Schaden der Feindschaft: Die mythischen Quellen des Politischen • KRISTIN PLATT: Zum Aspekt der Vision in der Aktualisierung kollektiver Exklusionsmuster • JOSEPH VOGL: Beliebige Feindschaft: Amok • CLAUS WILCKE: Altmesopotamische Feindschaft • RAIMAR ZONS: Selbstverfeindung. Zur Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland
Kolonialdiskurs und Genozid
Gewalt und auch vernichtende Gewalt scheinen in den diskursiven Konstruktionen kolonialer Wirklichkeit grundsätzlich angelegt zu sein. Sind also, wie etwa Jean-Paul Sartre meinte, kollektive Gewalt und Genozid zwangsläufige Konsequenzen des modernen Kolonialismus? Oder ist koloniale Gewalt, wie beispielsweise die Vernichtung der Herero, die sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal jährt, situationale Rückfälle in Handlungsstrukturen vormoderner Eroberungspolitik? Im Blickpunkt der Beiträge des Bandes steht die Frage nach dem gewaltgenerierenden Potential kolonialer Diskurse, die im Kontext unterschiedlicher Beispiele der Kolonialgeschichte untersucht werden. Welche sprachlichen Strategien der Exklusion lassen sich in kolonialen Diskursen erkennen? Welche Rolle spielen koloniale Konstruktionen des 'Eigenen' und des 'Fremden' – auch hinsichtlich der Übertragung auf andere Diskursfelder? Gehörte die Vernichtung des 'Anderen', des 'Fremden' explizit oder implizit zum kolonialen Programm? Welche Bedeutung kommt der Kategorie 'Genozid' für das Verstehen kolonialer Gewalt, welche Bedeutung der Analyse kolonialer Gewaltakte für unser Verständnis von Genozid zu? Die Annäherungen des interdisziplinär angelegten Bandes eröffnen in der Fokussierung der Strukturen kolonialer Wirklichkeitskonstruktionen und ihrer Rückbindung an nationale Programme und Zukunftsentwürfe neue Blickwinkel für die Analyse von Gewaltprozessen in der Moderne.