Moral und Religion in Rousseaus politischer Philosophie
Reihe: Periagoge
AutorIn: Michaela Rehm
Was hält die Gesellschaft zusammen? genügt es, wenn der Staat dem Bürger blosse Gesetzestreue abverlangt? Die Autorin bietet eine systematische Einführung in die Philosophie Jean-Jacques Rousseaus, für welche die genannten Fragen zentral sind. Denn Rousseau misstraut einer rein rechtlichen Begründung des Staates und sucht nach einem Band, das die Bürger auch emotional an das Gemeinwesen fesselt und auf diese Weise für Bürger- und Gemeinsinn sorgt. Seiner Ansicht nach kann es gute Politik ohne Moral und Moral ohne Religion nicht geben. Doch eine öffentlich propagierte Religion muss ihm zufolge ein Erzeugnis des Willens der Bürger sein, unablösbar von der rationalen Konstruktion der Gesellschaft durch den Sozialvertrag.
in Rousseaus Ursprungserzählungen
Mehr als jeder andere Philosoph und Schriftsteller hat Jean-Jacques Rousseau eine besondere Form des Diskurses immer wieder benutzt und eindeutig geprägt: die Ursprungserzählung.
Er benutzte sie in vielerlei Kontexten und mit unterschiedlichen Absichten: um die jetzige Welt zu verstehen und zu erklären, um die kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung der Gesellschaft zu kritisieren, um sein Leben zu rechtfertigen und um theoretische Stellungnahmen, etwa über die Entwicklung der Sprache oder der Musik, zu untermauern. Die Ursprungserzählung ist Dreh- und Angelpunkt einer neuartigen Philosophie der Geschichte, die sich nach Rousseau zum beispielgebenden Modell menschlicher Welterkenntnis entwickelte.
Gewiss ist Rousseau nicht der Erfinder der Gattung und er verweist selber auf die großen Ursprungserzählungen, die seine Zeit prägten, vom Buch Genesis bis hin zu den Darstellungen eines Naturzustandes und seiner Entwicklung bei Hobbes, Locke und Montesquieu, von den großen historischen Erzählungen Plutarchs oder Plinius’ bis hin zu den wissenschaftlichen Theorien Buffons. Aber mit seinen Erzählungen erfindet Rousseau die Gattung neu, indem er ihr eine besondere Form und Funktion verleiht.