In: Disasters of War
Series Editor: Mihran Dabag
Die Reihe ist abgeschlossen.
Wie der Mensch sich selbst als Subjekt der Geschichte entdeckt
Wie entstand die besondere Ermächtigung des Menschen zur Gestaltung von Geschichte und Zukunft? Ist der Gedanke der 'Machbarkeit' nicht sogar Ausgangspunkt der neuzeitlichen Wende? In welcher Kontinuität stehen die autoritär-ideologischen oder völkischfaschistischen Gesellschaftsideologien des 20. Jahrhunderts? Welche Visionen werden in der Globalisierungsdebatte erörtert? Die Vorstellung einer grundsätzlichen Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Wirklichkeit scheint ein spezifisches Kennzeichen moderner Gesellschaften zu sein. Ein Kennzeichen, das bisher wenig hinterfragt ist. Eine besondere Herausforderung sucht dieser interdisziplinär angelegte Band, indem er zur Diskussion stellt, inwieweit der politische Plan, eine radikal veränderte Zukunft für eine nächste Generation schaffen zu wollen, gesellschaftliche Gewaltprozesse akzeptiert und legitimiert.
Überlebende des Holocaust in den Ghettorenten-Verfahren
Author: Kristin Platt
Die Studie, die sich mit der Entscheidungspraxis in den sogenannten "Ghettorenten-Verfahren" beschäftigt, zeichnet die gerichtlichen Argumentationen nach, mit denen die Erinnerungen der Antragstellerinnen und Antragsteller als lückenhaft und damit nicht glaubhaft bewertet wurden. Die sozialpsychologische Analyse konfrontiert eine transdisziplinäre Erörterung zur Form von Erinnerung an traumatisierende Erfahrungen im hohen Alter mit der gerichtlichen Praxis der Zuweisung von Glaubwürdigkeit. Dabei werden Konzepte und Schemata der forensischen Aussagepsychologie ebenso wie neueste Ergebnisse der Gedächtnis- und Traumaforschung einbezogen. Wären jene Differenzen des "Kerngeschehens", die im Verständnis der Verwaltung und der Erinnerung der Holocaust-Überlebenden hinsichtlich der Arbeit im Ghetto deutlich wurden, vermittelbar gewesen? Die Studie deckt neben den Verfahrensproblemen Haltungen der Verweigerung auf, die Darstellungen der Überlebenden als vertrauenswürdig zu werten. Als ein Beitrag zu einem Kapitel der jüngsten Zeitgeschichte - der letzten Sachfrage, in der das Verwaltungs- und Rechtssystem Deutschlands mit den jüdischen Überlebenden konfrontiert ist -, verfolgt die Analyse eine disziplinen- und problemübergreifende Diskussion zur Würdigung der Aussagen traumatisierter Zeugen vor Gericht.
Strukturen, Formen, Repräsentationen
Mediterranean Research in the 21st Century
Die Mittelmeerstudien sind in Deutschland ein junges Fach. New Horizons stellt aktuelle und innovative Zugänge zur Mediterranistik vor und gibt transdisziplinäre Impulse für eine systematische Erforschung des Mittelmeerraums.
International führende Spezialistinnen und Spezialisten der Mittelmeerstudien geben in diesem Band Einblick in ihre aktuellen Forschungen. Die Aufsätze decken vor allem methodische Fragen der Mittelmeerforschung ab und entwerfen aus ihren jeweiligen Fallstudien heraus übergreifende mediterranistische Zugänge. Die Beiträge gehen auf eine 2013 veranstaltete Vortragsreihe am Zentrum für Mittelmeerstudien der Ruhr-Universität Bochum zurück.
Grenzen und Möglichkeiten einer Forschungsperspektive
Soziologische Forschungen zu kollektiver Gewalt haben Genozide bis heute selten explizit in den Fokus genommen. Friedrichs Studie zeigt in einer kritischen Rekonstruktion zentraler Ansätze soziologisch orientierter Beschäftigungen mit Gewalt, dass dieses auffällige Desiderat bereits im Theoriedesign und den Paradigmen der jeweils zugrunde gelegten Analysemodelle begründet ist.
Entwickelt wird ein analytischer Ansatz, mit dem die Soziologie Antworten auf die Frage geben kann, wie sich eine »genozidale Gesellschaft« konstituiert, in der Völkermorde als politische Option erscheinen und eine Verwirklichung erfahren.
Koloniale und antisemitische Verräterfiguren »hinter den Kulissen des Welttheaters«
Author: Timm Ebner
Die koloniale Populärkultur boomte im »Dritten Reich«. Dennoch gab es bisher kaum Forschung zu diesem Material.
Mit dem Verlust der Kolonien im Ersten Weltkrieg begann in Deutschland eine postkoloniale Phase, die mit der späteren Dekolonisierung anderer Kolonialreiche kaum vergleichbar ist. Ob als Kolonialismus ohne Kolonien oder als Metapher für den Versailler Vertrag (Deutschland sei »Kolonie der Westmächte«), ob als »Weltgeltung« oder »Weltverschwörung«: Der koloniale Schauplatz verlieh eine globale Dimension. Der seit 1933 geltende permanente Ausnahmezustand richtete sich gegen »Verräter«, die der Aufstandsvorbereitung verdächtigt wurden. Um dieses paranoische Szenario plausibel zu machen, griffen Schriftsteller auf das etablierte Motiv der rassistischen Aufstandsbekämpfung zurück.
Kolonialdiskurs und Genozid
Gewalt und auch vernichtende Gewalt scheinen in den diskursiven Konstruktionen kolonialer Wirklichkeit grundsätzlich angelegt zu sein. Sind also, wie etwa Jean-Paul Sartre meinte, kollektive Gewalt und Genozid zwangsläufige Konsequenzen des modernen Kolonialismus? Oder ist koloniale Gewalt, wie beispielsweise die Vernichtung der Herero, die sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal jährt, situationale Rückfälle in Handlungsstrukturen vormoderner Eroberungspolitik? Im Blickpunkt der Beiträge des Bandes steht die Frage nach dem gewaltgenerierenden Potential kolonialer Diskurse, die im Kontext unterschiedlicher Beispiele der Kolonialgeschichte untersucht werden. Welche sprachlichen Strategien der Exklusion lassen sich in kolonialen Diskursen erkennen? Welche Rolle spielen koloniale Konstruktionen des 'Eigenen' und des 'Fremden' – auch hinsichtlich der Übertragung auf andere Diskursfelder? Gehörte die Vernichtung des 'Anderen', des 'Fremden' explizit oder implizit zum kolonialen Programm? Welche Bedeutung kommt der Kategorie 'Genozid' für das Verstehen kolonialer Gewalt, welche Bedeutung der Analyse kolonialer Gewaltakte für unser Verständnis von Genozid zu? Die Annäherungen des interdisziplinär angelegten Bandes eröffnen in der Fokussierung der Strukturen kolonialer Wirklichkeitskonstruktionen und ihrer Rückbindung an nationale Programme und Zukunftsentwürfe neue Blickwinkel für die Analyse von Gewaltprozessen in der Moderne.
Die Gestaltung des Einzelnen in literarischen Entwürfen
Author: Lasse Wichert
Die Studie untersucht auf breiter Quellenbasis die politische Mythisierung historischer Herrschergestalten und zeitgenössischer Personen in der nationalsozialistischen Literatur.
Analysen der nationalsozialistischen Ideologie zeichnen häufig ein Bild, in dem der Einzelne gegenüber dem imaginierten Kollektiv der „Volksgemeinschaft“ abgewertet würde. Die Studie folgt demgegenüber dem Befund, dass personenbezogene Mythen im Umfeld der nationalsozialistischen Bewegung einen hohen Stellenwert besaßen und fragt nach deren Funktionen und Funktionsweisen. Mit Arminius, Friedrich dem Großen, Albert Leo Schlageter und Horst Wessel stehen Figuren im Fokus, die bisher meist nur unter dem Aspekt der Heldenverehrung betrachtet wurden. Ihre beispielhafte Inszenierung einer politischen Bewusstseinswerdung und Persönlichkeitsentwicklung war allerdings fest konventionalisiert.