in Traumwelten

Träume, die die Geburt eines Kindes und seine zukünftigen Taten (sowie häufig auch der damit verbundene Tod anderer Personen) in verschlüsselter Form prognostizieren, finden sich in mittelhochdeutschen Erzähltexten nicht nur im Kontext berühmter Erzählungen der Antike (z.B. Hekabes Fackeltraum), sondern auch in Heiligenlegenden (vgl. die Umdeutung des Motivs des Fackeltraums in der Dominikuslegende), Chroniken und Exempelliteratur (so etwa in Heinrichs von Mügeln frühhumanistischer Übersetzung der Facta et dicta des Valerius Maximus). Solche Texte regten, trotz der im Mittelalter gleichzeitig überlieferten traumskeptischen Zeugnisse, zum Memorieren und Verschriftlichen von Träumen an und ließen den Traum auch im Mittelalter als ein wichtiges Mittel des Erkenntnisgewinns über die Zukunft fortleben. Die Geburtsträume des fürstlichen Ehepaars im Erzähltext Reinfrid von Braunschweig (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts) machen die Vorstellung erkennbar, dass es ein göttlich veranlasstes Traumgeschehen jenseits des von den Träumenden Geschauten gibt, eine Art auf Veranlassung Gottes erschaffene prognostische Parallelwelt, die insbesondere von der weiblichen Protagonistin nur teilweise wahrgenommen werden kann.

in An den Rändern des Lebens