AutorIn: Nine Miedema

Träume, die die Geburt eines Kindes und seine zukünftigen Taten (sowie häufig auch der damit verbundene Tod anderer Personen) in verschlüsselter Form prognostizieren, finden sich in mittelhochdeutschen Erzähltexten nicht nur im Kontext berühmter Erzählungen der Antike (z.B. Hekabes Fackeltraum), sondern auch in Heiligenlegenden (vgl. die Umdeutung des Motivs des Fackeltraums in der Dominikuslegende), Chroniken und Exempelliteratur (so etwa in Heinrichs von Mügeln frühhumanistischer Übersetzung der Facta et dicta des Valerius Maximus). Solche Texte regten, trotz der im Mittelalter gleichzeitig überlieferten traumskeptischen Zeugnisse, zum Memorieren und Verschriftlichen von Träumen an und ließen den Traum auch im Mittelalter als ein wichtiges Mittel des Erkenntnisgewinns über die Zukunft fortleben. Die Geburtsträume des fürstlichen Ehepaars im Erzähltext Reinfrid von Braunschweig (zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts) machen die Vorstellung erkennbar, dass es ein göttlich veranlasstes Traumgeschehen jenseits des von den Träumenden Geschauten gibt, eine Art auf Veranlassung Gottes erschaffene prognostische Parallelwelt, die insbesondere von der weiblichen Protagonistin nur teilweise wahrgenommen werden kann.

in An den Rändern des Lebens
in Traumwelten
Träume vom Sterben und Geborenwerden in den Künsten
Sterben und Geborenwerden liegen an oder jenseits der Grenzen des Lebens. Damit kommen sie stets entweder zu früh oder zu spät, um als authentische eigene Erfahrung mitgeteilt werden zu können. Träume hingegen vermögen in Form von Fiktionen, Imaginationen und Inszenierungen ästhetische Erfahrungsräume für diese extremen körperlichen Übergänge zu eröffnen. In Träumen vom Lebensanfang und Lebensende werden das ohnehin Rätselhafte des Traums, seine Missachtung der physikalischen Gesetze von Zeit und Raum sowie die Infragestellung kultureller Modelle von Identität, Kohärenz und Rationalität noch potenziert. Literarisch-künstlerische Traumerzählungen und Traumbilder finden höchst originelle Ausdrucksformen, um das Abwesende, Unvorstellbare oder nicht realistisch Erzählbare zu vergegenwärtigen und zu vermitteln: Von der klassischen Antike bis in die Gegenwart hinein lassen sich unzählige Träume in Literatur, Kunst, Musik, Theater und Film ausmachen, bei denen die leibliche und sinnliche Erfahrung von den Grenzen des Lebens im Mittelpunkt steht. Solchen Phänomenen des geträumten Geborenwerdens und Sterbens, seinen Wissensdiskursen sowie seinen komplexen künstlerischen Realisierungen widmet sich dieser Band, der sich im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen« als Beitrag zu einer Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des Traums versteht.