Poetik der Gabe und Selbstreflexion der Dichtung
Eine „Welt- und Völkergabe“ hat Goethe die Dichtkunst genannt. Poesie als etwas Gegebenes sei nicht Gegenstand eines Besitztums. Wie sehr Goethe sich dieser Einsicht auch in seinem poetischen Schaffen bewußt war und sich dieselbe zunutze machte, verdeutlicht seine wohl reflexivste und zugleich poetischste Dichtung: der Faust. Am Leitfaden der Gabethematik unternimmt Peter Brandes eine Neulektüre von Goethes Zentralwerk. Dabei erweist sich, daß Goethes Gabe-Diktum nicht nur die Entstehung und Rezeption des Faust betrifft, sondern auch seine sprachliche und dramatische Struktur. Der Aspekt der poetischen Gabe stellt als ein von der Handlung unabhängiges, reflexives Moment der dichterischen Sprache eine Grundstruktur für den gesamten Faust dar, wie Brandes im Close-Reading-Verfahren aufzeigt. So ist der Faust-Text vor dem Hintergrund neuerer Gabe-Diskurse lesbar als dichterische Gabe des Autors, der diesen Gabenakt selbst in seinem Werk reflektiert.

Der Beitrag untersucht das Zusammenspiel von psychoanalytischem Lebenswissen und literarischem Todeswissen im Hinblick auf die in Thomas Manns Roman Der Zauberberg inszenierten Träume vom Tod. Es soll gezeigt werden, dass die Träume des Protagonisten Hans Castorp eine neue Sicht auf die rhetorischen Darstellungsverfahren der psychoanalytischen Topologie der Seelenkräfte werfen. In Thomas Manns Inszenierungen geträumter Todeserfahrungen wird erkennbar, dass die Topographie des Traums durch die Medien der Kur – Liege und Bett – abgesteckt ist. Castorps Träume vom Tod lassen sich im Kontext des Romans als eine andere Form der Wissensgenerierung lesen, die als eine Poetik des Traumwissens verstanden werden kann.

in An den Rändern des Lebens