Willkür und Wohlwollen
Gnade, das ist das Lächeln der Justitia, das Atemholen des Henkers. Gnade, das ist der dünne Grat zwischen Willkür und Menschlichkeit, die Ausnahme von der Regelhärte des Gesetzes. Noch immer heißt die Todesstrafe gerecht und der grausamste Krieg heilig. Noch immer flehen die Opfer, ob der rechtsstaatlichen Gewalt oder des rechtgläubigen Terrors, um Gnade. Meistens vergeblich. Gnade, das ist aber auch die ungeschuldete Huld des Höchsten. Existiert die Welt nicht aus sich selbst heraus, dann gibt es für uns, die durch das finstere Tal wandern, nur eine ernsthafte letzte Frage: Sind wir die Trauben, die zertreten werden in der Kelter Gottes? Die Antwort der Gnade muss den Grund unserer Unwürdigkeit benennen; und muss dabei doch das Ganze, „die Schöpfung“, im Licht – und der Dunkelheit – eines grundlosen Wohlwollens zeigen.
Nachträge zur Glückseligkeit
Unter den knappen Gütern, um deren Ersetzbarkeit die Menschheit des 21. Jahrhunderts ringt, gehört der Trost zu den unersetzlichen. Darin gründet die Schwäche unserer Kultur, deren Technik, Humanität und Moral doch unübertroffen zu sein scheinen. Strassers Essay spannt den Problembogen vom klassischen »Trost der Philosophie« des Boethius bis zu Ian Flemings James Bond-Erzählung »Quantum of Solace«. Von der Metaphysik bis zur Psychologie reichen die rationalen Versuche, Tröstung zu »organisieren« im finsteren Tal, das wir alle durchwandern. Strasser zeigt, warum das psychologische Modell zu schwach ist. Es verharrt im Subjektiven. Und das Modell der Metaphysik? Dieses verblasst vor den Wissenschaften, die es selbst inthronisierte. Daher sucht der Essay nach Spuren einer »Geborgenheit im Schlechten« – einer objektiven Quelle des Trostes und der ihm eigenen Glückseligkeit.
Eine Einführung in die Religionsphilosophie
Der Antrieb aller Religionen lautet: Erlösung vom Übel. 'Erlösung' ist aber keine statische Idee. Sie entwickelt sich vom Mythos zur aufgeklärten Religiosität. Diese strebt nach einer 'Geborgenheit im Schlechten', einem Welteinverständnis trotz aller Weltübel: 'Es ist, wie es ist, und es ist gut.' Das religiöse Welteinverständnis stützt sich auf metaphysische Überschüsse in unserer Erfahrung: Erstens die Existenz objektiver Werte, welche die Grenzbegriffe des guten Lebens und der Erlösung miteinander verschränken. Zweitens die Existenz des Schönen, nicht nur als Artefakt, sondern auch als Naturgegebenheit. Drittens das 'Wunder' der Existenz, insofern nichts, was faktisch ist, aus sich selbst heraus bestehen kann. Obwohl die Existenz der Übel jedes Bild eines persönlichen Gottes zerstört, sind in der Welt Spuren eines 'Initialereignisses' enthalten, dessen Vollkommenheit keine Einschränkung duldet. Was 'vollkommen' bedeutet, unterliegt einer Blockade, die freilich das religiöse Fragen nicht sinnlos macht, es vielmehr anstachelt.
Gehirne, Computer und das wahre Selbst
Eine stille Subversion
Die Welt als Schöpfung zu betrachten, heißt, sie in all ihrer Schönheit, ihrem Schrecken und ihrer Banalität als etwas zuinnerst Lebendiges – Durchgeistigtes – »anzuschauen«. Heißt dies aber nicht, so die reflexartige Frage, hinter den Stand des heutigen Wissens zurückzufallen? Nein, das heißt es nicht! Kein Mensch, der sein In-der-Welt-Sein wachen Sinnes erlebt, kann das Geheimnis der eigenen Existenz im aktuellen Standardmodell des Wissens, vom Urknall bis zum Genom, wiederfinden. Die Tatsachen des Bewusstseins bleiben diesem Modell fremd. Wir werden zu Gefangenen unserer Hirnhöhle; und was immer der Reduktion auf Lebloses, »Materielles«, widersteht, wird zu bloßem Schein. Wollen wir uns nicht selbst verlieren, dann ist es Zeit für eine Weltbetrachtung gegen den Zeitgeist. Um der Hirnhöhlengefangenschaft zu entgehen und unser Wesen jenseits szientifischer Verengungen zu wahren, bedarf es einer stillen Subversion: Es bedarf, ungeachtet allen neoreligiösen Getümmels, einer Anschauung der Dinge, wonach sich Geistiges als schöpferische Macht entfaltet.
Für eine Philosophie des Geistes
Sind wir tatsächlich nicht mehr als Handlanger unseres Gehirns, das uns in eine Blase von Illusionen einhüllt? Die heutige Wissenschaft scheint mit Ja zu antworten. Dabei merkt sie nicht, dass sie sich selbst in den Rücken fällt: Falls alles illusionsdurchsetzt ist, macht die Hirnforschung keine Ausnahme – auch sie würde nur Illusionen produzieren.
Sollte es kein autonomes Leben geben, müssten Gesellschaft und Staat dem Primat des Gehirns Rechnung tragen. Demnach hätten wir unsere Institutionen, ob Erziehung, Politik, Recht, Überwachung oder Strafvollzug, an unsere Unfreiheit anzupassen. Droht uns eine Diktatur des Gehirns? Strassers Gegenentwurf plädiert für einen »Primat des Geistes«. Unser Bewusstsein lässt sich nicht auf Physik und Chemie reduzieren; ebenso wenig unser personales Wesen: Ichbegabung, Willensfreiheit, Moralität. Wenn uns die Forschung und damit unser Gehirn selbst suggeriert, die Prozesse, die in seinem Inneren ablaufen, seien schon alles, dann äußert sich darin die Grundgefahr unserer Zeit: die Vertreibung des Geistes aus der Welt. Noch ist die Frage offen: Verblödet am Ende alles, indem es so klug scheint wie nie zuvor?
Geborenwerden, Jungsein, Altwerden und Sterben sind einfache Dinge des Lebens. Sie sind für jeden Menschen fundamental. Andere liegen zwischen Geburt und Tod, als oft geübte Tätigkeiten, vom Zähneputzen, Staubsaugen, Fernsehen bis zum Liebemachen. Die einfachen Dinge des Lebens: Immer handelt es sich darum, dass die Dinge, die man tut, in einem das Gefühl wach halten und nähren, das eigene Leben vielleicht nicht üppig, aber ganz zu leben. Und weil den einfachen Dingen des Lebens eine Ahnung vom guten Leben innewohnt, sind sie mit all dem verbunden, was unser Leben mit Sinn begabt: mit dem Sinn des Lebens und - für die, die's betrifft - mit Gott. Es ist daher nicht falsch zu sagen, dass es bei den einfachen Dingen des Lebens immer auch ums Ganze geht; es geht, der Redensart ensprechend, um "Gott und die Welt".
Die Sehnsucht nach Lebendigkeit
Heute sehnen wir uns nach Göttern, deren Wiederkehr auf sich warten lässt. Sie sind Symbole einer entschwundenen Daseinstiefe und Vitalität, während das Mediengeschäft mit den Zombies boomt. Fasziniert uns der Kampf gegen die lebenden Toten deshalb, weil wir uns darin selbst bespiegeln und unsere eigene Lage erkennen? »Alles ist voller Götter«, soll Thales von Milet gesagt haben. Wir entnehmen dem Aphorismus ein Bekenntnis zum Ganzen als Schöpfung. Vorbei die Zeit, da man der Meinung sein konnte, der Mensch werde sich an die Sinnlosigkeit und Wertirrationalität des Weltlaufs anpassen. Mag sein, dass alles Leben bloß Chemie ist. Aber ohne Seele gibt es keine Lebendigkeit. Symptomatisch kreisen unsere Sehnsuchtsfantasien um Begriffe, die wir, unter dem Vorzeichen von Aufklärung und Dekonstruktion, dem Mythos übereignet hatten: Gott, Schöpfung, Seele. Unsere Dunkelheit – so die Hoffnung – möge sich nicht ins Gewaltextrem eines Lebendigkeitsterrors verkehren. Wir suchen nach den Göttern des Thales, nach dem »Seelischen«, das »dem Weltall eingemischt« ist, um unserer eigenen Zombieapokalypse zu entkommen.
Journal zum philosophischen Hausgebrauch
Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug in der Dämmerung. Wenn die Schatten lang werden, ist die Zeit des Begriffs gekommen, der nach Weisheit strebt. Im Grauen des Morgens hingegen ringt das erwachende Bewusstsein um Zuversicht. Noch hat nichts wirklich begonnen und doch ist alles schon im Laufen. Und ist nicht dies die Zeit der Philosophie? Ein Philosoph baut Morgen für Morgen an seinem papierenen Haus des Seins: an seinem Journal zum philosophischen Hausgebrauch.
Dem Philosophen graut vorm täglichen Weltuntergang. Dagegen schreibt er an, wobei er nicht verabsäumt, seinen Lieben das Frühstück zu bereiten. Während draußen die Fakten »Fakten schaffen«, kultiviert er seine Häuslichkeit, seine kleine Welt, in der die große schon immer klirrend Einzug gehalten hat. Die Völker fliehen vor Hunger, Krieg und Tod; im Morgengrauen brechen sie auf, einem Abendland voller Stacheldraht entgegen.
»Es ist, wie es ist, und es ist gut«. Darauf, auf diese Vergeblichkeit hin, ohne die kein Menschsein möglich wäre, schreibt er Morgen für Morgen zu.
Versuch über das unerreichbar Nahe
Gewiss, die Verbrechen des Abendlandes sind Legion. Und doch ist es das Land, wo die bösen Dinge einen Paradieses-Schatten werfen.
Mein Abendland erschöpft sich nicht im Terror des Geschichtlichen. Es ist nicht das Land einer Verkommenheit namens Establishment, das seine Machenschaften der armen dummen verführbaren Masse als Gemeinwohl auftischt.
Stattdessen ist es das Land des Menschenmöglichen: der unverbrüchlichen Rechte des Menschen und einer würdigen Gemeinschaft der Gleichen. Meinem Abendland erwächst der höchste ethische Gedanke: die Menschheit als Gemeinschaft der Völker, die umeinander besorgt sind.
Mein Abendland ist das Land der ort-losen Sehnsucht: Die Gewalt und das Böse mögen für immer von uns weichen! Im Morgengrauen lässt uns dies unerreichbar Nahe auf ein gutes Ende aller Tage hoffen: darauf, dass unsere unglücklichen, gequälten Seelen endlich Ruhe finden.