Eine Geschichte der Ausnahmezustände und Unberechenbarkeiten
Über Jahrhunderte versuchten Militärstrategen und Mathematiker mit einer komplexen konfliktbeladenen Welt fertig zu werden. Wie sie dabei ausgerechnet in Spielen immer wieder eine operative Basis für ihr Denken und Handeln fanden, schildert dieses Buch in historischer Tiefe und medientheoretischer Aktualität. Zum Vorschein kommt eine über ein Jahrtausend währende Folge von unterschiedlichen Kriegsspielen: so das mittelalterliche Zahlenkampfspiel, barocke Ideen über Krieg und Spiel, das Kriegsspiel im 19. Jahrhundert in Preußen und die politischen Planspiele von Reichswehr und Wehrmacht. Hilgers entdeckt bekannte Figuren der Ideengeschichte, die in Kriegsspielen die Gestalt der Kriege ihrer Zeit zu entwerfen suchten: Leibniz, Heinrich von Kleist, Wittgenstein, Carl Schmitt, John von Neumann und andere. Sehr genau zeichnet er nach, wie Kriege ihr Denken und ihre Karrieren entscheidend geprägt haben, und er stellt die Frage, wie es sein konnte, dass Spiele eine Sphäre eroberten, in denen sich menschliches Handeln von seiner unberechenbarsten Seite zeigt. Um die Wechselwirkungen zwischen Schlachtfeldern und Kriegsspielen zu erfassen, geht der Autor auf die großen Umbrüche ein, die die Kulturtechniken der Zeichenanwendungen erfasst haben. Als ein Schlüssel wird der mathematische Diskurs ausgemacht, der allein auf Symbolen beruhende Zeichenapparate hervorbringt und seine Anwendung explizit als Spiel mit Zeichen zu begreifen beginnt.
Von Faltungen des Wissens
Reihe: Kulturtechnik
Nicht nur in der Mathematik wird seit den 1950ern, der Dekade der ersten Computer, mit Rekursionen gerechnet. Auch die epistemologisch orientierten Disziplinen sind dazu übergangen, die Formation neuen Wissens durch Rückgriffe auf vergangene Konstellationen aufzuarbeiten. Denn gerade die Elemente des Wissens, die liegengelassen wurden und keine Modifikation mehr erfahren haben, erweisen sich mitunter als höchst anschlussfähig. Vor diesem Hintergrund messen die versammelten Beiträge Rekursionen eine doppelte Bedeutung in der Geschichte des Wissens zu: Einmal als modus operandi, der der Hervorbringung von Wissen inhärent ist. Und zweitens als wissenschaftliche Methode, die vor epochen- und disziplinenübergreifenden Darstellungen nicht zurückschrecken muss.