Author: Sigrid Ruby

Der Traum und die Geburt sind anthropologische Phänomene, die in produktionsästhetischer und spatialer Hinsicht durchaus ähnliche Fragen aufwerfen. Aus bildkünstlerischer Warte handelt es sich um ebenso interessante wie problematische, mithin prekäre Darstellungsaufgaben, die zur Reflexion des Mediums, von Autorschaft und deren gendering herausfordern. Ausgehend von einem 2007 entstandenen Gemälde der US-amerikanischen Künstlerin Dana Schutz, das eine zugleich ein Kind gebärende und eine Kunstwerk betrachtende Frau zu sehen gibt, untersucht dieser Aufsatz, wie in bildlichen Darstellungen das kreativ-schöpferische Vermögen des Traums beziehungsweise der Geburt gefasst wird, welche bildproduktiven Fähigkeiten ihnen jeweils zugeschrieben werden und inwiefern diese sich berühren, überkreuzen und mit konventionellen Anforderungen an Bilder und Visualität korrelieren. Auf grundsätzliche Ausführungen zur Ikonographie von Traum und Geburt seit der Frühen Neuzeit folgen gendertheoretisch angeleitete Überlegungen zu historischen Kreativitätsnarrativen und damit einhergehenden Anordnungen im und gegenüber dem Bild. Den Abschluss bildet eine vertiefte Lektüre von Schutz’ Werk, das konkurrierende Mythen von Produktivität im Mittel der Malerei zu amalgamieren scheint.

In: An den Rändern des Lebens
In: Traumwelten
Träume vom Sterben und Geborenwerden in den Künsten
Sterben und Geborenwerden liegen an oder jenseits der Grenzen des Lebens. Damit kommen sie stets entweder zu früh oder zu spät, um als authentische eigene Erfahrung mitgeteilt werden zu können. Träume hingegen vermögen in Form von Fiktionen, Imaginationen und Inszenierungen ästhetische Erfahrungsräume für diese extremen körperlichen Übergänge zu eröffnen. In Träumen vom Lebensanfang und Lebensende werden das ohnehin Rätselhafte des Traums, seine Missachtung der physikalischen Gesetze von Zeit und Raum sowie die Infragestellung kultureller Modelle von Identität, Kohärenz und Rationalität noch potenziert. Literarisch-künstlerische Traumerzählungen und Traumbilder finden höchst originelle Ausdrucksformen, um das Abwesende, Unvorstellbare oder nicht realistisch Erzählbare zu vergegenwärtigen und zu vermitteln: Von der klassischen Antike bis in die Gegenwart hinein lassen sich unzählige Träume in Literatur, Kunst, Musik, Theater und Film ausmachen, bei denen die leibliche und sinnliche Erfahrung von den Grenzen des Lebens im Mittelpunkt steht. Solchen Phänomenen des geträumten Geborenwerdens und Sterbens, seinen Wissensdiskursen sowie seinen komplexen künstlerischen Realisierungen widmet sich dieser Band, der sich im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen« als Beitrag zu einer Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des Traums versteht.
Interferenzen zwischen Text, Bild, Musik, Film und Wissenschaft
Das Graduiertenkolleg »Europäische Traumkulturen« an der Universität des Saarlandes verfolgt in der vorliegenden Publikation einen neuen, interdisziplinären Zugang zum Faszinosum des Traums als Ergebnis kultureller und ästhetischer Konstruktionen.
Medienkomparatistisch ausgerichtet, erschließen Wissenschaftler_innen der Alt- und Neuphilologien, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Theologie, Philosophie, Medien-, Film- und Kulturwissenschaft systematisch die Ästhetik und Poetik von Traumdarstellungen in unterschiedlichen Medien. Aus historischer Sicht werden ferner Traum-Paradigmen aus den europäischen Kulturen von der Antike bis zur Gegenwart analysiert. Wie reagieren Künstler und Intellektuelle verschiedener Epochen auf die Erlebniswelt des Traums und auf das Traumwissen ihrer Zeit? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Wissensgeschichte, Kultur und Traumästhetik? Generiert der ›Eigensinn‹ des Traums in den unterschiedlichen Medien neue ästhetische Verfahren?