Sozialphilosophische Modelle zwischen Ethischem und Politischem
Die Beziehung zwischen Ich und Anderem läßt sich als eine dyadische ethische Relation beschreiben. Zum Problem wird eine solche Konzeption mit dem Hinzutreten eines Dritten, der die symbolische und politische Ordnung repräsentiert. Doch der Dritte ist weder Richter noch Vermittler, sondern eine eigenständige sozialphilosophische Figur. Ausgehend von der asymmetrischen Intersubjektivität Emmanuel Levinas' bringt die Studie triadische Modelle zur Sprache, die sich sozialphilosophisch fruchtbar machen lassen. In diesem Sinne werden die Gruppensoziologie Georg Simmels, das ödipale Dreieck bei Sigmund Freud, die symbolische Triade bei Jacques Lacan und der vermittelnde Dritte in Jean-Paul Sartres Phänomenologie und Geschichtsphilosophie herangezogen. Die Rekonstruktion soziologischer, psychoanalytischer und phänomenologischer Modelle des Dritten mündet in die Skizze einer Theorie des Dritten.
in Gesichter der Gewalt
Sprachphilosophische Studien zu Husserls 'erster Phänomenologie der Lebenswelt'
HerausgeberIn: Thomas Bedorf
Kaum jemand prägte den Begriff der Lebenswelt so nachhaltig wie Edmund Husserl. Doch wie entfaltete sich dieses Thema in seiner Philosophie? Und wie veränderte es die Prinzipien der Phänomenologie?Ausgehend von den Logischen Untersuchungen erforscht Erik Norman Dzwiza-Ohlsen die Entstehungsbedingungen der Lebensweltthematik. Am Leitfaden der sog. ‚okkasionellen Ausdrücke‘ – wie ‚ich‘, ‚hier‘ oder ‚jetzt‘ – führt ihn sein Weg zu den zentralen Forschungsfeldern Husserls zwischen 1907 und 1913: Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Personalität und Bedeutsamkeit. Die Analyse gipfelt im Postulat einer frühen ‚Göttinger Lebenswelt‘ der Ideen II (1912–1918), die den Ausarbeitungen rund um die berühmte, spätere ‚Freiburger Lebenswelt‘ der Krisis (1934–1937) gegenübergestellt wird. Damit dringt Erik Norman Dzwiza-Ohlsen zum systematischen Kern eines der erfolgreichsten, aber bis dato unschärfsten Begriffsbildungen des 20. Jahrhunderts vor, der auch im 21. Jahrhundert philosophisch unverzichtbar bleibt: der Lebenswelt.
Innovationen in Soziologie und Sozialphilosophie
In der Funktion des »Dritten« liegt das Potential für eine weitreichende Umstellung der Sozialtheorie. In erkenntnistheoretischer und ethischer Hinsicht ist der Dritte konstitutiv für Subjektbildung, Sozialitätsgenese und Wissenserzeugung.
Die systematische soziologische wie sozialphilosophische Reflexion auf den Status triadischer Intersubjektivität eröffnet neue Perspektiven, wenn es um die Bestimmung der Grenzen des Sozialen, den Übergang von der Interaktion zur Institutionalisierung und umgekehrt um die Rückbindung sozialer Systeme an die konkrete Beziehung geht. Der Dritte erzeugt Differenz, stabilisiert und stört soziale Relationen, stiftet Spielraum und Gerechtigkeit. Insofern ist der sozialtheoretische Paradigmenwechsel vom »Anderen« zum »Dritten« relevant sowohl in ethisch-politischer wie in epistemologischer Hinsicht.
Levinas und Sartre als philosophische Zeitgenossen
Sartre und Levinas gehören zu den Wegbereitern der Phänomenologie in Frankreich und zu den wichtigsten Erneuerern der Philosophie im 20. Jahrhundert. Doch trotz eines gemeinsamen Ausgangspunkts haben sich ihre Wege getrennt, um in unterschiedliche philosophische Abenteuer zu münden: Eine vom politischen Engagement begleitete Ontologie der Existenz und eine von talmudischen Anstössen getragene Ethik der Alterität. Anlässlich des hundertsten Geburtstages von Levinas und Sartre beleuchtet der Band erstmals umfassend dieses spannungsreiche Verhältnis und gewinnt ihm unerforschte und unerwartete Seiten ab, weil er sich nicht mit der Gegenüberstellung einer Philosophie der Freiheit und einer Philosophie der Andersheit begnügt. Die Beiträge messen Nähe und Distanz der beiden Werke ab und zeigen, wo gemeinsame Motive oder an welchen Bruchstellen je unterschiedliche Akzentsetzungen überwiegen.