Das Recht der Literatur
Was wissen Zeugen? Die neue Studie "Zeugenschaft. Das Recht der Literatur" untersucht die gemeinsame Geschichte von juristischer und literarischer Wahrheitsfindung. Ohne das Wissen von Zeugen könnte kaum ein Gerichtsverfahren zu Ende geführt werden. Zeugen sind notwendig, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Dabei ist jedem Juristen klar: Zeugenaussagen stammen von unzuverlässigen Erzählern. Sie geben subjektive Sichtweisen, wo man gern auf Objektivität vertrauen würde. Mit Hilfe des Zeugen aber können Tatsachen im Zusammenhang begriffen werden. Und erst dadurch wird es möglich, über vergangene Ereignisse zu verhandeln. Der Zeuge verkörpert den narrativen Kern des Rechts - und das Recht der Literatur, von Welt und Wahrheit zu erzählen. Das Buch rekonstruiert diesen Zusammenhang ausgehend von der Epoche der Aufklärung, die gleichermaßen ein neues, zeugenschaftliches Beweisrecht und neue literarische Formen schuf, die von der Figur des Zeugen getragen wurde.
in Folter
HerausgeberInnen: Cornelia Vismann und Thomas Weitin
Das Recht gilt vielen Wissenschaften als Modellfall. Für die Systemtheorie und die Dekonstruktion hat es ebenso einen paradigmatischen Status wie für die mediengeschichtlich orientierten Kulturwissenschaften. Woher aber bezieht das Recht seinerseits die Modelle, nach denen es operiert? Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen dieser Frage in historischer und systematischer Perspektive an einem zentralen Akt des Rechts nach: dem Akt des Urteilens und der Entscheidungsfindung. Daran lässt sich der latente Juridismus anderer Disziplinen beobachten sowie umgekehrt der Einfluss ausserjuridischer, etwa philosophischer Theoreme auf die richterliche Praxis. Dies gilt für die antike Rhetorik und Dialektik im Verhältnis zu Verhandlung und Verhör nicht weniger als für die Glaubwürdigkeitcodes und Wahrscheinlichkeitsregeln der Aufklärung. Im 18. Jahrhundert steht das richterliche Urteil in der Spannung zwischen Gesetzmässigkeit und Subjektivität. Schneller als das Recht löst der literarische Markt diesen Konflikt, indem er das Regelwerk der Poetik der Empfindsamkeit opfert. In der aufgeklärten Rechtswissenschaft werden die aus einer solchen Lösung erwachsenden Schwierigkeiten breit diskutiert, worauf wiederum die Literatur mit Geschichten vom bis zum Wahnsinn überforderten Richter antwortet. Von hier aus ist das Urteilen und Entscheiden als eine Praxis zu bedenken, der sich individualisierte Gesellschaften nicht versichern können, ohne sie zugleich zu verdrängen und zu tabuisieren.