in Die Wirklichkeit des Realismus
AutorIn: Till Breyer

Abstract

Bachmanns Erzählung Ein Wildermuth unterzieht die historische Situation der Rechtsprechung in der Nachkriegszeit einer kritischen Reflexion. Der Gerichtsprozess um den Mordfall Wildermuth wird als prekäres und instabiles Gefüge erzählt, und zugleich verweisen die Reflexionen des Richters auf die Probleme der Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Der Aufsatz geht diesen rechtsgeschichtlichen Bezügen anhand der österreichischen Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen bis 1961 nach und rückt das Motiv der Erschöpfung als zentrale zeitdiagnostische Bewegung der Erzählung in den Mittelpunkt: Der Zusammenbruch des Richters und die Unterbrechung des Prozesses reflektieren indirekt die monströse Qualität des NS und seine ideologische Persistenz in der Nachkriegsgesellschaft. Das Motiv der Erschöpfung zeigt sich so als literarisches Symptom einer allgemeineren Krise von Rechts- und Urteilspraktiken.

in Sprache und Literatur
AutorInnen: Till Breyer und Philipp Weber

Abstract

Der Kopflohn (1933), an early novel by Anna Seghers, has a unique status in the field of literary investigations: it gives a literary milieu study of its time, in which the police chases a fugitive in the province of Rhine-Hesse in Germany. The implicit protagonist of the novel, however, is the emerging movement of German National Socialism. The literary investigation thus proceeds as a counter-investigation: It illuminates the spectrum of social and psychological events that take shape in light of the police investigation, and thus depicts the beginnings of fascism. The literary counter-investigation is thus not driven by a single event, but by the emergence of a social disposition. The article then shows that Seghers’ artistic mode of representation is informed by both her dissertation on Rembrandt and contemporary discussions of ‘realism’; furthermore, it argues that the novel establishes ‘counter-investigation’ as a para-genre the history of which leads up to the present, as recent films like Michael Haneke’s The white Ribbon (2009) show.

in Sprache und Literatur
in Sprache und Literatur
Die emphatische Bezugnahme realistischer Texte und Kunstformen auf ein ominöses ›Wirkliches‹ provoziert Nachfragen: Warum häufen sich gerade dort, wo der Bezug zur Wirklichkeit explizit gemacht wird, darstellerische Unschärfen, blinde Flecken und pararealistische Elemente?
Gerade in diesen prekären Wirklichkeitsbezügen identifiziert der Band zur »Wirklichkeit des Realismus« mit Beiträgen von Elisabeth Strowick, Hal Foster, Eva Geulen und Friedrich Balke u.a. einen Indikator des Realistischen in Literatur und Kunst. Realismus wird demnach ausdrücklich nicht im Sinne einer historischen Epochenbeschreibung verstanden, sondern als spezifische Schreibweise der Erzeugung, Erprobung und Ver(un)sicherung von Wirklichkeit. Der Frage, wie sich die »Wirklichkeit des Realismus« sowohl als ästhetisches wie als epistemologisches Problem formiert, geht der Band entlang der thematischen Fluchtpunkte Verdatung, Historizität, Subjektverhältnisse und Krisenwissen nach.