Sammeln - Speichern - Er/zählen
In Wolfgang Ernsts Studie wird die öffentlicher Einsichtnahme eher verborgene Kehrseite der Fabrikation von Vergangenheit als zur Verfügung stehenden Wissens, mithin also das memorialkybernetische, materielle, technische (und damit auch rhetorische) Dispositiv dessen untersucht, was als historischer Diskurs im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hinein seine phänomenologische Ausprägung fand. Zum Thema werden konkrete Objekte aus der Welt der Archive, Bibliotheken, Museen und Institutionen der Datenverarbeitung von Vergangenheit in Deutschland sowie non-diskursive Hilfswissenschaften (Diplomatik, Statistik) als Aufzeichnungssysteme nationaler Zeiträume. Methodisch arbeitet diese Studie bewußt epistemologische Asymmetrien im Umgang mit Daten der Vergangenheit heraus: als Widerstreit zwischen Monument und Dokument, zwischen Gedächtnis und Erinnerung, zwischen Datum und Information, zwischen Archäologie und Historie.
in Zum Planetarium
Eine kleine Geschichtskritik
Wie entsteht historische Information? Wie verschiebt sich der Blick auf die Technologien der Tradition, wenn er von der Geschichts- in die Medienwissenschaft wandelt? Es lohnt, sich für einen Moment von der Befangenheit im historischen Diskurs suspendieren und damit in Bereitschaft versetzen zu lassen, Signale aus der Vergangenheit mit anderen Sinnen zu empfangen.
Wolfgang Ernst befasst sich mit den materiellen, technischen und symbolischen Operatoren der historischen Zeit und interpretiert deren Zeitweisen zugleich als Herausforderung des Begriffs der Geschichte selbst. Emphatische Zeitfiguren lösen sich bei genauem Hinsehen in diskrete Operationen auf; an die Stelle großer Geschichtsbilder tritt konkreter Symbol- und Signalvollzug, der an paradigmatischen, gelegentlich auch anekdotischen Szenarien anschaulich gemacht wird.
in Mikrozeit und Tiefenzeit
in Film im Zeitalter "Neuer Medien"
in Kulturwissenschaften
Schrift, Zahl und Ton im Medienverbund
Reihe: Kulturtechnik
Daß das Melodische an der Stimme notierbar wurde, ist eine kulturtechnische Leistung der altgriechischen Vokalalphabetisierung der Gesänge Homers. Verblüffenderweise wurden mit diesem Alphabet jedoch nicht nur Sprache und Musik, sondern auch Mathematik und Geometrie angeschrieben. Der interessante Befund liegt darin, daß damit von Beginn an – und einer inhärenten medienästhetischen Logik folgend – 'alphanumerisch' avant la lettre operiert wurde. Diese sonst disziplinär entfernten Bereiche medienarchäologisch zusammenzudenken eröffnet eine neue Dimension von Kulturgeschichtsschreibung. Führende Vertreter neuester Forschungen aus den betroffenen Fächern (Altphilologie, Ägyptologie, Archäologie, Epigraphik, Gräzistik, Mathematik und Musikwissenschaft) werden zu diesem Zweck mit Vertretern der Kultur- und Medienwissenschaft – in dieser Form erstmals – ins Gespräch gebracht.
Komplexität und Reduktion
Aus dem Wechselspiel von Komplexität und Reduktion entstehen Welten - die Welten der Wissenschaften, der Künste, der Politik, des Alltäglichen. Reduktion von Komplexität im Rahmen bestimmter Perspektiven, im Rahmen abgegrenzter Weltbilder macht Komplexität handhabbar und verstehbar. Und aus Tun und Verstehen erwächst wiederum neue Komplexität. Wir stehen am Anfang einer Gesellschaft, in der Wissen zum zentralen Bezugspunkt wird. Doch was meinen wir eigentlich mit "Wissen"? Orientiert an traditionellem Denken und moderner Forschung lassen sich drei Formen des Wissens unterscheiden: Explizites Wissen, das, worüber wir reden können, das vor allem die faktischen Ergebnisse der Wissenschaften erfaßt; implizites Handlungswissen, das, was wir können, ohne daß wir Worte dafür haben oder haben müssen; und persönliches Wissen, das sich in unseren bildhaften Vorstellungen und Gefühlen, in den erinnerten Orten, in wichtigen Ereignissen unserer Lebensgeschichte widerspiegelt. Diese drei Wissensformen sind als Säulen menschlichen Wissens engstens miteinander vernetzt und müssen in einer zukünftigen Wissensgesellschaft gleichwertig geformt und gepflegt werden. Wenn wir uns auf jeweils nur eine Wissensform konzentrieren, machen wir uns zu Karikaturen unserer selbst. Nur sprachliches Wissen ist unfruchtbar, nur Handlungswissen ist ziellos, nur persönliches Wissen ist unverbindlich. Im Wechselspiel von Komplexität und Reduktion geht es auch darum, jene Randbedingungen unserer persönlichen Existenz und unserer Gemeinschaft zu verdeutlichen, die für die Gestaltung der zukünftigen Wissensgesellschaft wesentlich sind.
Von Faltungen des Wissens
Reihe: Kulturtechnik
Nicht nur in der Mathematik wird seit den 1950ern, der Dekade der ersten Computer, mit Rekursionen gerechnet. Auch die epistemologisch orientierten Disziplinen sind dazu übergangen, die Formation neuen Wissens durch Rückgriffe auf vergangene Konstellationen aufzuarbeiten. Denn gerade die Elemente des Wissens, die liegengelassen wurden und keine Modifikation mehr erfahren haben, erweisen sich mitunter als höchst anschlussfähig. Vor diesem Hintergrund messen die versammelten Beiträge Rekursionen eine doppelte Bedeutung in der Geschichte des Wissens zu: Einmal als modus operandi, der der Hervorbringung von Wissen inhärent ist. Und zweitens als wissenschaftliche Methode, die vor epochen- und disziplinenübergreifenden Darstellungen nicht zurückschrecken muss.