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Eine jahrhundertlange Tradition hat uns gelehrt, dass die Literatur das Edle befördere und von ihm befördert werde. Goethes Ausruf „Edel sei der Mensch, / Hülfreich und gut!“1 aus einem Gedicht, das er mit dem nicht unbescheidenen Titel Das Göttliche versehen hat, errichtet einen ethischen Imperativ, der das menschliche Verhalten in der Verehrung der Unsterblichen regulieren soll. „Der edle Mensch / Sei hülfreich und gut! / Unermüdet schafft’ er / Das Nützliche, Rechte, / Sei uns ein Vorbild / Jener geahneten Wesen!“2, lautet der Schluss des Gedichts, der das Edle mit dem Nützlichen zu verbinden sucht. In Gedichten, Dramen, Romanen und Erzählungen soll die Literatur an diesem Leitbegriff des Edlen partizipieren. Poetologische Leitbegriffe wie Schillers Konzept der ästhetischen Bildung legen es nahe, dass die Literatur ein zentrales Medium für die Herausbildung eines Subjekts sei, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es seine niedrigen Antriebe – alles, was Schiller unter dem Begriff des „Gemeinen“3 subsumiert – zu beherrschen lerne, um in das von allen sinnlichen Anteilen befreite Reich der Unsterblichen vorzustoßen, die Goethe in Das Göttliche als Vorbilder preist. Die derart zum Inbegriff edler Geistesgesinnung idealisierte Literatur ist spätestens seit dem 18. Jahrhundert – die Ursprünge reichen bis weit in die Antike zurück – Bestandteil eines Dispositivs der Macht, in dem sich im Zeichen des Edlen und Guten das Problem moderner Subjektbildung mit der Frage nach seinen literarischen Darstellungsformen überlagert.

Wo das Göttliche angerufen wird, ist der Teufel aber nicht weit. Als körperliche Figuration des Bösen stört er die Heilsordnung, als Projektion aller gemeinen Antriebe des Menschen unterminiert er den hehren Bereich des Edlen, und das nicht zuletzt in eben den Formen der Literatur, die Goethe und Schiller dem Diktat des Edlen und Würdigen unterstellen. Die Sache verhält sich offenkundig nicht so eindeutig, wie es die Apologeten des Wahren, Schönen und Guten gerne hätten. Ob es sich um Petronius’ Satyricon, François Villons Galgenlieder oder um Sades Invektiven der Lust handelt: Ein großer Teil der Literatur lässt sich nicht nur nicht unter dem Begriff des Edlen subsumieren, er scheint seine Faszination vielmehr gerade aus dem Versuch zu beziehen, die Vorstellung, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Schönen, Guten und Wahren gebe, lustvoll in den Schmutz zu ziehen. Die Literatur, die sich in Schillers Begriffen des Gemeinen und Niedrigen gegen den common sense ganz zu Hause fühlt, erhebt keinen Anspruch auf geistige Erhöhung, sie zieht es vor, sich in den dreckigen Pfützen des Sinnlichen zu suhlen, um dem hehren Triumph des Geistes über den Körper Hohn zu sprechen. Was damit in Frage steht, ist nicht allein eine Ästhetisierung des Bösen, wie sie in der Moderne Baudelaire prominent gemacht hat, sondern zugleich eine Form der Subjektbildung, die dem klassischen Zusammenhang zwischen dem Schönen, dem Wahren und Guten zuwiderläuft. Das Subjekt, das sich in den Texten von Sade und Baudelaire, von Kleist, Dostojewski und Nabokov herausbildet, ist eines, das sich fern aller moralischen oder juristischen Ansprüche als abjekt und niederträchtig, als schändlich und gemein, mit einem Wort: als infam versteht. Der vielschichtige Begriff des Infamen bietet all den Verworfenen eine Heimat, die sich aus dem Paradies des Schönen, Wahren und Guten ausgeschlossen sehen. Er errichtet ein ästhetisches Dispositiv, in dem ein abjektes Subjekt eine eigene Stimme findet, um sich dem Geltungsbereich von Moral und Recht zu entziehen. Die niederträchtigen Helden der Infamie, wenn das Wort des Helden in diesem Fall überhaupt noch einen Sinn behalten dürfte, sind Delinquenten und Triebtäter, vom Glauben abgefallene Mönche und perverse Familienväter, skrupellose Attentäter und Kriegsverbrecher, manchmal auch eine explosive Mischung aus all diesen unheilbringenden Ingredienzien. Das verworfene Subjekt, das sich in fiktionalen Darstellungsformen findet, die der Realität oft unmittelbarer entlehnt sind, als dem scheinbar unbeteiligten Zuschauer oder Leser lieb sein kann, bildet sich in Texten aus, die dazu neigen, die Figur des Autors nicht zu töten, wie Roland Barthes und Michel Foucault es nahelegten, sondern diesen moralisch und affektiv zu affizieren, sogar zu kontaminieren: Autoren des Infamen wie Kleist und Baudelaire, Wilde und Genet, Céline und Littell stehen für eine oft unheimlich anmutende Nähe zum Bösen ein, die sich in der drohenden Nivellierung der Differenz zwischen Fiktion und Wirklichkeit stets am Rande des Skandals bewegt.

Die folgende Studie versteht sich als Beitrag zu einer Geschichte des infamen Subjekts, das seinen Ort nicht allein in den historischen Archiven der Justiz oder der Medizin findet. Ausgangspunkt der Untersuchung ist vielmehr das an absonderlichen Fallgeschichten nicht minder reiche Archiv, das die Literatur in den ihr eigenen Darstellungsformen errichtet hat. Es geht keineswegs um eine simple Chronik skandalöser Taten und ihrer literarischen Darstellung, sondern um Fragen der modernen Subjektbildung im ästhetisch vermittelten Zeichen des Abjekten, Gemeinen und Schändlichen.4 Wie bereits in der Arbeit Die Sprache der Infamie. Literatur und Ehrlosigkeit bewegt sich die Studie in einer Nähe wie einer Ferne zu den Arbeiten Foucaults zugleich: einer Nähe, weil sie die Frage nach dem Zusammenhang von Diskurs, Macht und Subjekt aufnimmt, die Foucaults Auseinandersetzung mit modernen Wissensordnungen leitet, einer Ferne, weil sie diese Frage auf die Literatur bezieht, der Foucault unterstellt hat, stets nur falsche Bilder des Infamen zu liefern. Als zweiter Teil einer Archäologie der Literatur, die sich vornimmt, die Sprache der Infamie zum Gegenstand der Untersuchung zu nehmen, stellt die Studie den Zusammenhang von Infamie und Niedertracht in den Mittelpunkt des Interesses, um zu Formen der Subjektbildung vorzudringen, die zugleich einen Gegendiskurs zu traditionellen Prozessen der kollektiven Gedächtnisformierung verkörpern. Die Studie erkennt im Kontext einer Poetik nicht allein des Ziemlichen, sondern des ganz und gar Unziemlichen und Abseitigen in der Literatur den Ort, an dem eine Form der modernen Subjektbildung zu beobachten ist, die ein eigenes Interesse verdient. Die Arbeit verfolgt so einen poetologischen Ansatz, in dem das Subjekt zugleich mehr und weniger ist als ein unterworfener Souverän der Sprache, ein fragiles Selbst, dessen Konturen es im Lichte des Niederträchtigen genauer herauszuarbeiten gilt – von Shakespeares infamen Königen über niederträchtige Mörder und Attentäter auf der Schwelle der Moderne bis zu den schändlichen Figuren, die das Universum Dostojewskis, Nabokovs oder Célines bevölkern. Was sich in ihren Texten zeigt, ist eine Verkehrung der traditionellen Werteordnung in der Öffnung eines Raums, in dem das Infame und das Edle ihren Platz tauschen. Diesen Raum im Ausgang von literarischen Texten in der ihm eigenen Freiheit von moralischen, juristischen oder politischen Vorgaben sichtbar zu machen, ist die Aufgabe der folgenden Untersuchung, die sich dem Infamen und Niederträchtigen allein zuwendet, um sich schließlich auf angemessene Art und Weise von ihm verabschieden zu können.