Kapitel 1 Einleitung

In: Auf dem Weg zur Philosophie
Author: Tobias Brücker
Open Access

If the inline PDF is not rendering correctly, you can download the PDF file here.

Mit «Philosophieren» bezeichnet man gemeinhin die Tätigkeit des Nachdenkens. Ein bekanntes Sinnbild dafür schuf Auguste Rodin in seiner Skulptur «Der Denker»: sitzend, vornübergebeugt und das Kinn auf die Hand gestützt. Damit verbunden ist die Vorstellung des Selbstdenkens, welches ohne Hilfsmittel und Methoden auskommt. Im Selbstdenken kulminiert das Ideal eines autonomen, freien und selbsterkennenden Denkersubjekts. Dies entspricht auch einem traditionsreichen Selbstverständnis der Philosophie: So unterscheidet Martin Heidegger ausgerechnet anhand von Nietzsche-Zitaten das philosophische Denken von der ‹methodischen› Wissenschaft: «Anders als im wissenschaftlichen Vorstellen verhält es sich im Denken. Hier gibt es weder die Methode noch das Thema […].»1 Dabei geht vergessen, dass Philosophen notieren, umschreiben und korrigieren; dass sie lesen und diskutieren; dass sie eingebunden sind in je zeitgenössische Lohnsysteme, Buchdruckverfahren und in den Buchmarkt; und dass ihr Denken in einem persönlichen Alltag stattfindet. Es geht aber auch vergessen, dass eine lange Reihe von Philosophen – inklusive Heidegger – ihr Denken mit spezifischen Landschaften, Fortbewegungsweisen und Schreibstilen verbunden sahen: beispielsweise Montaignes Wanderungen und seine Essays, Rousseaus Spaziergänge und seine Träumereien, Heideggers Hütte in Todtnauberg und seine Holzwege – und Nietzsches Spaziergänge und seine Aphorismen. Die Frage, mit welchen Techniken und in welchen Situationen philosophiert wird, ist die Frage nach der Werkstatt der Philosophie.

Mein Dissertationsprojekt versucht diese Frage anhand von Friedrich Nietzsches 1879 in St. Moritz entstandenem Aphorismenbuch Der Wanderer und sein Schatten exemplarisch zu beantworten. Das Buch soll durch den Einbezug aller Manuskripte und Quellen in Form und Gehalt verständlicher werden sowie den Blick über das «fertige Buch» hinaus öffnen. Durch die Analyse von Nietzsches Manuskripten und seiner Schreibsituation erkennt man Eigenschaften philosophischer Arbeit, die über sein Werk hinausweisen. Dieses Vorhaben ist einerseits ein Beitrag zur Nietzscheforschung, andererseits eine exemplarische Fallstudie zur Frage nach der materialen Entstehungsweise von Philosophie. Der Verständlichkeit halber werden folgende drei Buchtitel in der Folge abgekürzt: Menschliches, Allzumenschliches durch Menschliches, Vermischte Meinungen und Sprüche durch Vermischte Meinungen und Der Wanderer und sein Schatten durch Wanderer.

Hans-Jörg Rheinberger verfasste eine wissenschaftshistorische «Biographie» der molekularbiologischen Proteinsynthese, in der er überzeugend darlegen konnte, dass es eine «Geschichte der materiellen Kultur der Naturwissenschaften und der experimentellen Arrangements» gibt, die nicht von den gewonnenen Erkenntnissen isolierbar ist.2 Doch wie steht es um das Material der Philosophie und dessen Verarbeitung? Während die Wissenschaftsforschung zahlreiche Studien zu natur- und sozialwissenschaftlichen Arbeitsweisen vorzeigen kann, gibt es kaum umfassende Untersuchungen zur Philosophie. Anknüpfend an Rheinbergers Vorhaben untersuche ich in meiner Fallstudie zum Wanderer die «experimentellen Arrangements» von Nietzsches Arbeitsweise. Nietzsches Schreibsituation und ein naturwissenschaftliches Experiment sind angesichts der Tatsache, dass sich in jedem Experiment Begriffe und Praktiken vermischen, nicht grundverschieden.3 Jedoch fehlen die Labore, wissenschaftlichen Instrumente, Apparate, Proben, Präparate, Protokolle und Datenspeicher. Rheinberger hat bereits die Hypothese aufgestellt, «ob nicht das Schreiben für den Geisteswissenschaftler so etwas wie ein Experimentalsystem darstellt.»4 Beschränken sich demnach die materialen Spuren bei Philosophen bestenfalls auf Manuskripte? Freilich nicht: Die Akteure der Entstehungsgeschichte des Wanderers sind Notizbücher, Druckmanuskripte, Schreibzeug, Briefe, Lektüren, Landschaften, Diäten und Schreibverfahren – aber auch Nietzsches Haltungen und Strategien zu Schreiben, Denken, Werk und Autorschaft. Durch die Fokussierung auf das Jahr 1879 und den umfassenden Einbezug aller Manuskripte, Korrespondenzen und Belege wird ein möglichst genaues Bild vom materialen Entstehungsprozess eines philosophischen Buches bei Nietzsche gezeichnet. Die Bezeichnung «Entstehung» ist nicht mit der Frage nach Intentionen oder Ursprüngen von Nietzsches Philosophie zu verwechseln. Es geht auch nicht darum, die Philosophie als materialistische Summe von Schreibprozessen und Alltagspraktiken darzustellen. Vielmehr sollen im Sinne einer Genealogie die verschiedenen Anfänge, Akteure, Kontingenzen, Umstände und Wandlungen sichtbar werden, welche die Entstehung des Wanderers begleiten.5 In diesem Sinne gibt es zwar keine «Ursprünge» von Nietzsches Gedanken, jedoch sehr wohl wiederkehrende Schreibsituationen und begriffliche Verschiebungen, die ihrerseits Raum für neue Gedanken schaffen. Trotz aller Vorsicht ist eine nie zu tilgende Faszination für Entstehungsgeschichten an solch einem Forschungsthema beteiligt. Der junge Nietzsche brachte dies in einem Entwurf zu seinen Studien über Diogenes Laertius auf den Punkt: Die Frage nach den Quellen und der «Genesis eines Buches» will zwar ein Buch «verständlicher» machen, führe aber auch zum Wunsch, «daß der Prozeß seines Werdens [des Buches] sich langsam vor unserm Blick enthülle».6

Nietzsches weitgehend überlieferte Manuskripte von 1879 zeugen von einer intensiven philosophischen Schreibarbeit. Das Notieren, Exzerpieren, Umschreiben, Reinschreiben, Kompilieren, Korrigieren und Publizieren sind nicht nur Schreibprozesse, sondern zugleich philosophische Arbeitstechniken. Denn durch das Umschreiben, Streichen oder Korrigieren verändert sich der philosophische Sinn. Die individuell strukturierten Schreibprozesse formieren sich wiederum zu einem Schreibverfahren.7 Schreibverfahren sind zweckbezogen, beispielsweise auf einen Vortrag oder ein Buch. Zudem folgen Schreibverfahren einer «situativen Logik».8 Ein Schreibverfahren situiert sich in einer Umgebung, die in Nietzsches Fall durch Spaziergänge, Diäten und Kurorte strukturiert wurde. Deshalb sind die verschiedenen Schreibverfahren in das eingebettet, was ich im Verlauf dieser Arbeit als Schreibsituation bezeichnen werde. Da Autoren und Schreibsituationen sich wechselseitig formieren, haben Schreibverfahren besonders bei philosophischen Schreibprojekten eine produktive wie philosophische Relevanz. Die Philosophie entwickelt sich im und beim Schreiben weiter. Ich will aufzeigen, inwiefern Schreibprozesse, Schreibverfahren und Schreibsituation, aber auch Autorschaftsstrategien, Publikationsverfahren und Werkpolitik an der entstehenden Philosophie teilhaben. Nur selten werden Philosophen anhand dieser Aspekte analysiert – und noch seltener einzelne philosophische Werke. Die vorliegende Dissertation versucht zu zeigen, dass der Einbezug von Manuskripten und der Schreibsituation nicht nur zusätzliche Erkenntnisse bringt, sondern auch den Text selbst auf gewinnbringende Weise verstehen lässt.

Bei der Forschung an einem Fallbeispiel besteht stets die Gefahr, dass man sich im Besonderen verliert. Zwar wurden für die vorliegende Untersuchung neben dem publizierten Wanderer hauptsächlich Quellen im Umkreis des Jahres 1879 berücksichtigt, jedoch mit einem Fokus auf vier philosophische Themenblöcke, die weit über das Jahr 1879 hinaus für Nietzsches Philosophie bedeutend sind. Allein die in dieser Arbeit zentrale Diätetik hat Nietzsche bis in seine letzten Werke hinein begleitet: nicht nur philosophisch, sondern auch in seiner diätetisch strukturieren Lebens- und Produktionsweise. Deswegen ist der Hauptteil dieser Arbeit in vier thematische Blöcke aufgeteilt, die ich zusammen mit dem Schlussteil kurz skizziere.

Fünf Gründe gegen das Schattendasein des Wanderers

Der Wanderer fristet ein Schattendasein in der Rezeption. Er ist eines der wenigen Werke Nietzsches, zu dem noch keine eigene Untersuchung gemacht wurde. Das liegt auch an Nietzsche, der 1886 im Rahmen der Neuausgaben seiner Werke den Wanderer mit den Vermischten Meinungen als Menschliches, Allzumenschliches II zusammenfasste. Der Herausgeber der englischen Werkausgabe, Gary Handwerk, erneuert in seinem Nachwort das in der Rezeption latent vorhandene Vorurteil gegen den Wanderer: Der Wanderer sei «not in any strong sense a step forward philosophically for Nietzsche, but rather a further distillation and re-rendering of the insights he achieved subsequently to his traumatic separation from Wagner, nourished by his everdeeper immersion in illness and isolation.»9 Diese Haltung wird weder der Publikationsgeschichte noch den philosophischen Inhalten des Wanderers gerecht. Es mag zwar stimmen, dass der Wanderer kein philosophisches Meisterwerk ist. Doch hängt dieses Urteil davon ab, was man unter Philosophie versteht. Bezieht man die St. Moritzer Schreibsituation sowie die Werkpolitik der ersten drei Aphorismenbücher in die philosophische Analyse mit ein, gerät ein scharfsinniges und interessantes philosophisches Unternehmen in den Blick.

Um die ‹Bergung› des Wanderers vorzubereiten, wird zunächst der Forschungsstand sowie die Methode dieser Arbeit vorgestellt (2.1). In der Folge wird nachgewiesen, dass der Wanderer mehrheitlich eine formal wie inhaltlich eigenständige Publikation war (2.2). Diese Eigenständigkeit verdankt sich aber nicht nur den philosophischen Aussagen, sondern auch den spezifischen Schreibverfahren und der Schreibsituation (2.3). Aus diesem Grund wird die Entstehung des Wanderers anhand der Schreibverfahren und der Schreibsituation detailliert rekonstruiert.

Das erste der vier Kapitel im Hauptteil widmet sich dem Thema «Schreiben und Autorschaft» (3.1). Nietzsche begann ab Menschliches (1878) vermehrt die Arbeit der Künstler, Schriftsteller und Philosophen durch Arbeitstechniken, kulturelle Praktiken und andere Lebensumstände zu erklären. Aus diesen Abschnitten lassen sich viele Reflexionen zu Schreiben, Arbeit und Autorschaft ableiten. Nietzsche kritisiert die Genieästhetik und stellt ihr einen Handwerker-Autor gegenüber. Immer wieder kommt es ihm darauf an, dass jedes Werk eine materiale Genese durchläuft. Das gilt besonders für das Schreiben, welches nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern als sinnstiftendes Gedanken- und Erkenntnisverfahren verstanden wird. Mit Blick auf die damals viel beachteten Notizbücher Beethovens schreibt Nietzsche: «Alle Grossen waren grosse Arbeiter, unermüdlich nicht nur im Erfinden, sondern auch im Verwerfen, Sichten, Umgestalten, Ordnen.»10 Entsprechend bekommt die Schreibsituation in philosophischer und praktischer Hinsicht einen höheren Stellenwert. An den Figuren des Wanderers und seines Schattens entfaltet sich im Rahmendialog eine vieldeutige Reflexion über das Verhältnis von Autor, Schrift und Leser sowie über die lebendigen Praktiken des Schreibens und Lesens.

Das Kapitel zu «Schreiben und Lesen» behandelt die sich zwischen 1876 und 1879 häufenden Aussagen über die Rolle der Leser bei der Lektüre von poetischen und philosophischen Texten (3.2). Auffällig sind Nietzsches unveröffentlichte Leseanleitungen zu seinen Aphorismenbüchern, welche unterschiedliche Lektürepraktiken nahelegen: So kann man einerseits Aphorismen langsam, wiederholt und mit philologischer Genauigkeit lesen; andererseits in Aphorismenbüchern blättern, hin und her springen und sich erholsam anregen lassen. Dieses lockere Lesen zeichnet sich dadurch aus, dass den Lesenden im Umgang mit dem Buch erhebliche Freiheit zugestanden wird. Obwohl beide Lesetypen nicht klar voneinander zu trennen sind, thematisieren sie unterschiedliche Lesepraktiken. Die Autorinszenierung ist verknüpft mit diesen Lesepraktiken: So entspricht bei Nietzsche dem lockeren Typus ein geschwätziger und humorvoller Autor, dem philologischen Typus ein handwerklicher und künstlerischer Virtuose der Schreibtechniken. Die philologische Lesekunst ist in der Nietzscheforschung breit rezipiert, während das lockere Lesen nur selten thematisiert wird. Besonders der Wanderer legt diesen Lesetyp nahe, weil es ein vergleichsweise unstrukturiertes und frech geschriebenes Aphorismenbuch ist. Zudem wird im Rahmendialog anstelle der philosophischen Dialektik das lockere Geschwätz favorisiert. In einem weiteren Schritt wird an der damaligen Lektüre Nietzsches die zweifache Faszination für das philologische und lockere Lesen aufgezeigt. Waren es anfangs noch Sentenzenbücher französischer Moralisten, welche Nietzsche stilistisch beeinflussen, so sind es in den Vermischten Meinungen und im Wanderer zunehmend die Prosawerke englisch-amerikanischer Schriftsteller wie Jonathan Swift, Mark Twain und Lawrence Sterne. Ausgehend vom philologischen und lockeren Lesen wird dann aufgezeigt, inwiefern Nietzsche mit seinen Aphorismenbüchern einen Weg sucht, beiden Ansprüchen gerecht zu werden, indem er dem Leser im Sinne seiner Tourismuskritik eine aktive und «interessante» Lektüre bietet.

Im Kapitel zu «Schreiben und Diätetik» geht es um die im Wanderer präsentierte Lehre der «nächsten Dinge», nach welcher man sich von Politik und Wissenschaft abwenden, und dem eigenen Alltag zuwenden soll (3.3). Einfache Dinge wie Essen, Wohnen, Heizen oder Kleiden werden zur primären Angelegenheit der philosophischen Selbstbeschäftigung. So erklärt Nietzsche die Hochkultur der Griechen aufgrund ihrer besseren Lebensweise bezüglich «Speise und Trank». Er fordert ferner, dass jeder Mensch in seine diätetisch- klimatisch geeignete Umgebung verpflanzt werden solle.11 Der Fokus auf den Alltag ist erstaunlich, weil in Menschliches wenige Jahre zuvor mehrheitlich elitäre Ambitionen im Vordergrund standen. Nietzsches Lehre der «nächsten Dinge» ist zudem auffällig eng mit seiner Lektüre der damaligen populären Ratgeber- und Diätetik-Literatur verbunden. Dies hat auch Auswirkungen auf die St. Moritzer Schreibsituation: So sollen in St. Moritz nur Gedanken notiert und verarbeitet werden, die Nietzsche in frischer Luft auf Spaziergängen eingefallen sind. Zudem betreibt er Zimmergymnastik, verordnet sich eine selbst erfundene Diät und rühmt sich, sein Essen selbst zuzubereiten. Am Wechselverhältnis zwischen der St. Moritzer Schreibsituation und der dabei entstehenden Philosophie lässt sich die Bedeutung der diätetischen Ratgeberliteratur darlegen. Leben und Denken werden nunmehr als Praktiken verstanden und sind deshalb durch Techniken und Ratgeber optimierbar.

Im Kapitel zu «Schreiben und Demokratie» geht es um die auffälligste Eigenheit des Wanderers: Nietzsche wendet sich 1879 vom Krieg ab und der Demokratie zu (3.4). Vor 1879 war für Nietzsche das Fortbestehen einer Kultur mit Krieg verbunden. Im Zeichen der unaufhaltsamen Demokratisierung und Europäisierung strebt Nietzsche eine friedliche Entwicklung mit Ersatzformen des Krieges sowie eine Selbstaufklärung der einzelnen Bürger an. Nietzsches Demokratieannäherung ist aber keine bedingungslose Befürwortung derselben: Die direkte Demokratie birgt Gefahren und bedarf mässigender Institutionen. Die Kohärenz der politischen Ansichten ergibt sich weniger aus einer philosophischen Systematik, als aus den beiden Zeitmodellen des Allmählichen und des Plötzlichen. Zudem kann gezeigt werden, dass Nietzsche mit seinen drei ersten Aphorismenbüchern und insbesondere mit dem Wanderer eine demokratische Werkpolitik verfolgt hat. Diese zeigt sich ebenso in der Forderung einer übersetzbaren und verständlichen Prosa wie auch im Potenzial der Selbstaufklärung, welches Aphorismenbücher besonders auszeichnet.

Im Schlussteil wird dargelegt, inwiefern Nietzsche mit dem Wanderer auf dem Weg zu seiner Philosophie ist. Dabei wird sich zeigen, dass die Bedeutung dieses Buches für Nietzsches Philosophie nicht bloss im Text, sondern auch in der Produktionsweise und der Werkpolitik liegt. In einem ersten Schritt wird das Verhältnis von Autorschaft und Material reflektiert, welches den Aphorismenbüchern zu Grunde liegt (4.1). Wie kommt es, dass Nietzsche in den eineinhalb Jahren zwischen Menschliches und dem Sommer 1879 lockerer schreibt, eine Diätetik des Alltags fordert, sich der Demokratie annähert und gegen den bewaffneten Krieg ist? Diese Selbstveränderung geschieht nicht zufällig, sondern ist Teil des Programms der so genannten Philosophie des Werdens (4.2). Diese Philosophie macht das persönliche Werden des Philosophen zu ihrem Gegenstand. Der Wanderer ohne Ziel steht für ein werdendes Denken, das feste Überzeugungen und damit eine mögliche Erstarrung verhindern will. Doch das Ideal des philosophischen «Wanderers» hat eine materiale Seite der Produktion und Publikation: Das Prinzip des Wanderns wird ebenso durch die Aufzeichnung persönlicher Gedanken befördert, wie auch durch die Publikation von drei Aphorismenbüchern in mehrheitlich ähnlichem Aufbau. Die fortlaufende Notizproduktion sowie die relativ schnelle Verarbeitung ermöglichen eine publikationsstrategische Umsetzung von Nietzsches Philosophie des Werdens. An den zeitgenössischen Reaktionen wird sich zeigen, dass das konstante Überführen des Lebens in notierte Gedanken und von Notaten in Aphorismen ein Affront gegen die Aufgabe der Philosophie ist, feste und gut begründete Überzeugungen hervorzubringen. Nietzsche legte in den Vermischten Meinungen und im Wanderer immer weniger Wert auf ‹fertige› Gedanken und Werke. Er hat seine Produktionsweise mit einer Werkpolitik verbunden, die den Prozess des eigenen Werdens von den Notizbüchern auf den Buchmarkt trug und dabei bereits das Verweisspiel eines Gesamtwerkes im Blick hatte. Die Veröffentlichung der eigenen Entwicklung samt Änderungen und Widersprüchen verlangt eine philosophische Redlichkeit, die gleichzeitig philosophisch und performativ realisiert wird. In dieser Philosophie liegt bereits vor, was später in der Fröhlichen Wissenschaft als «Kunst der Transfiguration» bekannt geworden ist, nämlich die Bedingung, dass ein Philosoph durch viele Gesundheiten und Philosophien hindurchgegangen sei.12 Am Schluss wird die Frage nach der Werkstatt des Philosophen wieder aufgenommen (4.3). Der Wanderer ist das Resultat des Experiments, die Notate der St. Moritzer Schreibsituation zu einem Buch zu verarbeiten. Die Bindung der persönlichen Denkentwicklung an das Schreib- und Publikationsverfahren ermöglicht gleich einem Experimentalsystem ein performatives Vorwärtstreiben der Philosophie des Werdens. Der Wanderer ist weniger ein Aphorismenbuch, als das Resultat eines Schreibverfahrens und einer damit verknüpften Auffassung von Autorschaft.

1

Heidegger 1985, S. 168.

2

Rheinberger 2001, S. 10.

3

Vgl. Rheinberger 1992, S. 14 sowie S. 24-32.

4

Rheinberger 2011, S. 279.

5

Vgl. Foucault 2007, S. 103-106.

6

BAW 5, S. 126.

7

Zum Begriff des Schreibverfahrens vgl. Hoffmann 2008a, S. 12f. und Hoffmann 2010.

8

Hoffmann 2010, S. 188.

9

Handwerk 2012, S. 561.

10

MA 155, KSA 2, S. 146.

11

WS 184, KSA 2, S. 632; WS 188, KSA 2, S. 634f.

12

FW, Vorrede 3, KSA 3, S. 349.

If the inline PDF is not rendering correctly, you can download the PDF file here.

Auf dem Weg zur Philosophie

Friedrich Nietzsche schreibt «Der Wanderer und sein Schatten»

Series: 

Metrics

All Time Past Year Past 30 Days
Abstract Views 0 0 0
Full Text Views 60 20 1
PDF Downloads 43 14 3