Freier Zugang
Anmerkungen

Der volle Text des Liedes lautet:

Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein // Und auch uns ham sie was erzählt // Und dann macht man das //alles und versucht so zu sein // Und dann merkt man, dass einem was fehlt // Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren // Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum // Und während ihr fleißig Pläne macht // Lachen die Götter sich krumm // // Lasst eure Kinder mal was dazu sagen // Hört ihnen richtig zu // Die spürn sich noch, die ham Feeling für die Welt // Die sind klüger als ich und du

Und denkt dran bevor ihr antwortet: // Ihr seid auch nur verletzte Kinder // Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome // und ihr wart die Erfinder // Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht // „Werd erwachsen“ und „bist du naiv“ // Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben // Die Götter lachen sich schief

Achtet auf Schönschrift und Lehrpläne // Und dass sie die Bleistifte spitzen // Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern // Während sie drinnen an Tischen sitzen // Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen // Und am Nachmittag RTL 2 // Am Wochenende geht’s was Schönes kaufen, fertig ist der Einheitsbrei // Und jeder der sich nicht anpasst // Wird zum Problemkind erklärt // Und jede, die zu lebhaft ist // Kriegt ‘ne Pille damit sie nicht stört // Und damit betrügt ihr euch selber denn // Kein Kind ist ein Problem // Und all die Freigeister, all die Schulschwänzer // Nur Symptomträger im System

Doch bedenkt wenn ihr so hart urteilt: // Ihr seid auch nur gefangene Geister // Der Unmut wird immer lauter // Und die Lehrer schreien sich heiser // Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll // Sondern nur, wer er nun mal ist // Die Götter pullern sich ein vor Lachen // Und ihr denkt, dass ihr was wisst

Und wenn Hänschen dann Hans ist // Der eigene Kinder hat, denen er was erzählt // Dann merkt Hans und Kunz, und ihr vielleicht auch // Dass wieder irgendwas fehlt // Ihr habt Wünsche und Träume // Und rennt damit ständig an imaginäre Wände // Und jeder Wunsch, den ihr euch erfüllt // Der ist dann halt auch zu Ende // Geht ihr nur malochen für erfundene Zahlen // Und wartet, bis die Burnouts kommen // Schmeißt euer Geld für Plastik raus // Um ein kleines Glück zu bekommen // Das Beste aus Cerealien und Milch // Noch ‘n Carport und noch ‘n Kredit // Und alle finden’s scheiße, aber alle machen sie mit

Ihr klugscheißert und kauft trotzdem // Und die Werbung verkauft euch für dumm // Und dann sitzt ihr vor neuen Flachbildfernsehern // Und meckert auf den Konsum // Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd // Die Götter lachen sich krumm

Ihr Traumverkäufer, Symptomdesigner // Merkt ihr noch, was passiert? // Wer hat euch das Land und das Wasser geschenkt // Das ihr jetzt privatisiert // Ihr Heuchler, ihr Lügner, ihr Rattenfänger // Ihr Wertpapierverkäufer // Man hat euch // Geist und Gefühl gegeben // Und doch seid ihr nur Mitläufer // Ihr großen, vernarbten, hilflosen Riesen // Ihr wart doch auch mal klein // Und jemand hat euch mit Schweigen gestraft // Und ließ euch darin allein //

Und jetzt hört ihr nicht nur die Götter nicht lachen // Ihr hört auch ihr die Kinder nicht weinen // Und sagt ihnen weiter, es würde nicht wehtun // Ohne es so zu meinen // Macht ihr ruhig Pläne, ich steh am Rand // Ich sehe euch und ich bin nicht allein // Hinter mir stehen mehr und mehr Weltfremde // Die passen auch nicht hinein // Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende // Den Gefallen tu ich euch nicht // Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe // Die das Unwohlsein wieder bricht // Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen // Und falls es mich dann nicht mehr gibt // Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört // Und dies unhandliche Lied

Die Zitate stammen aus einem Vortrag Spitzers, der bei Youtube in voller Länge angeschaut werden kann. Die Webadresse lautet: https://www.youtube.com/watch?v=LftI9pYDg7I (23.2.2017)

Dass Lesch in ihrer Distanzierung nicht eine wie auch immer geartete „linke“ Kritik am Kapitalismus wählt, ist vor diesem Hintergrund vielsagend und zeugt nicht zuletzt von einem durchaus sicheren intellektuellem Gespür. Kapitalismuskritik wird heute von Rechten nicht weniger besetzt als Kulturkritik, was vor allem daran liegt, dass sie sich – wie noch zu zeigen sein wird – historisch betrachtet seit jeher zuvörderst als Verteilungs- und Herrschaftskritik verstanden hat und damit Fragen, die sich, zumindest in ihrer auf Schlagworte reduzierten Form, durchaus harmonisch in ein rechtes Weltbild einpassen lassen.

Die zitierten Autoren stehen natürlich nicht für eine so vereinfachte Form der Gesellschaftskritik wie die hier dargestellte Erzählung von der Leistungsgesellschaft. Vielmehr sind die Kernelemente ihrer Theorien: Individualisierung (Beck), Beschleunigung (Rosa) und Depression (Ehrenberg) in der öffentlichen Diskussion zu einem neuen Metadiskurs fusioniert, der sich in kritischer Absicht um Begriffe wie Leistung und Erfolg rankt.

Mit Kohärenz ist an dieser Stelle keineswegs Harmonie gemeint. Der Begriff bezieht sich auf die Prämissen von Demokratie und Kapitalismus, die sich Honneths Argumentation folgend prinzipiell zu einem stimmigen Ganzen verbinden lassen. Einfach ausgedrückt hält Honneth also eine demokratische Organisation des Kapitalismus für möglich.

Honneth schwankt in seinen Beschreibungen zwischen dem Begriff des Kapitalismus und dem der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, wodurch eine bedauerliche Ambiguität Einzug in den Text erhält, da der erste Begriff eine wirtschaftliche Organisationform und der letzte eine Gesellschaftsordnung beschreibt.

Hayek sieht in solchen Eingriffen die Gefahr des Totalitarismus und das Ende der Freiheit.

In letzter Konsequenz gerät dadurch zwar nicht das Wertgesetz selbst ins Schwanken, wohl aber die Möglichkeit, den Wert einer Ware genau anzugeben. Entzieht sich der Wert der Arbeitskraft einer genauen Quantifizierung und ist gleichzeitig nur die Arbeit Quelle der Wertschöpfung, kann der Wert einer Ware lediglich geschätzt werden.

Auf diese Passage hat Ulrich Bröckling in seinem Buch „Das unternehmerische Selbst“ aufmerksam gemacht (Bröckling 2007).

Der Club of Rome formuliert am Ende von „Die Grenzen des Wachstums“ zehn Empfehlungen, um die der Gesellschaft zugrunde liegenden Denk- und Handlungsmuster mit dem Ziel zu verändern, eine im Gleichgewicht befindliche stabile Gesellschaft zu ermöglichen.

Die Verkaufszahlen sind umstritten und schwanken zwischen 9 und 12 Millionen. Vgl. hierzu bei Freytag an der zitierten Stelle die Fußnote 2.

Das 40 Jahre-Update wurde von Jorgen Randers erstellt, der bereits seit der ersten Studie am Projekt beteiligt ist und erschien unter dem Titel: 2052: A Global Forecast for the Next Forty Years. Die Ergebnisse sind denen der vorhergehenden Studien sehr ähnlich. Der knappe Raum, auf dem hier die Folgestudien abgehandelt werden, ist nicht deren mangelnder Relevanz geschuldet, sondern ganz im Gegenteil der Tatsache, dass sie sich mit Blick auf die Ergebnisse wiederholen.

Hier ist von „Konzentration“ bzw. „Fokussierung“ die Rede. Mit seiner Analyse von Entfremdung, Fetischisierung und Maschinisierung hat er natürlich weit mehr als nur Ausbeutung und Herrschaft thematisiert. Dies ändert jedoch nichts an der (zu einer Entstehungszeit vollkommen richtigen) Schwerpunktlegung seines ökonomischen Werks.

Diese Formulierung ist vereinfachend. Marx nennt mit dem Lumpenproletariat und dem Kleinbürgertum auch Klassen, die zwar arm, aber nicht dem Proletariat zuzurechnen sind. Im Verhältnis betrachtet sind sie jedoch von nur marginaler Größe, weshalb sie in die folgende Argumentation nicht einbezogen werden.

Der Annahme, Armut prädestiniere zum Engagement für eine bessere Gesellschaft, stellt eine voreilige romantische Verklärung gesellschaftlichen Elends dar (Schrotfels 2009). Es ließe sich argumentieren, Grundlage dieser auch heute noch anzutreffenden These sei die im Christentum gelegene Überzeugung, der zufolge Leid zur Erkenntnis des Guten und zur Erlösung führe.

Nicht umsonst haben die real existierenden sozialistischen Gesellschaften stets danach gestrebt, ihre kapitalistischen Konkurrenten hinsichtlich Wohlstand und Lebensstandard zu übertreffen.

Das gleiche gilt für die anderen Länder der G7 und der OECD. Deutschland ist mit Blick auf die Verteilungsproblematik keineswegs ein Extremfall, sondern liegt in etwa im Durchschnitt. In Ländern wie den USA oder Mexiko ist die soziale Ungleichheit wesentlich stärker ausgeprägt. Für einen Vergleich vgl.: https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de (26.4.2017)

Hier ist zusätzlich zu bedenken, dass der Durchschnitt zur Erhebung von Einkommensverteilung ein äußerst „konservatives“ Instrumentarium ist. Sind die Vermögen in starkem Maße ungleich verteilt, ziehen die hohen Vermögen den Durchschnitt nach oben und suggerieren damit eine weit günstigere Verteilung als sie in Wirklichkeit existiert.

Badiou stützt sich auf andere Zahlen als Oxfam und veranschlagt den von der weltweiten Mittelschicht gehaltenen Teil des Vermögens auf 14%. Oxfam zufolge liegt er bei gut 10%. Der besseren Verständlichkeit der Argumentation wegen wurden die Zahlen im Text einander angenähert.

McKinsey hat bereits vor 20 Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und mit dem GLAM (Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender) Programm ein Netzwerk für die zur LGBTQ-Szene gehörenden Mitarbeiter_innen geschaffen und vermarktet dies als Zeichen der Offenheit und Humanität des Unternehmens (Webseite: http://www.mckinsey.com/careers/meet-our-people/glam-colleagues-at-mckinsey). Auch wirkt sich der Zuzug von Homosexuellen positiv auf die Immobilienpreise aus, da sie angeblich besonders häufig in gut bezahlten Wachtumsbranchen zu finden sind (Webseite: http://creativeclass.com/rfcgdb/articles/There_Goes_the_Neighborhood.pdf)

Da dies im weiteren Verlauf dieses Buches noch genauer erörtert wird, erfolgt hier lediglich ein kurzer Aufriss.

Diese Erschließung der Persönlichkeit durch das Kapital lässt sich als subjektive Entsprechung der Akkumulation des Kapitals begreifen, die Marx gegen Ende des Kapitals beschreibt.

Die Begriffe Bezeichnendes und Bezeichnetes entsprechen hier Saussures Begriffen Signifikant und Signifikat (de Saussure 2001). Der Referent ist als dritte Komponente des Zeichens geht auf die durch Odgen und Richards etablierte Figur des semiotischen Dreieicks zurück (Ogden/Richards 1989). Die Rolle des Referenten in der Entwicklung des Zeichenbegriffs wird anschaulich und äußerst erhellend von Nicole Wachter diskutiert (Wachter 2001).

Die Autorin verwendet hierfür den schönen Begriff „numerical nihilism“.

Allenfalls könnte noch der Sammelband „Das Freie Wort“ genannt werden (Strasser 2017), der Aufsätze aus politischer und wissenschaftlicher Sicht vereint. Er beschäftigt sich jedoch vor allem damit, was dem Phänomen der Postfaktizität aus einer demokratischen und aufgeklärten Perspektive (so der Anspruch der Autor_innen) entgegengesetzt werden kann und weniger mit der Frage, um was es sich bei dem Phänomen eigentlich handelt.

Das „vielleicht“ veranschaulicht die bereits angesprochene Ambiguität, insofern es suggeriert, dies sei sehr wohl möglich, was durch die Struktur des Buches, das Kapitel um Kapitel mit der Beschreibung alltäglicher und berühmter Lügen füllt, noch verstärkt wird. Keyes ist allerdings klug genug, diese implizite Diagnose nicht zur These zu erheben, da die Zunahme des Lügens empirisch schlicht nicht zu beweisen ist. Um die zunehmende Verbreitung von Lügen nachzuweisen bedürfte es verlässlicher Studien, die ihrerseits auf wahrheitsgemäßen Äußerungen der Befragten gründen müssten. Wie aber sollte sich die empirische Forschung auf ihre Materialien (Fragebögen, Interviews, etc.) verlassen können, wenn lügen zur Gewohnheit wird? Oder einfacher ausgedrückt: Warum sollte eine Gesellschaft von Lügner_innen plötzlich die Wahrheit sagen, nur weil sie einen Fragebogen vor sich hat?

Hier gilt es natürlich sauber zu trennen. So hebt auch Boghossian hervor, der Sozialkonstruktivismus habe dazu beigetragen, die hinter Naturalisierungsmechanismen verborgenen kontingenten sozialen Praktiken bloßzulegen. Zum Problem wird konstruktivistisches Denken jedoch dort, wo es mit dem Anspruch auftritt, eine allgemeine Theorie der Wahrheit zu formulieren (Boghossian 2013: 133).

Die auch in modernen Moraltheorien wie z.B. der von Lawrence Kohlberg noch dominante Auffassung, Subjekt moralischen Handelns sei ein autonomes Individuum, ist von Teilen der feministischen Theorie (vgl. z.B Carol Gilligan) massiv kritisiert worden, weil sie auf einer männlichen Konzeption bindungsloser Subjektivität beruht und die Verbundenheit mit anderen nicht nur negiert, sondern sie vielmehr als Zeichen mangelnder moralischer Urteilsfähigkeit begreift.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die erste Fußnote des Aufsatzes „Was heißt: sich im Denken orientieren?“ (Kant 1786: 60)

Weber zitiert in „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ ausführlich aus zwei Werken Benjamin Franklins, in denen selbiger intensiv den Zusammenhang und alles übersteigenden Wert von Zeit und Geld betont. Die Passage dient der Veranschaulichung des „Geistes des Kapitalismus“, den Weber durch dieses Zitat besser einzufangen denkt als durch eine Definition (Weber 2000).

Hirschmann hat seine Position von derjenigen Webers deutlich abgegrenzt (Hirschman 1987: 137f.).

Hirschmann ist hier ein wenig unsauber in seiner Argumentation, insofern „Fatalismus“ angesichts der Prädestinationslehre Calvins logisch zwar erwartet werden kann, von dieser sicherlich aber nicht intendiert war. Das ändert aber nichts an der Differenzierung der beiden Formen von Kontingenz, die er vornimmt.

Marcuse formuliert dies nicht direkt, macht seinen Standpunkt aber durch ein entsprechendes Zitat des Psychiaters C.B. Chisholm deutlich (Marcuse 1995: 218).

Entsprechende Passagen finden sich in der „Dialektik der Aufklärung“, vor allem im Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ an so zahlreichen Stellen, dass ein seitengenaues Zitat hier reine Willkür wäre.

Ziel dieses Kapitels ist nicht, einen Überblick über den Anfang des Kapitals zu geben, sondern eine andere Leseweise dieses Anfangs zu entwerfen. Für eine Einführung in das Kapital sei der kompakte Band von Michael Heinrich empfohlen (ebd.), für eine gesonderte Betrachtung des als äußerst schwierig geltenden Anfangs die sehr sorgfältige Einführung von Wolfgang Fritz Haug (Haug 2005).

Marx’ Verständnis ist natürlich wesentlich komplexer, insofern er später zwischen Preisen und Werten unterscheidet, unterschiedliche Profitraten und dadurch entstehende Ausgleichprozesse am Markt berücksichtigt (Durchschnittsprofitrate). An dieser Stelle ist vom Begriff des Mehrwerts die Rede wie Marx ihn im Anschluss an die Analyse der Ware beschreibt.

Es gibt bei Marx selbst und auch in der Rezeption ein Schwanken zwischen Argumenten, die nahelegen, die Analyse z.B. der Entwicklung der Geldform oder auch des Übergangs von Werten zu Preisen seien historisch zu interpretieren und anderen Argumenten, die eine rein analytische Auslegung nahelegen, welche die Übergänge von einer Form zur anderen als logische Schritte innerhalb eines Argumentationszusammenhangs interpretiert. Diese Spannung ist nie abschließend aufgelöst worden, wirft aber durchaus Probleme auf. Historisch interpretiert würden zahlreiche Argumente der Geschichtsschreibung grob widersprechen. Analytisch interpretiert stellt sich die Frage nach der Relevanz von Kategorien und Begriffen, die auf der empirischen Ebene keine Wirkmächtigkeit entfalten (Sraffa hat dieses Problem mit Blick auf den Begriff des Werts bei Marx analysiert und damit die zentrale Begrifflichkeit des Kapitals selbst ins Wanken gebracht).

Hierzu ist nicht mehr notwendig als die Darstellung der allgemeinen Wertform horizontal zu spiegeln.

Ab hier ist es berechtigt, von Waren und nicht mehr von Dingen oder Produkten zu sprechen, da die Omnipräsenz des Tausches ein kennzeichnendes Merkmal der Ware ist.

Die absolute Abstraktheit von Geld fällt spätestens dann auf, wenn sich keine Gelegenheit bietet, es zu tauschen. In einer solchen Situation ist es zu nichts nütze und sein Besitz wirkt absurd.

Diese Ratlosigkeit erstreckt sich interessanterweise keineswegs auf die Möglichkeit, Ausbeutung und Unterdrückung zu überwinden. Offensichtlich verbirgt sich in der Entfremdung ein wesentlich weitreichenderes Problem als in der Thematik des traditionellen Marxismus.

Zur Zahl der Liebes- und Sexszenen, die Menschen bis zu einem bestimmten Lebenszeitalter konsumieren, liegen dem Wissen des Autors nach keine Zahlen vor. Es ist bezeichnend, wie exakt und verbreitet das Wissen hier mit Blick auf Gewalt ist und wie gleichgültig die Inszenierung der Liebe behandelt wird. Sie scheint zu selbstverständlich, um sie ernsthaft in Frage zu stellen.

Die Kritik am Konsum wird mittlerweile allerdings auch von der Rechten mobilisiert, wenn es darum geht, die Oberflächlichkeit der Moderne anzuprangern, konservativen und nationalistischen Werten das Wort zu reden. Man sollte also vorsichtig sein, mit Blick auf in diese Richtung weisende Argumente vorschnell das Wort „kritisch“ zu verwenden. Kritisch wird die Analyse erst dort, wo sie die Frage nach der Oberflächlichkeit der Warenästhetik (wie Haug es stets getan hat) systematisch mit der Frage nach den Produktionsbedingungen und der Rolle der Konsumption für die Produktion verknüpft. Diese Frage nicht zu stellen, um stattdessen nach Ordnung und Disziplin zu rufen, macht die Unterkomplexität des rechten Diskurses aus.

Zu Baudrillards Begriff des Symbolischen vgl. das zweite Kapitel bei Douglas Kellner (2015).

Das Abspaltungstheorem wurde unter Marxist_innen intensiv und vor allem kritisch diskutiert (vgl. Bönold 2008). Es geht an dieser Stelle aber nicht um die Frage, inwiefern es helfen kann, die Rolle der Frau im modernen Kapitalismus zu beleuchten. Stattdessen wird der Grundgedanke der Abspaltung bestimmter gesellschaftlicher Bereiche von der Sphäre kapitalistischer Ökonomie verwendet, um die Entwicklung von einer Gesellschaft, in der die Ökonomie eines von vielen sozialen Systemen darstellt, hin zu einer solchen zu veranschaulichen, die im Zuge zunehmender Ökonomisierung ihre Differenzierung verliert.

Der Begriff „Entwicklungsland“ unterstellt stets eine bestimmte Richtung der den jeweiligen Ländern zugeschriebenen Entwicklungsbedürftigkeit, die sich an den „entwickelten“ Ländern der westlichen Welt orientiert – vor allem also an deren Interpretation des Demokratiebegriffs und ihrer Organisation der Ökonomie. Aus diesem Grund wird er an dieser Stelle in Anführungszeichen gesetzt. Dass Länder sich auch in andere Richtungen entwickeln können, dies aber in der Regel nicht auf Zustimmung stößt, haben die Befreiungskämpfe der 60er und 70er gezeigt. Von einem „Entwicklungsland“ zu sprechen, heißt im Allgemeinen also auch, zwischen den Zeilen von einer Machtasymmetrie zu sprechen, die den Weg der Entwicklung mit entsprechenden Sanktionsmöglichkeiten verbürgt.

Dies war im marxschen Begriff der Arbeitskraft schon immer angelegt, tritt aber erst im Zuge der Durchsetzung der Dienstleistungsgesellschaft deutlich sichtbar in den Vordergrund. Da diese Entgrenzung systemisch im Begriff der Arbeitskraft angelegt ist, erweisen sich Forderungen nach Entschleunigung oder einem verstärkten Schutz des Privatlebens als wesentlich zu kurz gedacht.

Dieser Umstand wird in den zahlreichen Beiträgen des Sammelbandes „Glossar der Gegenwart“ sehr deutlich hervorgehoben (Bröckling et al. 2004).

Das Beispiel ist mir vor 25 Jahren im Rahmen einer Kapitalschulung genannt worden, als ich mir zusammen mit einigen anderen Menschen am Fetischkapitel des Kapitals die Zähne ausbiss. Bedauerlicherweise ist mir der Name des Referenten entfallen. Trotz allem sei ihm für das Beispiel und seine Mühen gedankt.

Die Infragestellung der Ideologie kann auch durch die Übernahme des Standpunktes schwächerer Menschen aus geschehen, z.B. wenn sich Intellektuelle mit Flüchtlingen solidarisieren und im Zuge dessen die Vordergründigkeit zentraler gesellschaftlicher Werte wie Freiheit oder Achtung der Menschenrechte erkennen. So waren die meisten berühmten Revolutionär_innen Menschen, die es materiell betrachtet keineswegs nötig hatten, für ihre eigenen Interessen einzutreten, da sie aus privilegierten Verhältnissen kamen.

Die Theorie Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes weist genau in diese Richtung, löst die Ideologie aber komplett von den materiellen Verhältnissen, um sich vom Ökonomismus der meisten marxistischen Theorien zu lösen. Angesichts der immensen Relevanz der Ökonomie erscheint dieser Schritt ein wenig vorschnell und zu radikal. Die immense Relevanz der Ökonomie für den ideologischen Diskurs einzuräumen und die Verbindung zwischen beiden in einer indeterminierten Beziehung zu suchen, erscheint mir als realitätsnäher und ebenso geeignet, Letztbegründungen zu umgehen.

Wie ich in meinem letzten Buch „Leistung. Das Endstadium der Ideologie“ herausgearbeitet habe, ist dies einer der zentralen Schachzüge der heutigen Ideologie, die sich aus diesem Grund auch als „Anti-Ideologie“ beschreiben lässt (ein Begriff, den ich damals als Erster zu verwenden dachte, den ich nun aber auch bei Debord gefunden habe). Diese Spielart der Ideologie lebt gerade von der Behauptung, sie habe sich von allen ideologischen Versatzstücken der Vergangenheit befreit und sei lediglich eine für aller Augen offene Repräsentation der Dinge wie sie wirklich sind.

Dies kann in Form des Betrugs oder der Verführung geschehen, doch wird letzteres nur selten der Fall sein. Meistens geschieht die Universalisierung des eigentlich Partikularen mit bestem Gewissen und entspringt der Mystifikation der sozialen Struktur. Für die Besitzerin eines großen Unternehmens ist der Gedanke, durch dessen Expansion würde der Gesellschaft ein Dienst erwiesen, da dies Arbeitsplätze schaffe und dies wiederum zu steuerlichen Mehreinnahmen führe, mit denen anschließend Schulen und Krankenhäuser gebaut werden können, ein vollkommen logischer Gedanke. Dass diese Logik sich äußerst gut in ihr Eigeninteresse fügt, dürfte die Glaubensbereitschaft und den missionarischen Eifer, diese Interpretation des Guten gesellschaftsfähig zu machen, natürlich ungemein steigern.

Dass Freiheit hier Freiheit verbürgt, trägt bereits unverkennbare Strukturen der Tautologie, die am Boden der ökonomischen Sphäre liegt und lässt sich als Zeichen fortschreitenden Bedeutungsverlustes interpretieren.

Der auf Emmy Werner zurückgehende Begriff der „Resilienz“ weist in eine ähnliche Richtung, ist in theoretischer Hinsicht jedoch weniger ausdifferenziert und nicht am Begriff der Kohärenz orientiert, auf den es an dieser Stelle ankommt.

Ehrenberg sieht das moderne Subjekt als ein Subjekt, das zur Depression disponiert ist, da es sich angesichts der allgegenwärtigen Aufforderung, besonders und glanzvoll zu sein, als unvollkommen erlebt und angesichts der Abwesenheit externer Zwangsmechanismen die Schuld hierfür nur bei sich selbst suchen kann (ebd.: 161f.).

Unter diesem Begriff werden vor allem ein verminderter emotionaler Ausdruck und reduzierte Willenskraft verstanden, die insbesondere im Zusammenhang mit Schizophrenie auftreten und laut DSM die häufig mit der Erkrankung einhergehende Mortalität erklären (APA 2014: 119).

Trotz aller Differenzierungsbemühungen wird damit aus der Unterscheidung letztlich eine graduelle Differenz.

Freud stützte sich in seiner Analyse ausschließlich auf dieses Buch und vereinzelte ergänzende Materialien, da sich Schreber niemals bei ihm in Behandlung befand. Das Buch muss aus diesem Grund vor allem als eine Auseinandersetzung mit der Psychose und weniger als die Analyse des Seelenlebens einer lebenden Person gelesen werden, auch wenn aus Freuds Einlassungen hervorgeht, dass er letzteres durchaus für sich in Anspruch nimmt.

Dieser Gedanke stützt sich zum großen Teil auf die Ausführungen von Laplanche und Pontalis zum Begriff der „Verdichtung“ (Laplanche/Pontalis 1973: 580f.). Laplanche und Pontalis beschränken die mangelnde Verankerung in konkreten Bedeutungen auf die Verdichtung und bringen sie auch nicht mit dem Begriff der „Überdetermination“ in Zusammenhang.

Für eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Subjektsbegriffs bei Laclau vgl. das entsprechende Kapitel in „Umkämpfte Differenz“ (Distelhorst 2007: 267–279).

Da der Mangel in der ontologischen Dimension von Gesellschaft und Subjekt angelegt ist, scheitert die Identifikation und wird stets aufs Neue aufgenommen. In diesem Sinne schreibt Laclau, das zentrale Problem des Politischen sei nicht die Identifikation, sondern die Identifikation und ihr Scheitern (ebd.: 35).

Das Streben nach Fülle geht auf Lacans Begriff der „Jouissance“ zurück, der ein imaginiertes ursprüngliches Einssein mit der Mutter bezeichnet, innerhalb dessen das spätere Subjekt unmittelbar mit dem anderen verbunden – eins – war. Nach dem Stand der heutigen Säuglingsforschung darf diese These bezweifelt werden, nehmen doch – wie Autor_innen wie Melanie Klein, Jessica Benjamin und Martin Dornes betont haben – schon Säuglinge Objektbesetzungen vor und beweisen auf diesem Wege ihre Fähigkeit zur Differenzierung zwischen sich selbst und ihrem Gegenüber. Der Begriff des Mangels sollte aus diesem Grund eher metaphorisch verstanden werden. In diesem Sinne würde er das menschliche Streben nach Widerspruchsfreiheit spiegeln, den Willen, wirklich etwas zu sein, die eigene Identität vollkommen auszufüllen und in ihr aufzugehen oder – mit Sartre – den kleinen Spalt des Nichts zu schließen, der dem Für-Sich-Sein des Menschen wegen dessen Reflexivität eigen ist.

Der Absatz stellt eine sehr verdichtete Zusammenfassung der Argumentation Ehrenbergs dar. Die relevanten Passagen finden sich (in der Reihenfolge der Argumentation) auf den Seiten: 14–15, 22–23, 143, 294, 170 und 220–221.

Dieser Verweis wird in seiner Pauschalität der Vielfalt der Autismus-Spektrums-Störung natürlich nicht gerecht. Es soll an dieser Stelle aber auch keine differenzierte Aussage über Autismus gemacht, sondern lediglich darauf verwiesen werden, dass die Abwesenheit eines ‚normalen‘ Kontaktes zu anderen Menschen keineswegs automatisch in die Depression führt.

Die Annahme eines primären Narzissmus, in dem das Kind wie in einer Blase verweilt, ist aus heutiger Sicht äußerst umstritten. Vgl. FN 63 und die entsprechende Passage in „Das Vokabular der Psychoanalyse“ (Laplanche/Pontalis 1973: 322)

Die These von der narzisstischen Kultur mündet in die gleiche Diagnose.

Kohut erläutert dies in anschaulicher Weise anhand einer Anekdote über Winston Churchill, der in seinen Kindheitsjahren stark narzisstisch gewesen sei, dem es aber gelang, seine narzisstischen Impulse unter die Herrschaft eines starken rationalen Ichs zu stellen (ebd.: 153).

Mitscherlich sieht die Angst, nicht den Narzissmus, als deren Entstehungsbedingung. Mit Blick auf die Gesellschaft vor 40 Jahren ist dies sicherlich treffend, wenn man sich nur die Angst vor dem Krieg vergegenwärtigt, von der die damalige Gesellschaft so tief geprägt war. Aus heutiger Sicht ist aus den gezeigten Gründen aber der Narzissmus als treibende Kraft an die Stelle der Angst getreten.

Im Phänomen der Interpassivität ließe sich auch der Grund für die ansonsten antiquiert wirkende Präsenz des Studiopublikums in vielen Fernsehshows ausmachen.

Die Anzahl der Übergriffe auf Asylunterkünfte hat seit 2015 signifikant abgenommen. Sie ist von einer Höchstzahl von 472 im 4. Quartal 2015 auf eine Zahl von 50 im 2. Quartal 2017 gefallen (BKA 2017) (was keineswegs eine unbedenkliche Zahl darstellt). Gerade der in vielen Zeitungen erscheinende Verweis darauf, die Gewalt sei wieder auf das Niveau vor der „Flüchtlingskrise“ gesunken, kann als Ausdruck der Tatsache verstanden werden, dass rassistische Gewalt Teil der sozialen Realität geworden ist. Nicht zuletzt wird der Begriff der Gewalt äußerst eng gefasst, wenn er lediglich Körperverletzung, Brandstiftung und vergleichbare Taten umfasst. Die Unzahl von Menschen, die jährlich beim Marsch durch die Sahara sowie der Überquerung des Mittelmeeres ihr Leben lassen oder in Lagern ausgebeutet, gequält und getötet werden, sind nicht weniger Opfer rassistischer Gewalt als Flüchtlinge, deren Unterkünfte von Rechtsradikalen angezündet werden.

Dies gilt explizit nicht – wie bereits im zweiten Kapitel dieses Buches angemerkt – mit Blick auf die Schwellen- und ‚Entwicklungsländer‘, in denen Armut nach wie vor das Problem Nummer eins ist. Gerade diese Länder beweisen aber auch, dass es offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen Armut und der Verbreitung politischer Bestrebungen gibt, die nach einer grundlegenden Veränderung der ökonomischen und politischen Verhältnisse trachten.

Die unzähligen Haul- und Unboxing-Videos auf Youtube und anderen Plattformen feiern genau diesen Moment der unausgesetzten Erneuerung des Gebrauchswertversprechens, um das lustvolle Moment vom Gebrauch des Gekauften auf den Akt des Kaufens selbst zu verschieben und laden zugleich zum interpassiven Genießen dieses Moments ein, das sich freilich nur bei denen einstellen kann, die diesen Akt prinzipiell selbst wiederholen könnten.

Das Zitat zielt auf junge Frauen, lässt sich allerdings aufgrund seiner Stoßrichtung verallgemeinern und im Kontext der sonstigen Argumentation Lafarques lesen. Es heißt in voller Länge: „Schande über die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem Mundwerk, frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen unsere alten Märchen und Erzählungen berichten? Wo sind die Übermütigen hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend, Leben säend, wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen gesunde und kräftige Kinder gebaren? Heute haben wir Frauen und Mädchen aus der Fabrik, verkümmerte Blumen mit blassem Teint, mit Blut ohne Röte, mit krankem Magen und erschöpften Gliedmaßen! Ein gesundes Vergnügen haben sie nie kennengelernt und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie eroberte. Und die Kinder? 12 Stunden Arbeit für die Kinder. O Elend! Alle Jules Simon von der Akademie der moralischen Wissenschaften, alle jesuitischen Germinys hätten kein den Geist der Kinder mehr verdummendes, ihr Gemüt mehr verderbendes, ihren Körper mehr zerrüttendes Laster ersinnen können als die Arbeit in der verpesteten Atmosphäre der kapitalistischen Werkstätten.“

Diese Zahl wirkt freundlicher als sie ist. Im gleichen Dokument wird darauf hingewiesen, von den insgesamt 25.000 im Jahr 2016 pensionierten Lehrer_innen, hätten die verbleibenden 88% (22.500) zwar eine Altersgrenze erreicht, jedoch nur 7900 die gesetzliche Regelaltersgrenze. Im Zeitraum von 1993–2001 wurden sogar 50% der Lehrer_innen wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt. Diese Zahl reduzierte sich erst durch die Einführung von Versorgungsabschlägen bei vorzeitiger Pensionierung und führte bis 2014 zu einer kontinuierlichen Reduktion von Pensionierungen aufgrund von Dienstunfähigkeit (destatis 2016). Dies legt die Erklärung nahe, dass viele Lehrer_innen auch heute noch große gesundheitliche Probleme mit ihrer Tätigkeit haben, sich jedoch nicht zu einer frühzeitigen Pensionierung entschließen, um die entsprechenden Abschläge zu umgehen.

Der bekannte Fall der Lehrerin Sabine Czerny, die an eine andere Schule versetzt wurde, weil ihre Noten zu gut waren und sie dadurch den „Schulfrieden“ störte, illustriert dieses Argument äußerst anschaulich und wurde in zahllosen Zeitungsartikeln aufgerollt.

Die Definition bildet einen gemeinsamen Bezugspunkt für die Form der sozialen Arbeit in den Mitgliedsländern und kann von diesen an die vor Ort herrschenden Bedingungen angepasst werden, um nicht zu einem starren Korsett zu verkommen. Das englische Original und zahlreiche Übersetzungen können eingesehen werden unter: http://ifsw.org/get-involved/global-definition-of-social-work/

Da das Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit den Kategorien des Lust- und Realitätsprinzips bei Freud und der theoretischen Möglichkeit ihrer Versöhnung darstellt, lässt sich mit Blick auf dieses Werk die kritische Frage erheben, ob Marcuse hier mehr gelungen ist als eine Argumentation, deren Gültigkeit auf den freudschen Diskurs beschränkt bleibt. In diesem Fall wäre „Triebstruktur und Gesellschaft“ eher ein philologisches Werk und weniger – wie beabsichtigt – der Nachweis, eine lustvolle, freie und zugleich technisch hoch zivilisierte Gesellschaft läge im Bereich des Möglichen. Letztlich entscheidet sich diese Frage anhand einer weiteren: Wie genau beschreibt die freudsche Psychoanalyse die Bedingungen der menschlichen Existenz der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Abgesehen davon aber haben Marcuses Einlassungen zu einem subversiven Verständnis der Ästhetik ihre Aktualität behalten und finden sich in der gegenwärtigen Diskussion nahezu in gleicher Weise wieder – wenn auch von weniger Optimismus geprägt.

Die Formulierung „Opium für’s Volk“ findet sich in der Lenin Werkausgabe des Dietz Verlages nicht. Wie eine Volltextsuche zeigt, ist durchweg – wie bei Marx – vom „Opium des Volkes“ die Rede (z.B. Band10, 71), auch wenn Lenin an einigen Stellen durchaus nahelegt, die Religion würde dem Proletariat durch die Herrschenden wie eine Droge verabreicht, um sie ruhig zu stellen und seinen Widerstand zu brechen (z.B. Band 14: 223 / Band 25: 464 / Band 30: 330). Vielleicht liegen hier konkurrierende Übersetzungen vor – in der Standardausgabe des Dietz Verlages zumindest findet sich die Formulierung nicht.

Zu den sinkenden Mitgliederzahlen vgl. auch die Studie „Religion in der Moderne“, die bis in die 50er Jahre zurückreichende Zahlen nennt (Pollack/Rosta 2015: 110).

Vgl. hierzu den Wortwechsel zwischen Thies Gundlach, Thomas Kaufmann und Martin Laube in der Zeitschrift zeitzeichen (Gundlach 2017) (Kaufmann/Laube 2017).

Fußnoten

1Der volle Text des Liedes lautet:Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein // Und auch uns ham sie was erzählt // Und dann macht man das //alles und versucht so zu sein // Und dann merkt man, dass einem was fehlt // Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren // Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum // Und während ihr fleißig Pläne macht // Lachen die Götter sich krumm // // Lasst eure Kinder mal was dazu sagen // Hört ihnen richtig zu // Die spürn sich noch, die ham Feeling für die Welt // Die sind klüger als ich und duUnd denkt dran bevor ihr antwortet: // Ihr seid auch nur verletzte Kinder // Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome // und ihr wart die Erfinder // Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht // „Werd erwachsen“ und „bist du naiv“ // Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben // Die Götter lachen sich schiefAchtet auf Schönschrift und Lehrpläne // Und dass sie die Bleistifte spitzen // Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern // Während sie drinnen an Tischen sitzen // Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen // Und am Nachmittag RTL 2 // Am Wochenende geht’s was Schönes kaufen, fertig ist der Einheitsbrei // Und jeder der sich nicht anpasst // Wird zum Problemkind erklärt // Und jede, die zu lebhaft ist // Kriegt ‘ne Pille damit sie nicht stört // Und damit betrügt ihr euch selber denn // Kein Kind ist ein Problem // Und all die Freigeister, all die Schulschwänzer // Nur Symptomträger im SystemDoch bedenkt wenn ihr so hart urteilt: // Ihr seid auch nur gefangene Geister // Der Unmut wird immer lauter // Und die Lehrer schreien sich heiser // Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll // Sondern nur, wer er nun mal ist // Die Götter pullern sich ein vor Lachen // Und ihr denkt, dass ihr was wisstUnd wenn Hänschen dann Hans ist // Der eigene Kinder hat, denen er was erzählt // Dann merkt Hans und Kunz, und ihr vielleicht auch // Dass wieder irgendwas fehlt // Ihr habt Wünsche und Träume // Und rennt damit ständig an imaginäre Wände // Und jeder Wunsch, den ihr euch erfüllt // Der ist dann halt auch zu Ende // Geht ihr nur malochen für erfundene Zahlen // Und wartet, bis die Burnouts kommen // Schmeißt euer Geld für Plastik raus // Um ein kleines Glück zu bekommen // Das Beste aus Cerealien und Milch // Noch ‘n Carport und noch ‘n Kredit // Und alle finden’s scheiße, aber alle machen sie mitIhr klugscheißert und kauft trotzdem // Und die Werbung verkauft euch für dumm // Und dann sitzt ihr vor neuen Flachbildfernsehern // Und meckert auf den Konsum // Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd // Die Götter lachen sich krummIhr Traumverkäufer, Symptomdesigner // Merkt ihr noch, was passiert? // Wer hat euch das Land und das Wasser geschenkt // Das ihr jetzt privatisiert // Ihr Heuchler, ihr Lügner, ihr Rattenfänger // Ihr Wertpapierverkäufer // Man hat euch // Geist und Gefühl gegeben // Und doch seid ihr nur Mitläufer // Ihr großen, vernarbten, hilflosen Riesen // Ihr wart doch auch mal klein // Und jemand hat euch mit Schweigen gestraft // Und ließ euch darin allein //Und jetzt hört ihr nicht nur die Götter nicht lachen // Ihr hört auch ihr die Kinder nicht weinen // Und sagt ihnen weiter, es würde nicht wehtun // Ohne es so zu meinen // Macht ihr ruhig Pläne, ich steh am Rand // Ich sehe euch und ich bin nicht allein // Hinter mir stehen mehr und mehr Weltfremde // Die passen auch nicht hinein // Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende // Den Gefallen tu ich euch nicht // Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe // Die das Unwohlsein wieder bricht // Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen // Und falls es mich dann nicht mehr gibt // Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört // Und dies unhandliche Lied
2Die Zitate stammen aus einem Vortrag Spitzers, der bei Youtube in voller Länge angeschaut werden kann. Die Webadresse lautet: https://www.youtube.com/watch?v=LftI9pYDg7I (23.2.2017)
3Dass Lesch in ihrer Distanzierung nicht eine wie auch immer geartete „linke“ Kritik am Kapitalismus wählt, ist vor diesem Hintergrund vielsagend und zeugt nicht zuletzt von einem durchaus sicheren intellektuellem Gespür. Kapitalismuskritik wird heute von Rechten nicht weniger besetzt als Kulturkritik, was vor allem daran liegt, dass sie sich – wie noch zu zeigen sein wird – historisch betrachtet seit jeher zuvörderst als Verteilungs- und Herrschaftskritik verstanden hat und damit Fragen, die sich, zumindest in ihrer auf Schlagworte reduzierten Form, durchaus harmonisch in ein rechtes Weltbild einpassen lassen.
4Die zitierten Autoren stehen natürlich nicht für eine so vereinfachte Form der Gesellschaftskritik wie die hier dargestellte Erzählung von der Leistungsgesellschaft. Vielmehr sind die Kernelemente ihrer Theorien: Individualisierung (Beck), Beschleunigung (Rosa) und Depression (Ehrenberg) in der öffentlichen Diskussion zu einem neuen Metadiskurs fusioniert, der sich in kritischer Absicht um Begriffe wie Leistung und Erfolg rankt.
5Mit Kohärenz ist an dieser Stelle keineswegs Harmonie gemeint. Der Begriff bezieht sich auf die Prämissen von Demokratie und Kapitalismus, die sich Honneths Argumentation folgend prinzipiell zu einem stimmigen Ganzen verbinden lassen. Einfach ausgedrückt hält Honneth also eine demokratische Organisation des Kapitalismus für möglich.
6Honneth schwankt in seinen Beschreibungen zwischen dem Begriff des Kapitalismus und dem der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, wodurch eine bedauerliche Ambiguität Einzug in den Text erhält, da der erste Begriff eine wirtschaftliche Organisationform und der letzte eine Gesellschaftsordnung beschreibt.
7Hayek sieht in solchen Eingriffen die Gefahr des Totalitarismus und das Ende der Freiheit.
8In letzter Konsequenz gerät dadurch zwar nicht das Wertgesetz selbst ins Schwanken, wohl aber die Möglichkeit, den Wert einer Ware genau anzugeben. Entzieht sich der Wert der Arbeitskraft einer genauen Quantifizierung und ist gleichzeitig nur die Arbeit Quelle der Wertschöpfung, kann der Wert einer Ware lediglich geschätzt werden.
9Auf diese Passage hat Ulrich Bröckling in seinem Buch „Das unternehmerische Selbst“ aufmerksam gemacht (Bröckling 2007).
10Der Club of Rome formuliert am Ende von „Die Grenzen des Wachstums“ zehn Empfehlungen, um die der Gesellschaft zugrunde liegenden Denk- und Handlungsmuster mit dem Ziel zu verändern, eine im Gleichgewicht befindliche stabile Gesellschaft zu ermöglichen.
11Die Verkaufszahlen sind umstritten und schwanken zwischen 9 und 12 Millionen. Vgl. hierzu bei Freytag an der zitierten Stelle die Fußnote 2.
12Das 40 Jahre-Update wurde von Jorgen Randers erstellt, der bereits seit der ersten Studie am Projekt beteiligt ist und erschien unter dem Titel: 2052: A Global Forecast for the Next Forty Years. Die Ergebnisse sind denen der vorhergehenden Studien sehr ähnlich. Der knappe Raum, auf dem hier die Folgestudien abgehandelt werden, ist nicht deren mangelnder Relevanz geschuldet, sondern ganz im Gegenteil der Tatsache, dass sie sich mit Blick auf die Ergebnisse wiederholen.
13Hier ist von „Konzentration“ bzw. „Fokussierung“ die Rede. Mit seiner Analyse von Entfremdung, Fetischisierung und Maschinisierung hat er natürlich weit mehr als nur Ausbeutung und Herrschaft thematisiert. Dies ändert jedoch nichts an der (zu einer Entstehungszeit vollkommen richtigen) Schwerpunktlegung seines ökonomischen Werks.
14Diese Formulierung ist vereinfachend. Marx nennt mit dem Lumpenproletariat und dem Kleinbürgertum auch Klassen, die zwar arm, aber nicht dem Proletariat zuzurechnen sind. Im Verhältnis betrachtet sind sie jedoch von nur marginaler Größe, weshalb sie in die folgende Argumentation nicht einbezogen werden.
15Der Annahme, Armut prädestiniere zum Engagement für eine bessere Gesellschaft, stellt eine voreilige romantische Verklärung gesellschaftlichen Elends dar (Schrotfels 2009). Es ließe sich argumentieren, Grundlage dieser auch heute noch anzutreffenden These sei die im Christentum gelegene Überzeugung, der zufolge Leid zur Erkenntnis des Guten und zur Erlösung führe.
16Nicht umsonst haben die real existierenden sozialistischen Gesellschaften stets danach gestrebt, ihre kapitalistischen Konkurrenten hinsichtlich Wohlstand und Lebensstandard zu übertreffen.
17Das gleiche gilt für die anderen Länder der G7 und der OECD. Deutschland ist mit Blick auf die Verteilungsproblematik keineswegs ein Extremfall, sondern liegt in etwa im Durchschnitt. In Ländern wie den USA oder Mexiko ist die soziale Ungleichheit wesentlich stärker ausgeprägt. Für einen Vergleich vgl.: https://www.compareyourcountry.org/inequality?lg=de (26.4.2017)
18Hier ist zusätzlich zu bedenken, dass der Durchschnitt zur Erhebung von Einkommensverteilung ein äußerst „konservatives“ Instrumentarium ist. Sind die Vermögen in starkem Maße ungleich verteilt, ziehen die hohen Vermögen den Durchschnitt nach oben und suggerieren damit eine weit günstigere Verteilung als sie in Wirklichkeit existiert.
19Badiou stützt sich auf andere Zahlen als Oxfam und veranschlagt den von der weltweiten Mittelschicht gehaltenen Teil des Vermögens auf 14%. Oxfam zufolge liegt er bei gut 10%. Der besseren Verständlichkeit der Argumentation wegen wurden die Zahlen im Text einander angenähert.
20McKinsey hat bereits vor 20 Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und mit dem GLAM (Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender) Programm ein Netzwerk für die zur LGBTQ-Szene gehörenden Mitarbeiter_innen geschaffen und vermarktet dies als Zeichen der Offenheit und Humanität des Unternehmens (Webseite: http://www.mckinsey.com/careers/meet-our-people/glam-colleagues-at-mckinsey). Auch wirkt sich der Zuzug von Homosexuellen positiv auf die Immobilienpreise aus, da sie angeblich besonders häufig in gut bezahlten Wachtumsbranchen zu finden sind (Webseite: http://creativeclass.com/rfcgdb/articles/There_Goes_the_Neighborhood.pdf)
21Da dies im weiteren Verlauf dieses Buches noch genauer erörtert wird, erfolgt hier lediglich ein kurzer Aufriss.
22Diese Erschließung der Persönlichkeit durch das Kapital lässt sich als subjektive Entsprechung der Akkumulation des Kapitals begreifen, die Marx gegen Ende des Kapitals beschreibt.
23Die Begriffe Bezeichnendes und Bezeichnetes entsprechen hier Saussures Begriffen Signifikant und Signifikat (de Saussure 2001). Der Referent ist als dritte Komponente des Zeichens geht auf die durch Odgen und Richards etablierte Figur des semiotischen Dreieicks zurück (Ogden/Richards 1989). Die Rolle des Referenten in der Entwicklung des Zeichenbegriffs wird anschaulich und äußerst erhellend von Nicole Wachter diskutiert (Wachter 2001).
24Die Autorin verwendet hierfür den schönen Begriff „numerical nihilism“.
25Allenfalls könnte noch der Sammelband „Das Freie Wort“ genannt werden (Strasser 2017), der Aufsätze aus politischer und wissenschaftlicher Sicht vereint. Er beschäftigt sich jedoch vor allem damit, was dem Phänomen der Postfaktizität aus einer demokratischen und aufgeklärten Perspektive (so der Anspruch der Autor_innen) entgegengesetzt werden kann und weniger mit der Frage, um was es sich bei dem Phänomen eigentlich handelt.
26Das „vielleicht“ veranschaulicht die bereits angesprochene Ambiguität, insofern es suggeriert, dies sei sehr wohl möglich, was durch die Struktur des Buches, das Kapitel um Kapitel mit der Beschreibung alltäglicher und berühmter Lügen füllt, noch verstärkt wird. Keyes ist allerdings klug genug, diese implizite Diagnose nicht zur These zu erheben, da die Zunahme des Lügens empirisch schlicht nicht zu beweisen ist. Um die zunehmende Verbreitung von Lügen nachzuweisen bedürfte es verlässlicher Studien, die ihrerseits auf wahrheitsgemäßen Äußerungen der Befragten gründen müssten. Wie aber sollte sich die empirische Forschung auf ihre Materialien (Fragebögen, Interviews, etc.) verlassen können, wenn lügen zur Gewohnheit wird? Oder einfacher ausgedrückt: Warum sollte eine Gesellschaft von Lügner_innen plötzlich die Wahrheit sagen, nur weil sie einen Fragebogen vor sich hat?
27Hier gilt es natürlich sauber zu trennen. So hebt auch Boghossian hervor, der Sozialkonstruktivismus habe dazu beigetragen, die hinter Naturalisierungsmechanismen verborgenen kontingenten sozialen Praktiken bloßzulegen. Zum Problem wird konstruktivistisches Denken jedoch dort, wo es mit dem Anspruch auftritt, eine allgemeine Theorie der Wahrheit zu formulieren (Boghossian 2013: 133).
28Die auch in modernen Moraltheorien wie z.B. der von Lawrence Kohlberg noch dominante Auffassung, Subjekt moralischen Handelns sei ein autonomes Individuum, ist von Teilen der feministischen Theorie (vgl. z.B Carol Gilligan) massiv kritisiert worden, weil sie auf einer männlichen Konzeption bindungsloser Subjektivität beruht und die Verbundenheit mit anderen nicht nur negiert, sondern sie vielmehr als Zeichen mangelnder moralischer Urteilsfähigkeit begreift.
29Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die erste Fußnote des Aufsatzes „Was heißt: sich im Denken orientieren?“ (Kant 1786: 60)
30Weber zitiert in „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ ausführlich aus zwei Werken Benjamin Franklins, in denen selbiger intensiv den Zusammenhang und alles übersteigenden Wert von Zeit und Geld betont. Die Passage dient der Veranschaulichung des „Geistes des Kapitalismus“, den Weber durch dieses Zitat besser einzufangen denkt als durch eine Definition (Weber 2000).
31Hirschmann hat seine Position von derjenigen Webers deutlich abgegrenzt (Hirschman 1987: 137f.).
32Hirschmann ist hier ein wenig unsauber in seiner Argumentation, insofern „Fatalismus“ angesichts der Prädestinationslehre Calvins logisch zwar erwartet werden kann, von dieser sicherlich aber nicht intendiert war. Das ändert aber nichts an der Differenzierung der beiden Formen von Kontingenz, die er vornimmt.
33Marcuse formuliert dies nicht direkt, macht seinen Standpunkt aber durch ein entsprechendes Zitat des Psychiaters C.B. Chisholm deutlich (Marcuse 1995: 218).
34Entsprechende Passagen finden sich in der „Dialektik der Aufklärung“, vor allem im Kapitel „Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug“ an so zahlreichen Stellen, dass ein seitengenaues Zitat hier reine Willkür wäre.
35Ziel dieses Kapitels ist nicht, einen Überblick über den Anfang des Kapitals zu geben, sondern eine andere Leseweise dieses Anfangs zu entwerfen. Für eine Einführung in das Kapital sei der kompakte Band von Michael Heinrich empfohlen (ebd.), für eine gesonderte Betrachtung des als äußerst schwierig geltenden Anfangs die sehr sorgfältige Einführung von Wolfgang Fritz Haug (Haug 2005).
36Marx’ Verständnis ist natürlich wesentlich komplexer, insofern er später zwischen Preisen und Werten unterscheidet, unterschiedliche Profitraten und dadurch entstehende Ausgleichprozesse am Markt berücksichtigt (Durchschnittsprofitrate). An dieser Stelle ist vom Begriff des Mehrwerts die Rede wie Marx ihn im Anschluss an die Analyse der Ware beschreibt.
37Es gibt bei Marx selbst und auch in der Rezeption ein Schwanken zwischen Argumenten, die nahelegen, die Analyse z.B. der Entwicklung der Geldform oder auch des Übergangs von Werten zu Preisen seien historisch zu interpretieren und anderen Argumenten, die eine rein analytische Auslegung nahelegen, welche die Übergänge von einer Form zur anderen als logische Schritte innerhalb eines Argumentationszusammenhangs interpretiert. Diese Spannung ist nie abschließend aufgelöst worden, wirft aber durchaus Probleme auf. Historisch interpretiert würden zahlreiche Argumente der Geschichtsschreibung grob widersprechen. Analytisch interpretiert stellt sich die Frage nach der Relevanz von Kategorien und Begriffen, die auf der empirischen Ebene keine Wirkmächtigkeit entfalten (Sraffa hat dieses Problem mit Blick auf den Begriff des Werts bei Marx analysiert und damit die zentrale Begrifflichkeit des Kapitals selbst ins Wanken gebracht).
38Hierzu ist nicht mehr notwendig als die Darstellung der allgemeinen Wertform horizontal zu spiegeln.
39Ab hier ist es berechtigt, von Waren und nicht mehr von Dingen oder Produkten zu sprechen, da die Omnipräsenz des Tausches ein kennzeichnendes Merkmal der Ware ist.
40Die absolute Abstraktheit von Geld fällt spätestens dann auf, wenn sich keine Gelegenheit bietet, es zu tauschen. In einer solchen Situation ist es zu nichts nütze und sein Besitz wirkt absurd.
41Diese Ratlosigkeit erstreckt sich interessanterweise keineswegs auf die Möglichkeit, Ausbeutung und Unterdrückung zu überwinden. Offensichtlich verbirgt sich in der Entfremdung ein wesentlich weitreichenderes Problem als in der Thematik des traditionellen Marxismus.
42Zur Zahl der Liebes- und Sexszenen, die Menschen bis zu einem bestimmten Lebenszeitalter konsumieren, liegen dem Wissen des Autors nach keine Zahlen vor. Es ist bezeichnend, wie exakt und verbreitet das Wissen hier mit Blick auf Gewalt ist und wie gleichgültig die Inszenierung der Liebe behandelt wird. Sie scheint zu selbstverständlich, um sie ernsthaft in Frage zu stellen.
43Die Kritik am Konsum wird mittlerweile allerdings auch von der Rechten mobilisiert, wenn es darum geht, die Oberflächlichkeit der Moderne anzuprangern, konservativen und nationalistischen Werten das Wort zu reden. Man sollte also vorsichtig sein, mit Blick auf in diese Richtung weisende Argumente vorschnell das Wort „kritisch“ zu verwenden. Kritisch wird die Analyse erst dort, wo sie die Frage nach der Oberflächlichkeit der Warenästhetik (wie Haug es stets getan hat) systematisch mit der Frage nach den Produktionsbedingungen und der Rolle der Konsumption für die Produktion verknüpft. Diese Frage nicht zu stellen, um stattdessen nach Ordnung und Disziplin zu rufen, macht die Unterkomplexität des rechten Diskurses aus.
44Zu Baudrillards Begriff des Symbolischen vgl. das zweite Kapitel bei Douglas Kellner (2015).
45Das Abspaltungstheorem wurde unter Marxist_innen intensiv und vor allem kritisch diskutiert (vgl. Bönold 2008). Es geht an dieser Stelle aber nicht um die Frage, inwiefern es helfen kann, die Rolle der Frau im modernen Kapitalismus zu beleuchten. Stattdessen wird der Grundgedanke der Abspaltung bestimmter gesellschaftlicher Bereiche von der Sphäre kapitalistischer Ökonomie verwendet, um die Entwicklung von einer Gesellschaft, in der die Ökonomie eines von vielen sozialen Systemen darstellt, hin zu einer solchen zu veranschaulichen, die im Zuge zunehmender Ökonomisierung ihre Differenzierung verliert.
46Der Begriff „Entwicklungsland“ unterstellt stets eine bestimmte Richtung der den jeweiligen Ländern zugeschriebenen Entwicklungsbedürftigkeit, die sich an den „entwickelten“ Ländern der westlichen Welt orientiert – vor allem also an deren Interpretation des Demokratiebegriffs und ihrer Organisation der Ökonomie. Aus diesem Grund wird er an dieser Stelle in Anführungszeichen gesetzt. Dass Länder sich auch in andere Richtungen entwickeln können, dies aber in der Regel nicht auf Zustimmung stößt, haben die Befreiungskämpfe der 60er und 70er gezeigt. Von einem „Entwicklungsland“ zu sprechen, heißt im Allgemeinen also auch, zwischen den Zeilen von einer Machtasymmetrie zu sprechen, die den Weg der Entwicklung mit entsprechenden Sanktionsmöglichkeiten verbürgt.
47Dies war im marxschen Begriff der Arbeitskraft schon immer angelegt, tritt aber erst im Zuge der Durchsetzung der Dienstleistungsgesellschaft deutlich sichtbar in den Vordergrund. Da diese Entgrenzung systemisch im Begriff der Arbeitskraft angelegt ist, erweisen sich Forderungen nach Entschleunigung oder einem verstärkten Schutz des Privatlebens als wesentlich zu kurz gedacht.
48Dieser Umstand wird in den zahlreichen Beiträgen des Sammelbandes „Glossar der Gegenwart“ sehr deutlich hervorgehoben (Bröckling et al. 2004).
49Das Beispiel ist mir vor 25 Jahren im Rahmen einer Kapitalschulung genannt worden, als ich mir zusammen mit einigen anderen Menschen am Fetischkapitel des Kapitals die Zähne ausbiss. Bedauerlicherweise ist mir der Name des Referenten entfallen. Trotz allem sei ihm für das Beispiel und seine Mühen gedankt.
50Die Infragestellung der Ideologie kann auch durch die Übernahme des Standpunktes schwächerer Menschen aus geschehen, z.B. wenn sich Intellektuelle mit Flüchtlingen solidarisieren und im Zuge dessen die Vordergründigkeit zentraler gesellschaftlicher Werte wie Freiheit oder Achtung der Menschenrechte erkennen. So waren die meisten berühmten Revolutionär_innen Menschen, die es materiell betrachtet keineswegs nötig hatten, für ihre eigenen Interessen einzutreten, da sie aus privilegierten Verhältnissen kamen.
51Die Theorie Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes weist genau in diese Richtung, löst die Ideologie aber komplett von den materiellen Verhältnissen, um sich vom Ökonomismus der meisten marxistischen Theorien zu lösen. Angesichts der immensen Relevanz der Ökonomie erscheint dieser Schritt ein wenig vorschnell und zu radikal. Die immense Relevanz der Ökonomie für den ideologischen Diskurs einzuräumen und die Verbindung zwischen beiden in einer indeterminierten Beziehung zu suchen, erscheint mir als realitätsnäher und ebenso geeignet, Letztbegründungen zu umgehen.
52Wie ich in meinem letzten Buch „Leistung. Das Endstadium der Ideologie“ herausgearbeitet habe, ist dies einer der zentralen Schachzüge der heutigen Ideologie, die sich aus diesem Grund auch als „Anti-Ideologie“ beschreiben lässt (ein Begriff, den ich damals als Erster zu verwenden dachte, den ich nun aber auch bei Debord gefunden habe). Diese Spielart der Ideologie lebt gerade von der Behauptung, sie habe sich von allen ideologischen Versatzstücken der Vergangenheit befreit und sei lediglich eine für aller Augen offene Repräsentation der Dinge wie sie wirklich sind.
53Dies kann in Form des Betrugs oder der Verführung geschehen, doch wird letzteres nur selten der Fall sein. Meistens geschieht die Universalisierung des eigentlich Partikularen mit bestem Gewissen und entspringt der Mystifikation der sozialen Struktur. Für die Besitzerin eines großen Unternehmens ist der Gedanke, durch dessen Expansion würde der Gesellschaft ein Dienst erwiesen, da dies Arbeitsplätze schaffe und dies wiederum zu steuerlichen Mehreinnahmen führe, mit denen anschließend Schulen und Krankenhäuser gebaut werden können, ein vollkommen logischer Gedanke. Dass diese Logik sich äußerst gut in ihr Eigeninteresse fügt, dürfte die Glaubensbereitschaft und den missionarischen Eifer, diese Interpretation des Guten gesellschaftsfähig zu machen, natürlich ungemein steigern.
54Dass Freiheit hier Freiheit verbürgt, trägt bereits unverkennbare Strukturen der Tautologie, die am Boden der ökonomischen Sphäre liegt und lässt sich als Zeichen fortschreitenden Bedeutungsverlustes interpretieren.
55Der auf Emmy Werner zurückgehende Begriff der „Resilienz“ weist in eine ähnliche Richtung, ist in theoretischer Hinsicht jedoch weniger ausdifferenziert und nicht am Begriff der Kohärenz orientiert, auf den es an dieser Stelle ankommt.
56Ehrenberg sieht das moderne Subjekt als ein Subjekt, das zur Depression disponiert ist, da es sich angesichts der allgegenwärtigen Aufforderung, besonders und glanzvoll zu sein, als unvollkommen erlebt und angesichts der Abwesenheit externer Zwangsmechanismen die Schuld hierfür nur bei sich selbst suchen kann (ebd.: 161f.).
57Unter diesem Begriff werden vor allem ein verminderter emotionaler Ausdruck und reduzierte Willenskraft verstanden, die insbesondere im Zusammenhang mit Schizophrenie auftreten und laut DSM die häufig mit der Erkrankung einhergehende Mortalität erklären (APA 2014: 119).
58Trotz aller Differenzierungsbemühungen wird damit aus der Unterscheidung letztlich eine graduelle Differenz.
59Freud stützte sich in seiner Analyse ausschließlich auf dieses Buch und vereinzelte ergänzende Materialien, da sich Schreber niemals bei ihm in Behandlung befand. Das Buch muss aus diesem Grund vor allem als eine Auseinandersetzung mit der Psychose und weniger als die Analyse des Seelenlebens einer lebenden Person gelesen werden, auch wenn aus Freuds Einlassungen hervorgeht, dass er letzteres durchaus für sich in Anspruch nimmt.
60Dieser Gedanke stützt sich zum großen Teil auf die Ausführungen von Laplanche und Pontalis zum Begriff der „Verdichtung“ (Laplanche/Pontalis 1973: 580f.). Laplanche und Pontalis beschränken die mangelnde Verankerung in konkreten Bedeutungen auf die Verdichtung und bringen sie auch nicht mit dem Begriff der „Überdetermination“ in Zusammenhang.
61Für eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Subjektsbegriffs bei Laclau vgl. das entsprechende Kapitel in „Umkämpfte Differenz“ (Distelhorst 2007: 267–279).
62Da der Mangel in der ontologischen Dimension von Gesellschaft und Subjekt angelegt ist, scheitert die Identifikation und wird stets aufs Neue aufgenommen. In diesem Sinne schreibt Laclau, das zentrale Problem des Politischen sei nicht die Identifikation, sondern die Identifikation und ihr Scheitern (ebd.: 35).
63Das Streben nach Fülle geht auf Lacans Begriff der „Jouissance“ zurück, der ein imaginiertes ursprüngliches Einssein mit der Mutter bezeichnet, innerhalb dessen das spätere Subjekt unmittelbar mit dem anderen verbunden – eins – war. Nach dem Stand der heutigen Säuglingsforschung darf diese These bezweifelt werden, nehmen doch – wie Autor_innen wie Melanie Klein, Jessica Benjamin und Martin Dornes betont haben – schon Säuglinge Objektbesetzungen vor und beweisen auf diesem Wege ihre Fähigkeit zur Differenzierung zwischen sich selbst und ihrem Gegenüber. Der Begriff des Mangels sollte aus diesem Grund eher metaphorisch verstanden werden. In diesem Sinne würde er das menschliche Streben nach Widerspruchsfreiheit spiegeln, den Willen, wirklich etwas zu sein, die eigene Identität vollkommen auszufüllen und in ihr aufzugehen oder – mit Sartre – den kleinen Spalt des Nichts zu schließen, der dem Für-Sich-Sein des Menschen wegen dessen Reflexivität eigen ist.
64Der Absatz stellt eine sehr verdichtete Zusammenfassung der Argumentation Ehrenbergs dar. Die relevanten Passagen finden sich (in der Reihenfolge der Argumentation) auf den Seiten: 14–15, 22–23, 143, 294, 170 und 220–221.
65Dieser Verweis wird in seiner Pauschalität der Vielfalt der Autismus-Spektrums-Störung natürlich nicht gerecht. Es soll an dieser Stelle aber auch keine differenzierte Aussage über Autismus gemacht, sondern lediglich darauf verwiesen werden, dass die Abwesenheit eines ‚normalen‘ Kontaktes zu anderen Menschen keineswegs automatisch in die Depression führt.
66Die Annahme eines primären Narzissmus, in dem das Kind wie in einer Blase verweilt, ist aus heutiger Sicht äußerst umstritten. Vgl. FN 63 und die entsprechende Passage in „Das Vokabular der Psychoanalyse“ (Laplanche/Pontalis 1973: 322)
67Die These von der narzisstischen Kultur mündet in die gleiche Diagnose.
68Kohut erläutert dies in anschaulicher Weise anhand einer Anekdote über Winston Churchill, der in seinen Kindheitsjahren stark narzisstisch gewesen sei, dem es aber gelang, seine narzisstischen Impulse unter die Herrschaft eines starken rationalen Ichs zu stellen (ebd.: 153).
69Mitscherlich sieht die Angst, nicht den Narzissmus, als deren Entstehungsbedingung. Mit Blick auf die Gesellschaft vor 40 Jahren ist dies sicherlich treffend, wenn man sich nur die Angst vor dem Krieg vergegenwärtigt, von der die damalige Gesellschaft so tief geprägt war. Aus heutiger Sicht ist aus den gezeigten Gründen aber der Narzissmus als treibende Kraft an die Stelle der Angst getreten.
70Im Phänomen der Interpassivität ließe sich auch der Grund für die ansonsten antiquiert wirkende Präsenz des Studiopublikums in vielen Fernsehshows ausmachen.
71Die Anzahl der Übergriffe auf Asylunterkünfte hat seit 2015 signifikant abgenommen. Sie ist von einer Höchstzahl von 472 im 4. Quartal 2015 auf eine Zahl von 50 im 2. Quartal 2017 gefallen (BKA 2017) (was keineswegs eine unbedenkliche Zahl darstellt). Gerade der in vielen Zeitungen erscheinende Verweis darauf, die Gewalt sei wieder auf das Niveau vor der „Flüchtlingskrise“ gesunken, kann als Ausdruck der Tatsache verstanden werden, dass rassistische Gewalt Teil der sozialen Realität geworden ist. Nicht zuletzt wird der Begriff der Gewalt äußerst eng gefasst, wenn er lediglich Körperverletzung, Brandstiftung und vergleichbare Taten umfasst. Die Unzahl von Menschen, die jährlich beim Marsch durch die Sahara sowie der Überquerung des Mittelmeeres ihr Leben lassen oder in Lagern ausgebeutet, gequält und getötet werden, sind nicht weniger Opfer rassistischer Gewalt als Flüchtlinge, deren Unterkünfte von Rechtsradikalen angezündet werden.
72Dies gilt explizit nicht – wie bereits im zweiten Kapitel dieses Buches angemerkt – mit Blick auf die Schwellen- und ‚Entwicklungsländer‘, in denen Armut nach wie vor das Problem Nummer eins ist. Gerade diese Länder beweisen aber auch, dass es offensichtlich keinen Zusammenhang zwischen Armut und der Verbreitung politischer Bestrebungen gibt, die nach einer grundlegenden Veränderung der ökonomischen und politischen Verhältnisse trachten.
73Die unzähligen Haul- und Unboxing-Videos auf Youtube und anderen Plattformen feiern genau diesen Moment der unausgesetzten Erneuerung des Gebrauchswertversprechens, um das lustvolle Moment vom Gebrauch des Gekauften auf den Akt des Kaufens selbst zu verschieben und laden zugleich zum interpassiven Genießen dieses Moments ein, das sich freilich nur bei denen einstellen kann, die diesen Akt prinzipiell selbst wiederholen könnten.
74Das Zitat zielt auf junge Frauen, lässt sich allerdings aufgrund seiner Stoßrichtung verallgemeinern und im Kontext der sonstigen Argumentation Lafarques lesen. Es heißt in voller Länge: „Schande über die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem Mundwerk, frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen unsere alten Märchen und Erzählungen berichten? Wo sind die Übermütigen hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend, Leben säend, wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen gesunde und kräftige Kinder gebaren? Heute haben wir Frauen und Mädchen aus der Fabrik, verkümmerte Blumen mit blassem Teint, mit Blut ohne Röte, mit krankem Magen und erschöpften Gliedmaßen! Ein gesundes Vergnügen haben sie nie kennengelernt und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie eroberte. Und die Kinder? 12 Stunden Arbeit für die Kinder. O Elend! Alle Jules Simon von der Akademie der moralischen Wissenschaften, alle jesuitischen Germinys hätten kein den Geist der Kinder mehr verdummendes, ihr Gemüt mehr verderbendes, ihren Körper mehr zerrüttendes Laster ersinnen können als die Arbeit in der verpesteten Atmosphäre der kapitalistischen Werkstätten.“
75Diese Zahl wirkt freundlicher als sie ist. Im gleichen Dokument wird darauf hingewiesen, von den insgesamt 25.000 im Jahr 2016 pensionierten Lehrer_innen, hätten die verbleibenden 88% (22.500) zwar eine Altersgrenze erreicht, jedoch nur 7900 die gesetzliche Regelaltersgrenze. Im Zeitraum von 1993–2001 wurden sogar 50% der Lehrer_innen wegen Dienstunfähigkeit in den Ruhestand versetzt. Diese Zahl reduzierte sich erst durch die Einführung von Versorgungsabschlägen bei vorzeitiger Pensionierung und führte bis 2014 zu einer kontinuierlichen Reduktion von Pensionierungen aufgrund von Dienstunfähigkeit (destatis 2016). Dies legt die Erklärung nahe, dass viele Lehrer_innen auch heute noch große gesundheitliche Probleme mit ihrer Tätigkeit haben, sich jedoch nicht zu einer frühzeitigen Pensionierung entschließen, um die entsprechenden Abschläge zu umgehen.
76Der bekannte Fall der Lehrerin Sabine Czerny, die an eine andere Schule versetzt wurde, weil ihre Noten zu gut waren und sie dadurch den „Schulfrieden“ störte, illustriert dieses Argument äußerst anschaulich und wurde in zahllosen Zeitungsartikeln aufgerollt.
77Die Definition bildet einen gemeinsamen Bezugspunkt für die Form der sozialen Arbeit in den Mitgliedsländern und kann von diesen an die vor Ort herrschenden Bedingungen angepasst werden, um nicht zu einem starren Korsett zu verkommen. Das englische Original und zahlreiche Übersetzungen können eingesehen werden unter: http://ifsw.org/get-involved/global-definition-of-social-work/
78Da das Buch vor allem eine Auseinandersetzung mit den Kategorien des Lust- und Realitätsprinzips bei Freud und der theoretischen Möglichkeit ihrer Versöhnung darstellt, lässt sich mit Blick auf dieses Werk die kritische Frage erheben, ob Marcuse hier mehr gelungen ist als eine Argumentation, deren Gültigkeit auf den freudschen Diskurs beschränkt bleibt. In diesem Fall wäre „Triebstruktur und Gesellschaft“ eher ein philologisches Werk und weniger – wie beabsichtigt – der Nachweis, eine lustvolle, freie und zugleich technisch hoch zivilisierte Gesellschaft läge im Bereich des Möglichen. Letztlich entscheidet sich diese Frage anhand einer weiteren: Wie genau beschreibt die freudsche Psychoanalyse die Bedingungen der menschlichen Existenz der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Abgesehen davon aber haben Marcuses Einlassungen zu einem subversiven Verständnis der Ästhetik ihre Aktualität behalten und finden sich in der gegenwärtigen Diskussion nahezu in gleicher Weise wieder – wenn auch von weniger Optimismus geprägt.
79Die Formulierung „Opium für’s Volk“ findet sich in der Lenin Werkausgabe des Dietz Verlages nicht. Wie eine Volltextsuche zeigt, ist durchweg – wie bei Marx – vom „Opium des Volkes“ die Rede (z.B. Band10, 71), auch wenn Lenin an einigen Stellen durchaus nahelegt, die Religion würde dem Proletariat durch die Herrschenden wie eine Droge verabreicht, um sie ruhig zu stellen und seinen Widerstand zu brechen (z.B. Band 14: 223 / Band 25: 464 / Band 30: 330). Vielleicht liegen hier konkurrierende Übersetzungen vor – in der Standardausgabe des Dietz Verlages zumindest findet sich die Formulierung nicht.
80Zu den sinkenden Mitgliederzahlen vgl. auch die Studie „Religion in der Moderne“, die bis in die 50er Jahre zurückreichende Zahlen nennt (Pollack/Rosta 2015: 110).
81Vgl. hierzu den Wortwechsel zwischen Thies Gundlach, Thomas Kaufmann und Martin Laube in der Zeitschrift zeitzeichen (Gundlach 2017) (Kaufmann/Laube 2017).