Foucault und die nukleare Dimension der Biopolitik

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Der philosophische Diskurs über Atomwaffen nimmt seinen Ausgang in den verheerenden Folgen ihres Einsatzes in Hiroshima und Nagasaki. Angesichts des fortwährenden atomaren Aufrüstens in Ost und West und der permanenten Bedrohung durch Atomwaffen offenbart sich seit den 1960er-Jahren immer deutlicher das Paradox einer drohenden Apokalypse des Untergangs aller und der Unmöglichkeit dieses Ende zu denken.1 Im Atomzeitalter, schreibt Karl Jaspers 1961, könne sich der Mensch „die Katastrophe nicht ohne Folgen des Untergangs aller“2 erlauben. Und Günter Anders gibt nur kurze Zeit später dieser schrecklichen Befürchtung Ausdruck, wenn er festhält, dass die Schwierigkeiten im Atomzeitalter „zu denjenigen gehören, die von uns nicht werden bewältigt werden können“.3 Wer sich mit der Philosophie des Atomzeitalters beschäftigt, trifft auf Namen bedeutender DenkerInnen des 20. Jahrhunderts, wie Hannah Arend, Karl Jasper, Hans Blumenberg oder Jean-Paul Sartre. Dass auch Michel Foucault ein Philosoph des Atomzeitalters ist, mag auf den ersten Blick erstaunen, hat er dem bis heute nicht aus der Welt zu bringenden Tatbestand der Existenz von Atomwaffen nie eine eigenständige Abhandlung gewidmet. Vielmehr gilt Foucault als Namensgeber eines viel debattierten Konzepts der Biopolitik, mit dem man sich auf dem Terrain technologischer Optimierungs- und Verbesserungsstrategien des Lebens befindet. Obwohl Biopolitik und atomare Bedrohung auf den ersten Blick keinen inhärenten Zusammenhang vermuten lassen, führt die Spurensuche zu einer nuklearen Dimension in Foucaults Denken.

Dass Foucault im Konzept der Biopolitik auch die atomare Bedrohung seiner Zeit mitreflektierte, kann zunächst als ein gesellschafts- und wissenschaftshistorischer Tatbestand konstatiert werden. Als Einsatzort neuer Denkweisen des Verhältnisses von Macht, Wissen und Leben wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die philosophischen und historischen Reflexionen auf Wissenschaft und Politik radikal neu fundiert. Mit der Herstellung und dem Einsatz von Atomwaffen schienen die Wissenschaften die Grundlage für eine neue Form der Massenvernichtung zu schaffen. In den zeitgenössischen Reflexionen auf Wissenschaft und Politik haben vor dem Hintergrund eines Untergangs aller und neuer kollektiver Angsterfahrungen die fortwährenden atomaren Bedrohungsszenarien und wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen wie eine Initialzündung gewirkt, über die technisch-politische Verfügbarkeit des Lebens nachzudenken. Diese zunehmende Verfügbarkeit und Bedrohung des Lebens wurde insbesondere mit der Atombombe virulent, die paradigmatisch für die Idee des Ausgesetzseins stand. Diese Idee baut jedoch auf einer Sichtweise auf, die das Leben notwendigerweise in Opposition zu einer ihm äußerlichen Macht denkt. Mit dem Konzept der Biopolitik hat sich Foucault radikal von dieser Idee abgewandt. Leben ist für Foucault nicht jenseits von Macht zu denken, sondern wird als Korrelat von Macht- und Wissenspraktiken bestimmt. Das Konzept der Biopolitik ermöglicht die Analyse divergierender Machtformen politischer Rationalität, die in modernen Gesellschaften durch einen spezifischen Bezug auf das Leben gekennzeichnet sind.

Wie aber bezieht sich Politik auf das Leben und wie ist dieses Beziehungsgefüge machttheoretisch zu denken? Laut Foucault haben sich erst moderne Gesellschaften die technischen, wissenschaftlichen und politischen Möglichkeiten geschaffen, um über das Leben als solches zu verfügen. Das Leben steht dabei in einem permanenten Verhältnis mit dem Wissen vom Leben, das zugleich auf eine spezifische Machtförmigkeit verweist. Für Foucault ist die Moderne durch einen sich in historischen und wissensgeschichtlichen Konstellationen ausformenden Machttypus gekennzeichnet. War in vormodernen Gesellschaften Macht noch im wesentlichen als eine „Abschöpfungsinstanz“ bestimmt, so sind die gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert von einer tiefgreifenden Transformation der Machtmechanismen geprägt. War im 18. Jahrhundert Macht an die „juridische Existenz eines Souveräns“ geknüpft gewesen, die sich über das Recht „sterben zu machen und Leben zu lassen“4 legitimierte, tritt im 19. Jahrhundert an die Stelle der alten Souveränitätsmacht allmählich eine neue, auf das Leben bezogene, die Foucault als Biopolitik bezeichnet. Sie ist eine Macht, „deren höchste Funktion nicht mehr das Töten, sondern die vollständige Durchsetzung des Lebens ist“.5 Damit zielt sie nicht ausschließlich auf die Disziplinierung des Individuums, sondern richtet sich in einem umfassenderen Sinne an der Regulierung und Kontrolle der Bevölkerung aus. Biopolitik ist durch den Modus „Leben zu machen und sterben zu lassen“6 charakterisiert. Das Spezifische dieser biopolitischen Regulierungsmacht ist es, dass sie sich auf Bereiche erstreckt, die zuvor außerhalb des Wirkungsbereiches der Souveränitätsmacht lagen. Das Zeitalter der Biopolitik markiert dabei eine sich in der Geschichte abzeichnende „biologische Modernitätsschwelle“: „Es war nichts geringeres als der Eintritt des Lebens in die Geschichte – der Eintritt der Phänomene, die dem Leben der menschlichen Gattung eigen sind, in die Ordnung des Wissens und der Macht, in das Feld der politischen Techniken.“ Die dem Leben innewohnenden Dynamiken und Zufälligkeiten spielen nun direkt in den Bereich politischer Machtausübung hinein. Das heißt für Foucault zwar nicht, dass das Leben gänzlich in den es „beherrschenden und verwaltenden Techniken“7 aufgeht. Vielmehr ist Biopolitik durch eine doppelte Dimension ihres spezifischen Funktionsmechanismus charakterisiert: Das Leben ist sowohl Gegenstandsbereich als auch Funktionsmodell dieser Macht.8 Die Regulierungs- und Kontrollanstrengungen der Biopolitik entfalten ihre Wirkungen gerade dort, wo sie im Modus des Lebendigen praktiziert werden, nämlich regulierend, verbessernd und produzierend.

Mit dem Konzept der Biopolitik nimmt Foucault den modernen Befund einer zunehmenden Gewalt des Krieges auf und konstatiert: „Nie waren die Kriege blutiger als seit dem 19. Jahrhundert und niemals richteten die Regime – auch bei Wahrung aller Proportionen – vergleichbare Schlachtfeste unter ihren eigenen Bevölkerungen an […]. Die Massaker sind vital geworden.“9 Wie also kann eine Lebens- und Regulierungsmacht, die darauf angelegt ist, das „Leben aufzuwerten, seine Dauer zu verlängern“10 zugleich auch eine Todesmacht sein? An dieser Stelle bezieht sich Foucault dezidiert auf die atomare Bedrohung in der Zeit des Kalten Krieges und zeigt, dass auch die Atommacht als Todesmacht in einem Kontinuum mit einer auf das Leben bezogenen Macht steht.11 Was nämlich auf den ersten Blick wie die Rückkehr der alten Souveränitätsmacht erscheint, insofern mit der Atombombe einem politischen Souverän die Möglichkeit gegeben ist, „Millionen und Abermillionen von Menschen zu töten“, ist in Wirklichkeit eine Lebensmacht, die ihre ungeheure Wirkung nur deshalb entfalten kann, weil sie sich auf das Biologische bezieht. Foucault verwehrt sich ausdrücklich, die Atommacht als juridische Macht eines souveränen Regimes anzuerkennen. Vielmehr wird Macht mit der Atombombe „dergestalt eingesetzt, daß sie sich in die Lage versetzt, das Leben selbst zu vernichten. Und sich folglich als Macht, die das Leben garantiert selbst zu vernichten“.12 Damit macht Foucault einen entscheidenden Unterschied in den politisch-militärischen Kalkülen der Atompolitik und in der atomaren Logik einer potenziellen Machtausübung geltend. Denn was mit der Atombombe auf dem Spiel steht, ist gerade nicht die „juridische Existenz der Souveränität, sondern die biologische Existenz der Bevölkerung“.13 Mit der Atommacht zeigt sich ein „unumgehbares Paradox“, das für Foucault nur biopolitisch zu deuten ist: Die Atombombe ist nicht nur eine Macht, die tötet, sondern die Leben auslöscht. Gerade weil die Atombombe eine Macht darstellt, die immer schon auf das Leben, die „biologische Existenz“14 bezogen ist, muss sie in dieser biopolitischen Verfasstheit und ihren Wirkungen betrachtet werden. Mit der von Atomwaffen ausgehenden potenziellen Möglichkeit, das Leben zu vernichten, verkehrt sich die Atommacht im Falle der Machtausübung gegen sich selbst: Die Auflösung der Atommacht ist die Auslöschung des Lebens. Atommacht ist somit die Katastrophe des biopolitischen Zeitalters, die sich gerade nicht als ein gänzlich anderer Machttypus der Regulierungs- und Lebensmacht darstellt. Vielmehr ist sie das Extrem einer biopolitischen Machtausübung, da es in „ihren politischen Strategien um die Existenz der Gattung selbst geht“.15

Wenn gegenwärtig von Biopolitik die Rede ist, dann wird zumeist ein Feld biowissenschaftlicher Entwicklungen beschrieben. Biopolitik bleibt damit auf Kontexte bezogen, die im weitesten Sinne die Bereiche der Genetik, der Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung umfassen.16 Dieser Biopolitik-Diskurs der Gegenwart tritt dabei selbst in Gestalt eines historischen Diskurses auf, der seine eigene Genese unterschlägt. Motiviert von gesellschaftlichen Debatten und kollektiven Ängsten wird das Biopolitik- Konzept um seine nukleare Dimension verkürzt. Wenn sich jedoch Biopolitik als ein immer schon auf eine spezifische Konzeption des Nuklearen ausweisen lässt, dann ist diese Dimension keinesfalls in das historische Register atomarer Bedrohungsszenarien der 1970er-Jahre abzulegen. Es war Foucault, der im Konzept der Biopolitik den eigentümlichen Zusammenhang von nuklearer Vernichtung und biotechnologischer Regulierung herausgearbeitet hat. Zu fragen ist, wie, wann und unter welchen Bedingungen diese Dimension des Nuklearen im Biopolitischen aufgekündigt wurde. Mit dem Konzept der Biopolitik begründet sich eine dringliche Aufgabe kulturwissenschaftlich- wissensgeschichtlicher Forschung: die gesellschaftlichen Normativitäten und diskursiven Verwicklungen des biopolitischen Denkens nämlich dort zu verorten, wo es seinen Anfang nimmt. Das Leben ist niemals als eines vor jeder Macht unbeflecktes Niemandsland aufzufassen, das es zu entdecken gilt, dies hat Foucault eindrücklich gezeigt. Dass Atomwaffen in der Welt sind, ist eine der dramatischsten Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Doch auch gegenwärtig sind wir noch immer in dem Bild der atomaren Katastrophe gefangen, zu dem wir uns zwangsläufig verhalten. Es ist dieser Umstand, der uns auffordert, die Frage, wie man angesichts atomarer Bedrohungen denkt, handelt und lebt, präsent zu halten.

Literatur

  • Anders, Günther, Endzeit und Zeitenende. Gedanken über die atomare Situation, München: DTV, 1971.

  • Foucault, Michel, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977.

  • Foucault, Michel, In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975–1976), Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999.

  • Geyer, Christian, Biopolitik. Die Positionen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001.

  • Jaspers, Karl, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, München: DTV, 1961.

  • Lemke, Thomas, Gouvernementalität und Biopolitik, Wiesbaden: VS Verlag, 2008.

  • Moltmann, Bernhard, Das Atomzeitalter. Zur Gegenwart einer unaufgeklärten Vergangenheit, HSFK-Standpunkte, Heft 4, Frankfurt a. M.: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, 1999.

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  • Muhle, Maria, Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhem, Bielefeld: transcript, 2008.

1

Vgl. Bernhard Moltmann, Das Atomzeitalter. Zur Gegenwart einer unaufgeklärten Vergangenheit, HSFK-Standpunkte, Heft 4, Frankfurt a. M.: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, 1999, S. 3f.

2

Karl Jaspers, Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, München: DTV, 1961, S. 327.

3

Günther Anders, Endzeit und Zeitenende. Gedanken über die atomare Situation, München: DTV, 1971, S. XIII.

4

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1977, S. 162f.

5

Ebd., S. 166.

6

Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975–1976), Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1999, S. 285.

7

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, a.a.O., S. 169f.

8

Vgl. Maria Muhle, Eine Genealogie der Biopolitik. Zum Begriff des Lebens bei Foucault und Canguilhem, Bielefeld: transcript, 2008, S. 11.

9

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, a.a.O., S. 163.

10

Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft, a.a.O., S. 294.

11

Vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, a.a.O., S. 164 sowie Ders., In Verteidigung der Gesellschaft, a.a.O., S. 293f.

12

Ebd., S. 293.

13

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, a.a.O., S. 164.

14

Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft, a.a.O., S. 293.

15

Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1, a.a.O., S. 170.

16

Vgl. exemplarisch hierfür Thomas Lemke, Gouvernementalität und Biopolitik, Wiesbaden: VS Verlag, 2008 sowie Christian Geyer, Biopolitik. Die Positionen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001.

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