Freier Zugang

Im Erscheinen auch bereits wieder im Verschwinden begriffen zu sein, stellt ein Spezifikum von Klang dar. Um zu verhindern, dass der kontinuierliche Strom der im Erklingen verklingenden Musik unaufhaltsam dem Vergessen anheimfällt, wurden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten Techniken der Fixierung des ephemeren musikalischen Klangs erprobt und etabliert. Die Geschichte der musikalischen Notation kennt zahlreiche Beispiele, welche die Archivierung und Weitergabe musikalischen Wissens auch über große raumzeitliche Distanzen hinweg ermöglichten. Erschöpft sich musikalische Schrift – gleichsam als ‚aufgeschriebener Klang‘ – nun jedoch in dieser Rolle des bloßen Speicher- und Kommunikationsmediums?

Die mit explizitem Rekurs auf Ferdinand de Saussure und implizitem Rückgriff auf Platons Schriftkritik immer wieder zugrunde gelegte Übereinkunft, dass Schrift „aufgeschriebene Sprache“ sei, ist in der interdisziplinären Diskussion der letzten Jahre brüchig geworden. Eine der zentralen Denkfiguren aktueller Schriftforschung besteht nunmehr darin, dass Schriften Aspekte beinhalten, in denen sie sich als unabhängig von der gesprochenen Sprache erweisen – gerade in dieser Differenz tritt ihr medialer Eigensinn zu Tage.

Diese Einsicht trifft ohne Zweifel auch auf musikalische Notationsformen zu: Hierbei rücken insbesondere grundlegende Aspekte schriftspezifischer Materialität, die explorative und kognitive Bedeutung des Skizzierens und Notierens, Phänomene der den musikalischen Schriftsystemen eingeschriebenen Performativität sowie die aisthetische Dimension musikalischer Notate in ihrer visuellen Wahrnehmbarkeit in den Fokus musikbezogener Betrachtungen.

Der vorliegende Band eröffnet eine Buchreihe zur Theorie der musikalischen Schrift, deren Ziel es ist, zwei aktuellen Forschungsdesiderata zu begegnen: Sie zielt zum einen auf eine dringend erforderliche Reflexion über die musikalische Schrift innerhalb der musikwissenschaftlichen Theoriebildung. Zum anderen greift sie aus der Perspektive der Musik in den aktuellen Diskurs über den transdisziplinären Gegenstand Schrift ein und leistet damit einen bislang fehlenden Beitrag zur Entwicklung eines lautsprachenunabhängigen (nicht-phonographischen) Schriftkonzepts. Diese Reihe steht in engem Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt Writing Music. Iconic, performative, operative, and material aspects in musical notation(s), das als international verankertes D-A-CH-Projekt an vier Standorten beheimatet ist: der Justus-Liebig-Universität Gießen, der Universität Innsbruck, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und der Paul Sacher Stiftung Basel.

Dieser erste Band dokumentiert eine interdisziplinäre Ringvorlesung, die unter dem Titel Writing Music. Zu einer Theorie der musikalischen Schrift im Wintersemester 2016/17 am Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattgefunden hat. Einleitend stellen die Reihenherausgeber Federico Celestini, Matteo Nanni, Simon Obert und Nikolaus Urbanek Überlegungen vor, wie anhand der Aspekte der Materialität, Operativität, Ikonizität und Performativität ein Perspektivenwechsel im Denken über eine solche Theorie der musikalischen Schrift bewerkstelligt werden könnte. Jan Assmann, Sybille Krämer, Manfred Hermann Schmid, Birgit Mersmann und Christian Grüny eröffnen in ihren Beiträgen kulturwissenschaftliche, philosophische, musikhistorische, kunsthistorische und musikästhetische Perspektiven auf das Phänomen der (musikalischen) Schrift. Thematisiert werden allgemeine Potentiale von Schrift, die Frage nach der Spezifik musikalischer Schriften sowie Überlegungen zum grundlegenden Vermögen von Schrift als Kulturtechnik. Musikalische Notationssysteme aus Geschichte und Gegenwart werden darauffolgend auf ihre schriftspezifische ‚Eigensinnlichkeit‘ hin befragt: Max Haas widmet sich einigen Notationsformen des Mittelalters und kontrastiert diese mit oralen Überlieferungstraditionen; Katelijne Schiltz reflektiert in Hinblick auf Rätselkompositionen der Renaissance ein genuin schriftbasiertes Phänomen; Silke Leopold untersucht Notationen im Experimentierfeld des 17. Jahrhunderts und Dörte Schmidt analysiert Schreib- und Leseszenen mit einem Fokus auf das 20. Jahrhundert. Die Komponistin Iris ter Schiphorst und die Komponisten Karlheinz Essl, Johannes Kreidler und Johannes Maria Staud diskutieren schließlich in einem Gespräch mit Bernhard Günther die Möglichkeiten und Herausforderungen des Schreibens von Musik in der Gegenwart.

Während der Arbeit an diesem Band verstarb unser hochgeschätzter Kollege Max Haas. In seiner Überarbeitung für die Veröffentlichung hat sein Beitrag die Dimensionen einer eigenen Abhandlung angenommen, die nicht nur eine Zusammenfassung, sondern in der Rezeption aktueller schrifttheoretischer Denkfiguren auch eine grundlegende Neupositionierung seines langjährigen Nachdenkens über die ‚Visualisierung auditiver Daten im Mittelalter‘ darstellt. Wir sind dankbar und glücklich, dass wir diesen substantiellen Beitrag zu einer Theorie der musikalischen Schrift in unseren Band aufnehmen dürfen, den wir dem Andenken an Max Haas widmen möchten.

Danken möchten wir Imke Oldewurtel und Heidy Zimmermann für ihre Hilfe bei der Arbeit an vorliegendem Band. Herzlicher Dank gebührt darüber hinaus den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Wilhelm Fink Verlags für die hervorragende Zusammenarbeit.

Carolin Ratzinger, Nikolaus Urbanek und Sophie Zehetmayer