Marginalisierung und Stigmatisierung in Wissenschaftsgeschichte und Psychoanalyse

Die Fälle Wilhelm Reich und Erich Fromm

In: Heterodoxe Wissenschaft in der Moderne

Dieser Aufsatz befasst sich mit den zwei ›unorthodoxen Psychoanalytikern‹ Wilhelm Reich (1897–1957) und Erich Fromm (1900–1980) und ihren marginalen Positionen in Psychoanalyse und Wissenschaft. Es ist insofern sehr aufschlussreich, diese beiden Randfiguren zu vergleichen und einander gegenüberzustellen, als ihre marginalen Entwicklungslinien sich recht dramatisch voneinander unterscheiden. Da Fromms spezifische Marginalität eher unkompliziert zu beschreiben ist, werde ich dem faszinierenden Fall Reich mehr Aufmerksamkeit widmen. Zusammengenommen, illustrieren diese zwei Fälle, welche unterschiedlichen Bedeutungen ›Marginalisierung‹ für verschiedene Personen haben kann, selbst wenn sie, wie Reich und Fromm, viele Gemeinsamkeiten haben.

Marginalisiert zu sein bedeutet aus der Mitte an den Rand gedrängt zu werden, es bedeutet, weniger Macht, Einfluss und Ressourcen zu haben. Gleichzeitig ist Marginalität keine feste Bestimmung, sondern relational. Sie spielt sich zwischen den vermeintlichen Zentren und Peripherien gesellschaftlich definierter Felder ab. Marginalität ist auch bei weitem kein dauerhafter Zustand, sondern kann eine vorübergehende Situation sein. Um diesen Punkt zu veranschaulichen: Anfang der 1960er Jahre begann der Evolutionsbiologe William Hamilton wegen seines politisch unkorrekten Interesses an der Genetik des Altruismus als marginaler Wissenschaftler. Innerhalb von zehn bis 15 Jahren stand seine Theorie der Verwandtenselektion im Mittelpunkt eines neuen Gebiets namens Verhaltensökologie, und Hamilton wurde als der Darwin des zwanzigsten Jahrhunderts gefeiert.1 Wie wir sehen werden, geschah bei Wilhelm Reich genau das Gegenteil: Er wurde zu Lebzeiten permanent marginalisiert, und das schadete nicht nur seiner Laufbahn, sondern auch seinem professionellen Selbstverständnis.

Marginalität kann auch als subversives Mittel zur Aufdeckung verborgener Aspekte der Realität dienen. Unter den ersten, die dieses Thema untersucht haben, war Michel Foucault in seinen Studien über die ›Logik der Unvernunft‹ (Wahnsinn, Verbrechen, sexuelle Devianz usw.). In Anlehnung an Foucault kann man Marginalisierung als einen Prozess begreifen, der zu einer positiven Position führt, die es der Person oder Gruppe erlaubt, den engen Grenzen der dominanten Position zu entkommen, die ihr durch gesellschaftliche Konventionen oder von den Machthabern zugeschrieben wird. Darüber hinaus kann sich, wer am Rand steht, bewusst zwischen zwei Kulturen oder Gruppen einordnen, anstatt im Zentrum der einen zu stehen.2 Stigmatisierung wiederum kann als eine extreme Form der Marginalisierung angesehen werden, da in diesem Fall eine Partei die Identität einer anderen Partei im Sinne des Ausschlusses definiert. Das heißt, dass im Dominanzbereich kein Platz für diejenigen ist, die stigmatisiert sind. Dadurch gibt es auch keine wechselseitige Kommunikation zwischen den Stigmatisierenden und den Stigmatisierten. Wie Erving Goffman in seiner klassischen Studie Stigma schreibt, wird die Identität einer stigmatisierten Person »tainted«, also beschädigt, was bedeute, dass die Person »from a whole and usual person to a tainted, discounted one« reduziert werde. Stigmatisierung sei »deeply discrediting« und daher frei von positiven Eigenschaften.3

Marginalisierung kann Elemente von Inklusion und Exklusion enthalten, aber solange sie die Identität einer Person nicht derart beschädigt, unterscheidet sie sich insofern von Stigmatisierung, als sie voraussetzt, dass die beiden Parteien ein gegenseitiges Verständnis ihrer Konventionen und Regeln haben. Marginalisierung kann auch dazu führen, dass die marginale Position anerkannt wird und im Dominanzbereich sogar eine Funktion hat: Im Zentrum zu stehen, setzt ein gewisses Verständnis dafür voraus, was es bedeutet, am Rand zu stehen. Wie wir sehen werden, repräsentieren unsere beiden Protagonisten zwei gegensätzliche Aspekte der Marginalisierung – der eine inklusiv und positiv, der andere exklusiv und negativ.

Reich und Fromm bewegten sich in den frühen 1930er Jahren in denselben psychoanalytischen Kreisen in Berlin. Doch obwohl beide soziologisch orientierte marxistische Analytiker waren, arbeiteten sie nie zusammen, und in späteren Jahren äußerten sie sich überwiegend negativ über den jeweils anderen. Reich warf Fromm vor, die radikalen Implikationen der Psychoanalyse zu verwässern, insbesondere die Betonung der Macht der Sexualität, während Fromm seinerseits Reich in dessen Verbindung von sexueller Emanzipation mit politischem Radikalismus als fehlgeleitet bezeichnete. Fromm erklärte immer wieder, dass Reich mit seiner Annahme, sexuelle Freiheit würde Menschen menschlicher oder politisch radikaler machen, falsch liege.4 Was sie einte, war ihre wissenschaftliche Randständigkeit: Als Außenseiter konnten sie sehr frei Ideen entwickeln und Theorien konstruieren, die formell nicht der kritischen Prüfung durch andere Spezialisten auf ihrem Gebiet unterlagen. Darüber hinaus waren sie beide säkulare Juden, auch wenn Fromm dem, was er als ›wahre‹ Religiosität ansah, eher positiv gegenüberstand. Reich, in seiner frühen Laufbahn ein bekennender Atheist, entwickelte seinerseits in den Vereinigten Staaten Ideen, die religiöse Elemente enthielten.

Ich werde zunächst die Marginalisierung Reichs im Zusammenhang mit seinem Wandel vom radikal-marxistischen Psychoanalytiker und Sexualpolitiker zum naturwissenschaftlichen Erforscher der Grundenergie des Universums erörtern. Dann wende ich mich der »optimalen Marginalität« von Erich Fromm zu, der in den Vereinigten Staaten zu einem der bekanntesten öffentlichen Intellektuellen der Nachkriegszeit wurde. In der Position der optimalen Marginalität haben Intellektuelle Zugang zu den Ideen und Ressourcen einer etablierten intellektuellen Tradition, ohne an deren institutionelle Beschränkungen gebunden zu sein.5

Ausgehend von diesen beiden Fällen werde ich dann im letzten Abschnitt einige Schlussfolgerungen zur Marginalisierung ziehen.

1. Wilhelm Reich: von der Inklusion zur Exklusion

Als junger Psychiater und Psychoanalytiker in Wien machte sich Wilhelm Reich mit Arbeiten über die psychoanalytische Methode einen Namen. Unter den Wiener Psychoanalytikern wurden Reichs Ideen als innovativ anerkannt, auch wenn sein ›obsessives‹ Interesse an der Erforschung der Sexualität bei seinen Berufskollegen ein gewisses Unbehagen auslöste. Der Psychoanalytiker Martin Grotjahn, der in den 1920er Jahren bei Reich studierte, sah in ihm den »Prometheus der jüngeren Generation«, der »Licht von den analytischen Göttern zu uns herab brachte«.6 Ein anderer Psychoanalytiker, Charles Rycroft, bemerkt, dass Reich in den 1920er Jahren »wesentlich zu den Entwicklungen in der Psychoanalyse beitrug«.7 Freud, der Reichs Begabung früh erkannt hatte, war mit der Richtung, die der junge Meister der psychoanalytischen Methode einschlug, nicht ganz glücklich. Er beobachtete bei Reich eine extremistische Ader, wie aus seinem Brief an Lou Andreas-Salomé vom Mai 1928 hervorgeht:

Wir haben hier einen Dr. Reich, einen braven, aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt. Vielleicht könnte er aus Ihrer Analyse der K. etwas Respekt vor der Komplikation des Seelischen lernen.8

Zu diesem Zeitpunkt wurde Reichs politische Radikalisierung, einschließlich seines Begriffs der ›sexuellen Revolution‹, in Wien mit wachsendem Misstrauen wahrgenommen. Seine betont politische Psychologie sowie sein ausschließlicher Fokus auf Sexualität stießen bei Freud und anderen prominenten Psychoanalytikern auf Befremden. Auf Freuds Anraten hin wurde die Veröffentlichung von Reichs Buch Charakteranalyse gestoppt, und der Widerstand des inneren Kreises der Psychoanalytiker gegen Reich gipfelte in seinem stillschweigenden Ausschluss aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (Reich war 1930 nach Berlin umgezogen). 1934 akzeptierte die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV) den Ausschluss und machte ihn öffentlich. Trotz der Proteste seiner skandinavischen Unterstützer konnte Reich seine vormalige Position nicht zurückgewinnen.9 Reich wurde vor allem deshalb aus der psychoanalytischen Bewegung ausgeschlossen, weil seine politische Psychologie die Pläne Freuds und der deutschen Psychoanalytiker für das fachliche Überleben der Freudschen Bewegung im nationalsozialistischen Deutschland zu durchkreuzen drohte.10 Unterdessen führte die politische Opposition gegen Reich, dessen sexualpolitischer Aktivismus den kommunistischen Apparatschiks in Deutschland missfiel, im November 1933 zu seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Dänemarks (Reich war 1933 nach Dänemark emigriert), obwohl er der Partei faktisch nie beigetreten war.

1934 gründete Reich seinen eigenen Verlag, den Verlag für Sexualpolitik, weil er nicht nur in der KPD auf erbitterten Widerstand stieß, sondern auch immer größere Schwierigkeiten hatte, seine Arbeiten in psychoanalytischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Er gründete auch seine eigene Zeitschrift, die Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, die ihm die Möglichkeit gab, seine eigenen Arbeiten so zu veröffentlichen, wie er es für richtig hielt.11 Gleichzeitig isolierte er sich dadurch praktisch von der größeren psychoanalytischen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit, was sich wiederum auf seine zunehmend eigenwillige Art des wissenschaftlichen Arbeitens auswirkte. In den 1950er Jahren fuhr er in den Vereinigten Staaten damit fort, seine eigenen Zeitschriften zu gründen.

Reich fand schließlich Zuflucht im norwegischen Oslo, wohin er im Herbst 1934 übersiedelte. In Oslo widmete er sich bioelektrischen Experimenten zur Physiologie der Sexualität, was ihn dahin führte, einfachere Organismen wie Mollusken, Amöben und andere Einzeller zu studieren. Dabei entdeckte er mikroskopische Vesikel (Bläschen) in Pflanzenfasern und getrockneten Amöben. Er begann, diese Vesikel ›Bione‹ zu nennen, und stellte die erstaunliche Behauptung auf, Bione befänden sich auf halbem Weg zwischen lebendiger und nicht lebendiger Materie und seien mit einer bis dahin unbekannten Energieform aufgeladen. Er kam zu der Überzeugung, dass Bione sowohl in der unbelebten als auch in der belebten Natur zu finden seien, einschließlich des Menschen.12 1937 begann er mit seiner Bion-Forschung in Norwegen allgemein bekannt zu werden.

Unlängst hat der Wissenschaftshistoriker James E. Strick die These vorgebracht, Reichs Laborstudien über die Bione seien wissenschaftlich fundiert und hätten von seinen Zeitgenossen in den Lebenswissenschaften ernsthafte Aufmerksamkeit verdient.13 Strick baut sein Buch rund um die zumindest bemerkenswerte These auf, dass Reich tatsächlich ›Bione‹ entdeckt habe. Als erster Forscher studierte Strick Reichs unveröffentlichte Labornotizbücher aus seinen norwegischen Jahren (Reichs Archive waren der Wissenschaft bis 2007 verschlossen), und seine akribische Beschreibung von Reichs Experimenten im Labor ist durchaus beeindruckend. Offenkundig verfolgt Strick das Ziel, Reich von den äußersten Rändern der Wissenschaft weg und ihn, wenn schon nicht ins Zentrum, so doch zumindest in eine anerkanntere Position zu rücken, in der seine Arbeit den gleichen wissenschaftlichen Status hätte wie die eines jeden seriösen Naturwissenschaftlers seiner Zeit.

Mit Recht weist Strick darauf hin, dass Reichs Werk oft aus nichtwissenschaftlichen Gründen abgelehnt wurde – kurz gesagt, er wurde oft ungerecht, manchmal mit rachsüchtigen und böswilligen Motiven, behandelt. Eine der Stärken von Stricks Buch ist, dass es die Schwierigkeiten detailliert beschreibt, mit denen Reich nicht nur in Norwegen, sondern später auch in den USA zu kämpfen hatte. Reich galt als jüdischer Immigrant mit dem Ruf eines Radikalen und eines kompromisslosen Charakters, was sich vor allem in Norwegen negativ auf seine Arbeit und seinen Status in den dortigen eher konservativen akademischen Kreisen auswirkte. Auch die Rolle, die der Antisemitismus in der Reaktion dieser akademischen Kreise auf Reichs Arbeit in Norwegen spielte, kann nicht ausgeklammert werden, wie Strick hervorhebt (ein Kritiker von Reichs Arbeit, der Chemieprofessor Klaus G. Hansen, »was a member of the Norwegian Nazi Party who helped the Nazis during the occupation«).14 Jedoch bin ich nicht überzeugt von Stricks Beharren auf der wissenschaftlichen Bedeutung der Forschungen Reichs in Oslo – zumindest wenn es um Bione geht. Niemand im damaligen wissenschaftlichen Establishment in Europa – und Reich korrespondierte mit einer Reihe von Wissenschaftlern – konnte dessen Befunden folgen, dass es sich um flüchtige halblebendige Formen handelte, und keine seriösen Lebenswissenschaftler haben seither ähnliche Behauptungen aufgestellt oder ähnliche Ergebnisse erzielt, was letztlich darauf hindeutet, dass Reichs Bione wahrscheinlich nicht das waren, was er behauptete.

Enttäuscht von seinen erfolglosen Versuchen, die norwegische und damit auch die europäische wissenschaftliche Öffentlichkeit von der Bedeutung seiner neuen »Bion-Forschung« zu überzeugen, und alarmiert von der angespannten politischen Szene in Europa, wanderte Reich im August 1939 in die USA aus. Zunächst gehörte er der New School for Social Research in New York als Lehrbeauftragter an, außerdem richtete er eine therapeutische Praxis ein, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und seine wissenschaftliche Tätigkeit zu finanzieren. 1940 postulierte Reich, dass die unbekannte Energie, die in den Bionen vorhanden sei, auch in der Atmosphäre existiere. Er begann, dies als eine Form der kosmischen Energie zu betrachten, die organische Materie aufladen könnte, und die sich visuell, thermisch, elektroskopisch und mit Geiger-Müller-Zählern messen und veranschaulichen ließe.15 Er prägte für diese neue Energieform den Begriff »Orgon«, der sich aus den Wörtern »Organismus« und »orgastisch« ableitete.16 Er sah die Orgonenergie als universelle und ursprüngliche Energie an, die sich in allen Formen biologischer Energie manifestiere und alle existierende Materie durchdringe. Den Rest seines Lebens widmete er sich der Erforschung der Natur ihrer Funktionen, einschließlich der wissenschaftlichen, sozialen, meteorologischen und medizinischen Verflechtungen dieser allmächtigen Lebenskraft. In Ether, God and Devil (1949) schreibt er:

ORGONENERGIE KANN ÜBERALL NACHGEWIESEN WERDEN, DA SIE ÜBERALL VORHANDEN IST. DEMENTSPRECHEND DURCHDRINGT SIE ALLES, WENN AUCH MIT UNTERSCHIEDLICHER GESCHWINDIGKEIT.17

Als er die Orgonenergie »entdeckte«, glaubte Reich ernstlich, er sei über die bioenergetische Grundlage der Menschheit gestolpert, ein Grundlage zudem, die nicht Gegenstand metaphysischer Spekulationen, sondern naturwissenschaftlicher Beobachtung war. »Die von unserem Lehrer Freud entdeckte Libido ist jetzt sowohl greifbar als auch messbar als biologisch wirksame Orgonenergie«, so Reich in einem Brief an seinen ebenfalls in die USA emigrierten Kollegen Hitschmann von 1942. »Die Existenz von Orgon kann objektiv nachgewiesen werden.«18 Er sah sich nun als Wissenschaftler, der die »secrets of nature« enthüllt hatte.19 In den späten 1940er Jahren war er der Auffassung, dass seine Forschungen universelle Bedeutung erlangt hatten, da er den mutmaßlichen Ursprung aller Materie und Energie in Lebewesen und galaktischen Systemen untersuchte. Reich nannte diese universell existierende, alles durchdringende Urenergie ›kosmische Orgonenergie‹. Er betonte die sich bewegende und pulsierende Natur des Orgons und nannte seine neue Wissenschaft ›Orgonomischen Funktionalismus‹.

Mit einer kleinen Gruppe von Anhängern setzte Reich seine biophysikalische Arbeit fort und erweiterte sie. Seine neuen orgonomischen Aktivitäten finanzierte er mit einer psychotherapeutischen Praxis. 1942 kaufte er 150 Acres (etwa 60 Hektar) Land vor der Stadt Rangeley in Maine und nannte sein Anwesen Orgonon. Bis zum Ende der 1940er Jahre hatte sich Orgonon zu einem Forschungszentrum mit einem Labor und einem Observatorium entwickelt, und Reich plante die Gründung sowohl einer Universität für Orgonomie als auch eines Krankenhauses, um als Heimat und Zentrum unserer wissenschaftlichen und medizinischen Welt für die ganze Welt zu dienen.20 1950 zogen er und seine Familie endgültig nach Orgonon um, doch anstatt die weltweite Anerkennung zu finden, die er seiner Meinung nach verdiente, fand sich Reich bald in unruhigem Fahrwasser wieder.

Schon in den 1940er Jahren hatte Reich die vielleicht größte berufliche Enttäuschung seines Lebens erlitten, noch gravierender als sein Ausschluss aus der IPV: Es gelang ihm nicht, führende Vertreter der Naturwissenschaften, darunter Albert Einstein, von der Bedeutung seiner Entdeckungen zu überzeugen. Reich traf Einstein zweimal in Princeton, einmal im Januar und einmal Februar 1941. Bei seinem ersten Besuch hörte Einstein mehr als vier Stunden lang höflich zu, was Reich über die Orgonenergie zu sagen hatte; nach dem zweiten Besuch ließ er seinen Assistenten den sarggroßen Orgon-Akkumulator untersuchen, den Reich in Einsteins Labor mitgebracht hatte. Reich behauptete, daß der Orgon-Akkumulator atmosphärische Orgonenergie absorbiere und daß dieser Energie ausgesetzt zu sein positive physikalische und biologische Auswirkungen auf jeden hätte, der für eine bestimmte Zeit darin säße. Die von Einsteins Mitarbeiter durchgeführte Untersuchung ergab, dass die Differenz zwischen der Temperatur im Inneren des Akkumulators und der Umgebungsluft im Raum, die für Reich ein ausreichender Beweis für die Existenz von Orgonenergie war, einfacher durch bereits bestehende Theorien der Thermometrie (aufgrund des Temperaturgradienten im Raum) erklärt werden konnte.21 Offenbar betrachtete Einstein den Fall an diesem Punkt als abgeschlossen, aber Reich schickte ihm weiterhin lange Briefe, auf die Einstein nicht mehr reagierte. Dies war ein desto schwererer Schlag für Reich, da er, wie seine Frau Ilse Ollendorff sich erinnerte, damit begonnen hatte,

von Möglichkeiten zu träumen, mit Einstein am Institute for Advanced Study zusammenzuarbeiten, wo er in einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern wäre auf einer Ebene, auf der er, Reich, nicht immer der Gebende wäre und alle anderen von ihm nehmen würden, wie es in seinem eigenen Institut der Fall war, sondern wo er auf seiner eigenen Ebene ein Geben und Nehmen finden könnte.22

Einsteins Reaktion auf das, was Reich als unwiderlegbaren empirischen Beweis ansah, verstärkte seine innere Unruhe und Enttäuschung. Er kam zu der schmerzlichen Schlussfolgerung, dass, wenn ein Genie wie Einstein nicht in der Lage war, ihn zu verstehen, es keine Hoffnung gab, die Anerkennung von Wissenschaftlern geringeren Ranges zu finden. Dennoch schickte er weiterhin Berichte über Orgonenergie an das National Research Council, die American Academy of Sciences und insbesondere an die Atomic Energy Commission. Allerdings gelang es ihm nach der anfänglich freundlichen Reaktion dieser Behörden nicht, deren Interesse aufrechtzuerhalten.23

Als er 1950 nach Orgonon umzog, war Reich bereits ein Außenseiter, sowohl von der akademischen Welt als auch vom Kernbereich der Psychoanalyse ausgeschlossen. Sein letzter Versuch, seine Arbeit zu institutionalisieren und vom Rand ins Zentrum der wissenschaftlichen Welt zu rücken, wurde durch ein katastrophales Experiment mit nuklearer Strahlung Anfang 1951 endgültig zunichte gemacht. Dieses Experiment zum sogenannten »Oranur«, wie Reich es nannte, sollte zeigen, daß die kosmische Orgonenergie den Auswirkungen der Kernstrahlung entgegenwirken könnte. Das Experiment schlug jedoch nicht nur fehl, es hätte beinahe Todesopfer gefordert und weitere Arbeiten am Orgonon unmöglich gemacht.24 Zu diesem Zeitpunkt erreichte Reichs Reputation ihren Tiefpunkt, und viele seiner Studenten und Assistenten verließen ihn. In der Isolation wurden seine Ideen immer phantastischer, und sowohl seine körperliche als auch seine geistige Gesundheit begannen sich allmählich zu verschlechtern. Im Oktober 1951 erlitt er einen schweren Herzinfarkt; in den Jahren 1953/54 trank er sich laut Ilse Ollendorff Reich »often into an absolute stupor«.25 Mitte der 1950er Jahre beschäftigte er sich mit UFOs, baute ein Gerät zur Regenerzeugung (den ›Cloudbuster‹) und fragte sich, ob er ein Raumfahrer sei, der einer auf Erden neuartigen Spezies angehörte.26

Am Horizont zeichneten sich weitere Probleme ab. Der Bau der Orgon-Akkumulatorenkästen und ihr Transport zwischen den Bundesstaaten hatten die Food and Drug Agency Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre veranlasst, Reichs Arbeit zu untersuchen. Es war die Frage nach der heilenden Kraft des Orgon-Akkumulators, welche die medizinischen und Regierungsbeamten misstrauisch machte. 1954 ordnete ein Bezirksgericht in Maine eine einstweilige Verfügung an, mit der die Verwendung des Akkumulators verboten und unter Berufung auf irreführende Angaben und Scharlatanerie die Vernichtung aller Werbematerialien zum Thema Orgonenergie angeordnet wurde.27 1956 und noch einmal 1960 verbrannte das FBI Reichs Bücher und seine wissenschaftlichen Instrumente. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Reichs Bücher auch 1933 verbrannt wurden, als die »Deutsche Studentenschaft« in deutschen Städten die berüchtigten Bücherverbrennungen organisierte.28

1956 wurde Reich wegen eines Verstoßes gegen die einstweilige Verfügung von 1954 zu zwei Jahren Haft in einem Bundesgefängnis verurteilt: Einer von Reichs Gehilfen hatte, ihm offenbar unbekannt, Orgon-Akkumulatoren über die Staatsgrenzen gebracht. Das Gerichtsverfahren gegen ihn war der letzte Schlag für Reichs Gesundheit: Im März 1957 wurde er inhaftiert und starb im November in seiner Gefängniszelle in Lewisburg, Pennsylvania, an einem schweren Herzinfarkt. Bei seinem Tod im Alter von 60 Jahren hatte er nur noch eine Handvoll Anhänger und galt weithin als Spinner, Scharlatan und psychisch gestört. Er war in jeder Hinsicht zu einem intellektuellen und wissenschaftlichen Außenseiter geworden.

2. Ein Wissenschaftler sucht Anerkennung: Reichs ›Cargo-Kult‹-Wissenschaft

Als selbsternannter Naturwissenschaftler war Reich in seinen amerikanischen Jahren bestrebt, Mitglied einer wissenschaftlichen Community zu werden und die ihn langweilende therapeutische Arbeit für immer aufzugeben.29 Da er jedoch die Genforschung ablehnte und einige der grundlegenden Lehren der modernen Physik (wie das Gravitationsgesetz30) in Frage stellte, konnte er in Wissenschaftskreisen keine Unterstützung für seine Ideen finden. Ein unüberwindliches Problem bei seinen Forschungen war, dass er und fast alle seine Schüler und Mitarbeiter als Ärzte, klinische Psychologen, Soziologen oder Philosophen ausgebildet waren, nicht jedoch als Physiker oder Biologen. Kurz gesagt, sie waren Amateure darin, ein strenges naturwissenschaftliches Experiment durchzuführen.

Ein weiteres Hindernis für Reich auf seiner Suche nach Anerkennung war die Sprache: Um sein neu gefundenes orgonomisches Bewegungsgesetz zu artikulieren, schuf Reich eine eigene Terminologie. Während des letzten Jahrzehnts seines Lebens wurde diese Terminologie zunehmend eigenwillig und selbstreferentiell.31 Einer der Gründe, warum sich Reichs Terminologie und Vokabular im Laufe der Zeit änderten, ist, dass er jedes Mal, wenn er eine neue ›Entdeckung‹ in der Natur machte, auch den Begriffsrahmen seiner Anthropologie entsprechend modifizierte. So stellte er Mitte der 1930er Jahre bei seinen mikroskopischen Studien über das Leben von Einzellern und Amöben fest, dass der menschliche Organismus danach strebe, kugelförmig zu werden, und dass dieses Streben beim Orgasmus akut werde.32 Zwanzig Jahre später – nachdem er das Leben in der Wüste beobachtet hatte, während er versuchte, mit dem Cloudbuster Regen zu machen –, zog er Vergleiche zwischen der Wüste und emotional ausgetrockneten oder (wie er sie nannte) ›gepanzerten‹ Menschen. Er benutzte das Leben in der Wüste als Metapher, um das menschliche Leben zu charakterisieren. Er selbst stellte 1952 fest: »Wir übersetzen alte, bekannte psychologische und bioenergetische Begriffe in grundlegendere physikalische Begriffe«.33 Doch anstatt seine biologischen und psychologischen Begriffe irgendeiner bekannten physikalischen Sprache anzupassen, erfand er seine eigene Sprache, die schwer mit der Fachsprache der zeitgenössischen Physik, Chemie und Biologie in Einklang zu bringen war. Also war es Reich selbst mit seinem eigenwilligen Wortschatz, der es den Wissenschaftlern überaus schwer machte, ihn ernst zu nehmen: Sie konnten das von Reich geschaffene Begriffsuniversum einfach nicht nachvollziehen.

Ein weiterer Grund für die extreme Marginalisierung von Reich war, dass er aus der Zeit gefallen war. In den 1930er Jahren und danach gab es keinen Platz mehr für einsame Wissenschaftler, die in ihren eigenen Labors außerhalb etablierter Institutionen forschten. Es war seine zum Teil selbst auferlegte Isolation, die ihn ziemlich wirkungsvoll in seine Außenseiterposition brachte. Schließlich begann er, seine eigenen Zeitschriften zu publizieren, gründete seinen eigenen Verlag und hatte keine Verbindungen zu Universitäten, außer für eine gewisse Zeit in New York (und selbst diese Verbindung bestand zu den Sozialwissenschaften, nicht zu den Naturwissenschaften oder der Medizin). Um die von Ludwik Fleck eingeführten Konzepte zu verwenden: Nach seinem Ausschluss aus der psychoanalytischen Bewegung war Reich nicht mehr Teil eines »Denkkollektivs«. Daher war es für Reich überaus schwierig, seine Ideen zu verbreiten und mit akademischen Forschern zu kommunizieren, die selbst Teil eines Denkkollektivs waren und dadurch einen unverwechselbaren »Denkstil« repräsentierten.34 Oder, um es mit dem Kuhn’schen Vokabular auszudrücken, es war für Reich schwierig, Paradigmen in den Biowissenschaften anzufechten. Wenn man sich selbst ›außen‹ befindet, ist es ein schwieriges Unterfangen, Aussagen darüber zu treffen, wie Wissenschaft ›innen‹ funktioniert – jedenfalls, wenn man will, dass diese Aussagen ernst genommen werden.

Die kühle oder gleichgültige wissenschaftliche Reaktion auf seine Orgonomie- Forschung – veranschaulicht durch Einsteins Desinteresse an seinem Werk – dokumentiert Reichs Position am äußersten Rand der Wissenschaft. Tatsächlich wird die Feststellung, Reich sei an den Rand gedrängt worden, dem eigentlichen Kern dessen, was in seinen amerikanischen Jahren geschah, nicht gerecht. Da es nach seiner Begegnung mit Einstein keinen weiteren Austausch zwischen Reich und der etablierten Wissenschaft gab, wurde Reich zu einem archetypischen Außenseiter, zu jemandem, den die Wissenschaftler nicht einmal wahrnahmen, geschweige denn mit ihm in einen Dialog traten. Es war vollkommen ausreichend, ihn als jemanden abzutun, dessen Experimente ein »Schwindel« waren, wie es der berühmte Kernphysiker J. Robert Oppenheimer tat.35 Der Psychiater Hervey Cleckley bezog sich seinerseits in seiner einflussreichen Studie über Psychopathie (The Mask of Sanity) auf Reichs Entdeckung des Orgons und unterstellte, ohne es direkt zu sagen, dass Reich – hinter der »mask of sanity« – ein Psychopath sei (Reich bezieht sich in seinem Tagebuch auf Cleckleys Buch).36 Reich schien über solche Verleumdungen nicht besonders bestürzt zu sein.

In gewisser Weise gab es in Reichs Werk unverkennbare Elemente einer »Cargo-Cult«-Wissenschaft. Cargo-Cults wurden erstmals in Melanesien beobachtet, als die indigenen Völker im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit den technologisch fortgeschritteneren westlichen Kulturen in Kontakt kamen. In der Ethnologie bezeichnet Cargo-Cult ein Glaubenssystem, in dem verschiedene rituelle Handlungen, wie der Bau von Start- und Landebahnen und Kontrolltürmen für Flugzeuge aus Stöcken und Steinen, den Anschein von materiellem Reichtum, insbesondere an den von Flugzeugen abgeworfenen begehrten westlichen Gütern (das heißt »Cargo«, also Fracht), hervorrufen.37

Der Begriff »Cargo-Cult-Wissenschaft« wurde von dem berühmten Kernphysiker Richard Feynman geprägt, der ihn verwendete, um Forschung zu beschreiben, die den Regeln wissenschaftlicher Forschung zu folgen scheint, aber etwas Wesentliches übersieht. Für Feynman handelte es sich bei diesem fehlenden Element »um so etwas wie wissenschaftliche Integrität, um einen Grundsatz des wissenschaftlichen Denkens, der gleichsam äußerster Ehrlichkeit entspricht.«38 In Bezug auf Reich (den Feynman nicht erwähnt) ist Feynmans zusammenfassende Aussage darüber, wessen es in der Wissenschaft bedarf, besonders angebracht: »Kurz, es geht darum, alle Informationen zu liefern, durch die andere den Wert Ihres Beitrags beurteilen können, und nicht nur jene Informationen, die zu Urteilen in dieser oder jener bestimmten Richtung führen.«39 Wie Feynman hervorhob, geht es nicht um den bewussten Versuch eines Wissenschaftlers, andere zu täuschen oder sich absichtlich nur auf das zu konzentrieren, was seine Theorie zu bestätigen scheint. Vielmehr geht es darum, ständig auf der Hut zu sein, damit man sich nicht vormacht, die wissenschaftliche Wahrheit gefunden zu haben. In diesem Sinne verkörpert Reichs Arbeit beispielhaft das, was Feynman als Cargo-Cult-Wissenschaft bezeichnet: Er baute sozusagen einen nachgeahmten Flughafen in dem Sinne, dass er Einrichtungen (Labor), Ausrüstung (einschließlich eines sehr teuren Forschungsmikroskops), Assistenten, Laborkittel und Publikationen hatte, aber vergeblich: es landeten keine Flugzeuge – ›die Wissenschaft kam nie an‹. In Reichs Cargo-Cult-Wissenschaft waren zwar einige Voraussetzungen von Wissenschaftlichkeit erfüllt, aber sie wurde nie als solide Wissenschaft anerkannt, vor allem nicht in seinen amerikanischen Jahren.

Im Hinblick auf die anhaltende Marginalisierung Reichs ist es ein interessantes Detail, dass der renommierte Historiker der Psychoanalyse Peter Gay in seiner dicken intellektuellen Biographie über Freud, die 1988 veröffentlicht wurde, Reich nicht einmal erwähnt – als ob es Reich in der zunächst noch relativ kleinen psychoanalytischen Welt in Wien und Berlin nicht gegeben hätte.40 Ich vermute, dass Reichs rascher Fall aus der Gunst der Psychoanalytiker und insbesondere die intrigante Art und Weise, in der er 1934 aus der Bewegung verdrängt wurde, loyale Diener der Freudschen Sache davon abgehalten hat, seine psychoanalytische Laufbahn zu untersuchen, außer vielleicht, um in den Chor derjenigen einzustimmen, die behaupten, dass Reich seit den frühen 1930er Jahren psychisch krank war. Die boshaften Gerüchte über Reichs psychische Probleme, die bereits in den 1930er Jahren in Umlauf kamen, waren ein wirksames Mittel, um seine berufliche Existenz zu ruinieren, und sie hatten offensichtlich negative Auswirkungen auf seinen Ruf als Therapeut und Wissenschaftler.41

Der Psychoanalytiker Kurt Eissler erzählte Reich 1952 in einem Interview, dass seine ehemaligen psychoanalytischen Kollegen und Schüler aus Europa, die mittlerweile in New York lebten, nur ein peripheres Interesse an seiner Arbeit hätten. Darauf antwortete Reich traurig: »Niemand interessiert sich. Sie können sich nicht interessieren. Das Protoplasma funkelt nicht mehr.«42 Scheinbar dämmerte es Reich, dass seine Wissenschaft dazu bestimmt war, seine eigene persönliche Vision zu bleiben, die von niemandem geteilt wurde, außer einem kleinen Kern treuer Jünger, die nicht in der Lage waren, seinen Traum zu verwirklichen. Für einen Mann mit so vielen originellen Ideen muss es niederschmetternd gewesen sein, sich einzugestehen, dass das Protoplasma am Ende nicht mehr funkelte. In einem Tagebucheintrag vom 24. April 1955 schrieb er in einem Ton völliger Resignation: »I am headed for a sad end indeed.«43

3. Erich Fromms optimale Marginalität

Im Gegensatz zu Reich hatte Erich Fromm kein Medizinstudium absolviert. Er wurde ein »Laienanalytiker«, der sich schon früh für die Sozialpsychologie und insbesondere für die verschiedenen Auswirkungen sozialer Strukturen auf die menschliche Persönlichkeit interessierte. Später in seinem Leben wurde er eher zu einem Sozial- und Moralphilosophen, der seine eigene Art des sozialistischen Humanismus propagierte, in dem er Psychoanalyse, Marxismus und einen Messianismus kombinierte.44 Er versuchte, eine tragfähige Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum Kommunismus anzubieten, und obwohl sein direkter kultureller oder politischer Einfluss begrenzt war, schrieb er eine Reihe viel gelesener Bücher und wurde zu dem, was der Soziologe Lewis A. Coser einen »modern guru to the middle classes in the postwar years« nannte.45 Von den 1940er bis in die 1960er Jahre war er einer der bedeutendsten öffentlichen Intellektuellen in den USA.46

Wie Reich emigrierte Fromm in die USA (1934), wo er in New York eine psychoanalytische Praxis gründete. Wie Reich wurde er (Anfang der 1950er Jahre) von der IPA ausgeschlossen,47 und dieser Ausschluss war ein wesentlicher Kontext für seine fachliche Randständigkeit. Die Psychoanalyse hatte in den USA durch die institutionelle Verquickung mit der akademischen Psychiatrie an professioneller Glaubwürdigkeit gewonnen: Sie wurde zu einem theoretisch ambitionierten medizinischen Fachgebiet, das dem vorherrschenden Zeitgeist entsprach, in dem Alltagsneurosen und Psychotherapie Teil der bürgerlichen Berufswelt und Kultur geworden waren.48 Fromms Ausschluss aus der IPA veranlasste ihn, seine Kritik an den medizinisch ausgerichteten psychoanalytischen Lehren und an der psychoanalytischen Bewegung deutlicher zu formulieren,49 und er war noch weniger zurückhaltend, wenn es um andere psychologische Forschungsrichtungen ging. Anstatt die Grenzen zwischen ihm und den akademischen Institutionen zu verwischen, betonte er seinen eigenen Außenseiterstatus, indem er sich ausdrücklich von der professionellen Psychologie und Psychiatrie distanzierte. Mit seiner kritischen Haltung gab sich Fromm als Rebell (oder vielleicht sogar als Revolutionär) der psychologischen Forschung aus.

Anders als Reich – genauer gesagt, im Gegensatz zu Reich – erlangte Fromm schon bald nach seiner Ansiedlung in New York Popularität: Sein erstes in englischer Sprache verfasstes Buch (Escape from Freedom, 1941) war sein Durchbruch bei den Intellektuellen in den USA, und seine späteren Bücher über die Kunst des Liebens, die ›humanistische Ethik‹ (Man for Himself. An Inquiry into the Psychology of Ethics, 1947) und die ›gesunde Gesellschaft‹ (The Sane Society, 1955) wurden zu Bestsellern und sprachen ein großes bürgerliches Laienpublikum an, das an verständlichen Darstellungen kultureller, sozialpsychologischer und psychoanalytischer Themen interessiert war. Seine aktive Randposition außerhalb des psychoanalytischen Mainstreams und der akademischen Welt gab ihm ein glaubwürdiges öffentliches Gesicht als Analytiker und als ›frei schwebender Intellektueller‹, der sich gegen eine medizinisch geprägte Herangehensweise an menschliches Leid aussprach und das kritisierte, was er als ›konformistische Tendenzen‹ in der akademischen Psychologie und Psychiatrie bezeichnete.

Das Faszinierende an Fromms Status als Intellektueller ist, dass seine Position im Randbereich der psychologischen Wissenschaften kein Hindernis für den Erfolg war. Vielmehr half sie ihm, sich erfolgreich eine Nische als Denker zu schaffen, der entschlossen gegen den Strom schwamm. Der Soziologe Neil McLaughlin hat einen Ansatz entwickelt, der Fromm als ein Beispiel für das betrachtet, was er als »optimale Marginalität« bezeichnet. McLaughlin identifiziert »optimal marginale Intellektuelle« als diejenigen, die »Zugang zum kreativen Kern einer intellektuellen Tradition haben, während sie organisatorische, finanzielle, kulturelle oder psychologische Abhängigkeiten vermeiden, die Innovationen einschränken«.50 In Anlehnung an McLaughlin könnte man sagen, in einer optimalen Randposition zu sein bedeutet, dass man gehört wird, dass man angefochten wird und dass man Einfluss ausübt – auch wenn dieser Einfluss geringer ist als der Einfluss, der vom Zentrum ausgeht (in diesem Fall vom psychoanalytischen Establishment in den USA). Obwohl Fromm immer noch über wertvolle persönliche Verbindungen zu freudianischen Institutionen und Netzwerken verfügte, konnte er die beruflichen und intellektuellen Zwänge übergehen, die mit der Mitgliedschaft in den herrschenden Institutionen verbunden waren. Es gelang ihm, seine eigene Randposition in eine Strategie zu verwandeln, indem er sie der Öffentlichkeit als Beweis seiner eigenen kulturellen Autorität präsentierte.

Man könnte meinen, ein Schriftsteller wie Fromm verberge seine Distanz zur Orthodoxie, um seine Fachkompetenz gegenüber seinem Publikum zu verteidigen. Doch das Gegenteil war der Fall. Er posaunte seine Randständigkeit heraus und erhob seine Distanz zur Psychoanalyse, Psychiatrie und akademischen Psychologie zur Legitimation seiner Autorität. Um diesen Punkt zu veranschaulichen: Er betrachtete die diagnostischen Etiketten der Psychiatrie – wie ›infantil‹ oder ›neurotisch‹ – als Mittel, um diejenigen ›anzuprangern‹, die nicht in das ›konventionelle Muster‹ passen. »This kind of influence«, so Fromm, »is in a way more dangerous than the older and franker forms of name-calling.« Früher habe das Opfer mit den gleichen Waffen zurückschlagen können, aber, wie Fromm es ausdrückte, »who can fight back at ›science‹?«51 Er war der Auffassung, dass Experten aller Disziplinen sich von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen abgewandt hätten. Diese Experten behaupteten, »dass die Probleme zu kompliziert seien, als dass ein durchschnittliches Individuum sie begreifen könnte«. Infolgedessen wartet der Einzelne, »bis die Spezialisten herausgefunden haben, was zu tun ist und an wen er sich wenden soll«, was häufig entweder »einen Zynismus gegenüber allem, was gesagt oder gedruckt wird,« zur Folge haben könne oder einen »kindlichen Glauben an alles, was einer Person mit Autorität erzählt wird«.52 Damit konstruierte Fromm ein Nullsummenspiel von Expertise, bei dem die Autorität der Experten notwendigerweise einen entsprechenden Machtmangel der Laien implizierte.

Der Begriff der »optimalen Marginalität« legt nahe, dass es manchmal Vorteile hat, am Rand zu stehen. Fromms Ansprüche auf kulturelle Autorität entstanden weitgehend aus Behauptungen über seine eigene Distanz zu den – und Opposition gegen die – orthodoxen Praktiken der psychologischen Disziplinen. Er bat seine Zuhörer, ihm nicht deshalb zu glauben, weil er ein ordnungsgemäß zugelassener Experte sei, sondern gerade deshalb, weil er es nicht sei. Diese Offenheit war für Fromm eine Möglichkeit, mit seinem Publikum auf Augenhöhe zu sein und es als Mitstreiter für seinen eigenen Widerstand gegen Psychologie, Psychiatrie und Psychoanalyse zu gewinnen. Dass er sich nicht in diesen Bereichen von Professionalität bewegte, erwies sich als Markenzeichen seiner Verbundenheit mit den konkreten Bedürfnissen seines Publikums. Die Gruppe, die er für sich und sein Publikum schuf, war die Kategorie ›Mensch‹ – eine Gegenkategorie zu der üblichen Einteilung in Berufsgruppen. In gewisser Weise ähnelte er heutigen populistischen Politikern: Er stellte sich rhetorisch auf die Seite des großen Laienpublikums, dessen Hoffnungen und Sorgen er zu kennen schien. In den 1950er Jahren wandelte er seine berufliche Isolation geschickt in einen symbolischen Mehrwert um, der ihm fast 20 Jahre lang sehr zugute kam. In diesem Sinne konnte die fachliche Randständigkeit als Solidarität mit einer anderen wichtigen Gruppe von Menschen – dem Publikum – ausgespielt werden. Genau das richtige Maß an Marginalität, so scheint es, kann Ideen wirksam popularisieren.

4. Schluss

Die Lebenswege von Wilhelm Reich und Erich Fromm bieten exemplarisches Material, um das Phänomen Marginalität zu untersuchen. Sowohl Reich als auch Fromm waren Psychoanalytiker, wobei die Psychoanalyse selbst zunächst an den Rand gedrängt, dann in den Mainstream der Medizin (vor allem in den USA) aufgenommen wurde, um nach den 1960er Jahren wieder an den Rand gedrängt zu werden. Tatsächlich war die Psychoanalyse während eines Großteils des 20. Jahrhunderts selbst sowohl eine marginalisierte als auch eine marginalisierende Praxis, und sie stand sowohl für Heterodoxie als auch für Orthodoxie.

Für Reich bedeutete Marginalisierung Ausschluss, Abgrenzung und Stigmatisierung,53 während das Umgekehrte für Fromm galt, der ein Bestsellerautor und ein populärer öffentlicher Intellektueller wurde. Während Reich als ein Paradebeispiel dafür gelten kann, dass Marginalisierung sich desaströs auswirkt, erweist sich Fromms Marginalität im Verhältnis zum amerikanischen psychoanalytischen, psychiatrischen und psychologischen Establishment als optimal: Statt in der Versenkung zu verschwinden, positioniert er sich erfolgreich als intellektueller Rebell, der seine Marginalität als Beweis kultureller Authentizität hinstellt. Fromms Fall zeigt, wie die Außenseiterposition marginalisierte Menschen mit symbolischen Ressourcen ausstatten kann, die für sie sehr wertvoll sein können. Sich (oder andere) als ›Randgruppen‹ oder ›Außenseiter‹ darzustellen, kann als rhetorisch-manipulative Strategie funktionieren, um (i) eine neue und beruflich profitable Nische für sich zu finden; (ii) sich positiv von den zentrumsnahen Konformisten abzugrenzen, die sich nicht trauen, intellektuelle Unabhängigkeit zu zeigen; und (iii) von Gruppen und Institutionen, die andere Zentren vertreten, positiv wahrgenommen zu werden (wovon hier nicht die Rede war). Was man bei Randfiguren wie Fromm oft findet, ist eine Verständigung von Zentrum und Rand darüber, wo sich die Peripherie und wo der ›point of no return‹ befindet. Durch diesen kooperativen Ablauf werden also Ränder konstruiert. Das Zentrum eines Feldes schließt das Marginale aus, und das Marginale antwortet darauf, indem es den Status der Marginalität annimmt mit allem Wert, den er für es hat. Aber beide müssen sich gegenseitig anerkennen.

Marginalität kann Ausgrenzung, sogar Stigma bedeuten, aber sie kann auch helfen, strategische Ziele zu erreichen. Als heuristisches Instrument ist Marginalität nützlich, nicht nur in der Politikwissenschaft (wo man es häufig verwendet), sondern auch in Psychoanalyse-, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. In all diesen Bereichen hat es Einzelpersonen und Gruppen gegeben, die – manchmal aus politischen oder ideologischen Gründen – an den Rand gedrängt wurden, und dies hat entweder zu Ausgrenzung und Stigmatisierung oder zu einer strategisch guten (sogar optimalen) Position geführt.54 Randfiguren sind deshalb eine hervorragende Quelle, wenn man die sich verändernden Verhältnisse zwischen Zentren und Peripherien der Wissenschaft untersuchen will.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Riechers

1

Ullica Segerstråle: Nature’s Oracle: The Life and Work of W. D. Hamilton. Oxford: Oxford University Press 2013.

2

Für das Argument, dass Marginalisierung eher förderlich als nachteilig für die eigene Position sein könne, vgl. David Paul Lumsden: Community Mental health in Action. Toronto: Canadian Mental Health Association 1984, sowie Janet Marie Bennett: Cultural Marginality. Identity Issues in Intercultural Training. In: Education for Intercultural Experience. Hg. v. M. Paige. Yarmouth: Intercultural Press 1997, S. 1–27.

3

Erving Goffman: Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity [1963]. New York: Prentice Hall 1986, S. 3.

4

Erich Fromm: The Art of Listening. New York: Continuum 1994, S. 92; Erich Fromm: Ethik und Politik. Hg. v. Rainer Funk. Weinheim/Basel: Beltz 1990, S. 38–39; Erich Fromm: The Revision of Psychoanalysis. Hg. v. Rainer Funk. Boulder, CO: Westview Press 1992, S. 35.

5

Für den Begriff der optimalen Marginalität vgl. Neil McLaughlin: Optimal Marginality. Innovation and Orthodoxy in Fromm’s Revision of Psychoanalysis. In: Sociological Quarterly 42/2 (2001), S. 271–288.

6

Martin Grotjahn: My Favorite Patient. Frankfurt a. M.: Peter Lang 1987, S. 32 (»Prometheus of the younger generation«), 148 (»who brought light from the analytic Gods down to us«).

7

Charles Rycroft: Reich. London: Fontana/Collins 1971, S. 9 (»contributed significantly to the developments in psychoanalysis«).

8

Sigmund Freud, Lou Andreas-Salomé: Briefwechsel. Hg. v. Ernst Pfeiffer. Frankfurt a. M.: Fischer 1966, S. 191 (Brief vom 9. Mai 1928).

9

Wilhelm Reich: Reich Speaks of Freud. Hg. v. Mary Higgins und C.M. Raphael, trans. T. Pol. New York: Farrar, Straus & Giroux 1974, S. 255–261; Ben Harris und Adrian Brock: Freudian Psychopolitics. The Rivalry of Wilhelm Reich and Otto Fenichel. In: Bulletin of the History of Medicine 66 (1992), S. 600–603.

10

Vgl. dazu Bernd Nitzschke: »Ich muss mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden«. Voraussetzungen, Umstände und Konsequenzen des Ausschlusses Wilhelm Reich’s aus der DPG/IPV in den Jahren 1933/34. In: Der ›Fall‹ Wilhelm Reich. Hg. v. Karl Fallend und Bernd Nitzschke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 68–130.

11

Vgl. das ›Manifest‹ dieser Zeitschrift in Wilhelm Reich: Selected Sex-Pol Writings: 1934–37. London: Socialist Reproduction 1973, S. 35.

12

Wilhelm Reich: Die Bione. Oslo: Sex-Pol 1938.

13

James E. Strick: Wilhelm Reich, Biologist. Cambridge: Harvard University Press 2015.

14

Strick (2015): Wilhelm Reich, S. 259.

15

Mehr zu Reichs Entdeckung der Orgonenergie findet sich bei Wilhelm Reich: Cancer Biopathy. (The Discovery of the Orgone, II). Trans. by A. White, M. Higgins, C. M. Raphael. New York: Farrar, Straus and Giroux 1973a, S. 14; Wilhelm Reich: Function of the Orgasm: Sex-Economic Problems of Biological Energy. Trans. V. R. Carfagno. London: Souvenir Press 1973b, S. 383–386; Wilhelm Reich: Selected Writings. An Introduction to Orgonomy. London: Vision Press 1973c, S. 193f.; Myron Sharaf: Fury on Earth. A Biography of Wilhelm Reich. New York: Da Capo Press 1983, S. 276–278.

16

Reich (1973a): Cancer Biopathy, S. 30.

17

Wilhelm Reich: Ether, God and Devil. New York: Farrar, Straus and Giroux 1973d, S. 142 (»ORGONE ENERGY CAN BE DEMONSTRATED EVERYWHERE SINCE IT IS PRESENT EVERYWHERE. ACCORDINGLY, IT PENETRATES EVERYTHING, THOUGH AT VARYING RATES OF SPEED«; Hervorh. im Orig.).

18

Reich (1974): Reich Speaks Of Freud, S. 227 (»The libido discovered by our teacher Freud is now both tangible and measurable as biologically efficacious orgone energy. […] The existence of Orgone can be objectively demonstrated.«).

19

Reich (1974): Reich Speaks Of Freud, S. 227.

20

Vgl. Wilhelm Reich: Where’s the Truth? Letters and Journals, 1948–1957. Hg. v. Mary Boyd Higgins. New York: Farrar, Straus & Giroux 2012, S. 44.

21

Für Reichs Briefe an Einstein und seine Tagebucheinträge aus dieser Zeit vgl. Wilhelm Reich: American Odyssey. Letters and Journals 1940–1947. Hg. v. M. B. Higgins. New York: Farrar, Straus and Giroux 1999.

22

Ilse Ollendorff Reich: Wilhelm Reich. A Personal Biography. New York: St. Martin’s Press 1969, S. 58 (»daydream of possibilities for working with Einstein at the Institute for Advanced Studies, where he would be in a community of scientists on a level where he, Reich, would not always be the giving one, with everybody else taking, as it was in his own Institute, but where he could find a give and take on his own level.«).

23

Vgl. Reichs Briefe an diese Behörden in American Odyssey und Where’s the Truth.

24

Vgl. The Oranur Experiment [1951]. In: Reich (1973c): Selected Writings, S. 357–434, worin Reich das Experiment und seine Ergebnisse ausgiebig beschreibt. Vgl. auch Reich (2012): Where’s the Truth, S. 79–81. Die Beschreibung des Experiments durch seine Frau ist enthalten in Ollendorff Reich: Wilhelm Reich, S. 104–110.

25

Ollendorff Reich (1969): Wilhelm Reich, S. 120.

26

Wilhelm Reich: Contact with Space, ORANUR Second Report. OROP Desert Ea 1954–55. New York: Core Pilot Press 1957, S. 1. Reich identifizierte sich selbst mit dem Raumfahrer in einem Hollywood-Film von 1951, dem weniger bekannten Sci-Fi-Klassiker Der Tag, an dem die Erde stillstand (Regie: Robert Wise), in dem er sein eigenes Leben geschildert fand. Ebd., S. 1f.

27

Vgl. Decree of Injunction, Civil Action No. 1056x. In: Reich (2012): Where’s the Truth, S. 252–255 (Anhang).

28

Reichs Probleme mit den US-Behörden schildern Jim Martin: Wilhelm Reich and the Cold War. Fort Bragg: Flatland Books 2000, und Jerome Greenfield: Wilhelm Reich versus the U.S.A. New York: Norton 1974.

29

Reich (1999): American Odyssey, S. 106 (Tagebucheintrag vom 11. Juni 1941).

30

»There is no gravitation – i. e. no falling – in space, but only oscillations in the orgone ocean, in the rotating orgone ocean.« Reich (1999): American Odyssey, S. 368 (Tagebucheintrag vom 30. Dezember 1946). »The motion of celestial bodies is determined by the waves of the cosmic orgone ocean. There is no attraction between sun and planets.« Ebd., S. 385 (Tagebucheintrag vom 2. März 1947).

31

In seiner Reich-Studie nennt der Philosoph und Theologe Robert S. Corrington Reich einen »radical naturalist«, dessen »psychosemiotic« Art und Weise, die Zeichen der Natur zu lessen, sich radikal von derjenigen der »mainstream naturalists« (zum Beispiel Physiker und Evolutionsbiologen) unterschied. Corrington bemerkt außerdem völlig zutreffend die starke metaphysische, religiöse und ekstatische Seite von Reichs Naturalismus. Robert S. Corrington: Wilhelm Reich: Psychoanalyst and Radical Naturalist. New York: Farrar, Straus & Giroux 2003, S. XII.

32

Wilhelm Reich: The Bioelectrical Investigation of Sexuality and Anxiety. Hg. v. M. Higgins and C. M. Raphael. New York: Farrar, Straus & Giroux 1982, S. 40f.

33

Reich (1973c): Selected Writings, S. 462.

34

Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache [1935]. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980.

35

Reich (2012): Where’s the Truth, S. 88f.

36

Hervey Cleckley: The Mask of Sanity [1941]. Augusta: Emily S. Cleckley 1988, S. 5–6; Reich (2012): Where’s the Truth, S. 66. Zumindest befand sich Reich in guter Gesellschaft: Nachdem er in seinem Buch über Reich gesprochen hatte, wandte sich Cleckley James Joyce zu, dessen Finnegan’s Wake er als »a 628-page collection of erudite gibberish indistinguishable to most people from the familiar word salad produced by hebephrenic patients on the back wards of any state hopsital [sic]« beschreibt. Ebd., S. 7.

37

Weiterführend zu Cargo-Cult-Wissenschaft: Lamont Lindstrom: Cargo Cult: Strange Stories of Desire from Melanesia and Beyond. Honolulu: University of Hawaii Press 1993; Peter Worsley: The Trumpet Shall Sound: A Study of ›Cargo Cults‹ in Melanesia. New York: Schocken Books 1957.

38

Richard P. Feynman: »Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!« Abenteuer eines neugierigen Physikers. Aus dem Amerikanischen von Hans-Joachim Metzger. München / Zürich: Piper 1985, S. 452.

39

Feynman (1985): Abenteuer, S. 452 (Hervorh. im Orig.). Siehe auch Michael Hanlon: Cargo Cult Science. In: European Review 21 (2013), S. 51–55.

40

Peter Gay: Freud. A Life for Our Time. New York: Norton 1988.

41

Reich kommentiert seinen eigenen ›Wahnsinn‹ in Reich (1974): Reich Speaks Of Freud, S. 112; Wilhelm Reich: Character Analysis. London: Vision Press 1973b, S. 526–527.

42

Wilhelm Reich: Wilhelm Reich über Sigmund Freud. Hg. v. der Produktionsgemeinschaft Schrift, Ton und Bild. Schloss Dätzingen 1976, S. 80.

43

Reich (2012): Where’s the Truth, S. 194.

44

Vgl. zu den utopischen Aspekten von Fromms Humanismus Petteri Pietikäinen: Alchemists of Human Nature: Psychological Utopianism in Gross, Jung, Reich and Fromm. London: Pickering & Chatto 2007, S. 167–207.

45

Lewis Alfred Coser: Refugee Scholars in America. New Haven: Yale University Press 1984, S. 74.

46

Mehr über Fromm als öffentlicher Intellektueller in den USA findet sich bei Neil McLaughlin: How to Become a Forgotten Intellectual. Intellectual Movements and the Rise and Fall of Erich Fromm. In: Sociological Forum 13 (1998), S. 215–246; Jaap Bos, David W. Park & Petteri Pietikäinen: Strategic Self-Marginalisation. In: Journal of the History of the Behavioral Sciences 41 (2005), S. 207–224.

47

Paul Roazen: The Exclusion of Erich Fromm from the IPA. In: Contemporary Psychoanalysis 37 (2001), S. 5–42.

48

Lawrence R. Samuel: Shrink. A Cultural History of Psychoanalysis in America. Lincoln: University of Nebraska Press 2013; Nathan G. Hale: The Rise and Crisis of Psychoanalysis in the United States: Freud and the Americans, 1917–1985. Oxford: Oxford University Press 1995.

49

Erich Fromm: Sigmund Freud’s Mission. An Analysis of His Personality and Influence. New York: Harper & Brothers 1959.

50

McLaughlin (2001): Optimal Marginality, S. 273 (»Optimally marginal intellectuals have access to the creative core of an intellectual tradition, while avoiding organizational, financial, sociological or psychological dependencies that limit innovations.«).

51

Erich Fromm: The Sane Society [1955]. New York: Holt, Rinehart and Winston 1969, S. 246.

52

Erich Fromm: Escape from Freedom. [1941]. New York: Holt, Rinehart and Winston 1961, S. 250 (»that the problems are too complicated for the average individual to grasp«; »until the specialists have found out what to do and where to go«; »a cynism towards everything which is said or printed«; »childish belief in anything«).

53

Zehn Jahre nach seinem Tod wurde Reich – der Apologet der ›sexuellen Revolution‹ – ein Held der Gegenkultur in westlichen Universitäten. Seither wurden sein Leben und Werk aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erforscht. Heute hat er eine Art Kultstatus erlangt und ist also im 21. Jahrhundert alles andere als vergessen.

54

Ein berühmtes Beispiel für Marginalisierung durch Ausschluss ist die Unterdrückung der Genforschung in der stalinistischen Sowjetunion (vgl. Peter Pringle: The Murder of Nikolai Vavilov. The Story of Stalin’s Persecution of One of the Great Scientists of the 20th Century. New York: Simon & Schuster 2011). Demgegenüber sind andere Beispiele für optimale Marginalität die Mitbegründer der Antipsychiatriebewegung R.D. Laing and David Cooper (vgl. Petteri Pietikäinen: Madness: A History. London: Routledge 2015, S. 314–318).