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Editorial

In: Artes
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Es ist gute Tradition, dem ersten Heft einer neuen Zeitschrift ein Avertissement, eine Einladung oder gar ‚Entschuldigung‘ des Unternehmens vorauszuschicken. Im Fall von Artes – Zeitschrift für Literatur und Künste der frühmodernen Welt scheint das in besonderem Maße geboten. Das neue Journal stellt nämlich einen der ältesten Systembegriffe der vormodernen Ästhetik ins Zentrum: artes, die ‚Künste‘, den Gegenbegriff zum modernen Kollektivsingular Kunst, der seit der Wende zum 19. Jahrhundert unser Verständnis von Ästhetik prägt. Genau hier – in der Spannung zwischen Vormoderne und Moderne – liegt die produktive Kraft unserer Neugründung:

Es ist gute Tradition, dem ersten Heft einer neuen Zeitschrift ein Avertissement, eine Einladung oder gar ‚Entschuldigung‘ des Unternehmens vorauszuschicken. Im Fall von Artes – Zeitschrift für Literatur und Künste der frühmodernen Welt scheint das in besonderem Maße geboten. Das neue Journal stellt nämlich einen der ältesten Systembegriffe der vormodernen Ästhetik ins Zentrum: artes, die ‚Künste‘, den Gegenbegriff zum modernen Kollektivsingular Kunst, der seit der Wende zum 19. Jahrhundert unser Verständnis von Ästhetik prägt. Genau hier – in der Spannung zwischen Vormoderne und Moderne – liegt die produktive Kraft unserer Neugründung: Artes richtet den Blick auf jene hochdynamische Transformationsepoche, in der sich der Übergang von den ‚Künsten‘ zur ‚Kunst‘ vollzogen hat und die wir – einer etablierten internationalen Epochenbezeichnung (z.B. première modernité) folgend – mit dem Begriff ‚Frühmoderne‘ bezeichnen möchten. Die Zeitschrift reagiert damit auf ein Desiderat: Auf nationaler wie internationaler Ebene fehlt ein Periodikum, das diese frühe Moderne umfassend komparatistisch und inter artes in den Blick nimmt. Artes will ein interdisziplinäres und internationales, entschieden komparatistisches Forum zur Erforschung dieser Makroepoche sein. Der weite historische Zuschnitt verdankt sich dem Umstand, dass die adressierten Disziplinen, von den Philologien über die Kunst- und Musikwissenschaft bis hin zur Philosophie, von ganz unterschiedlichen Epochengliederungen und -bezeichnungen ausgehen, die es großzügig zu vermitteln gilt.

Als wichtigste Gemeinsamkeit der europäischen Frühmoderne kann die Tradition des Humanismus gelten, die – in individuellen Ausprägungen – das Goldene Zeitalter in den Niederlanden oder Spanien, Renaissance und Barock in Deutschland und Italien, das klassische Zeitalter (bzw. Zeitalter der Galanterie) in Frankreich bis hin zu den gesamteuropäischen Klassizismen um 1800 prägt. Die Auseinandersetzung mit der Antike, die Querelle des Anciens et des Modernes, der Paragone der Künste und – als theoretisches Fundament inter artes – die Autorität von Poetik, Rhetorik, Kunstkritik und -theorie bilden das Fundament ästhetischer Diskurse und Praktiken in dieser Makroepoche, die als ‚l’âge de l’éloquence‘ (Fumaroli), als ‚age of imitation‘ (Greene) u. ä. bezeichnet wurde. Mit der philosophischen Ästhetik (Alexander Gottlieb Baumgarten), dem Konzept ästhetischer Autonomie und den neuen Paradigmen der Romantik kündigt sich die Ablösung des frühmodernen Systems der artes bzw. der beaux arts durch den modernen Kunstbegriff an. Das Zeitalter der Künste geht über in das, was Heinrich Heine polemisch als ‚Kunstperiode‘ bezeichnete. Mit dem Titel der Zeitschrift erinnern wir also zum einen an diese Vielfalt der Künste vor dem Zeitalter der Kunst wie auch an die zahlreichen artistisch-technischen Reflexionen, welche die ästhetische Produktion und Theoriebildung vor dem Aufstieg der Ästhetik im späten 18. Jahrhundert prägten. Zum anderen betonen wir die theoriegeleitete Praxis in den jeweiligen Künsten, die sowohl im Blick auf die theoretischen Reflexionen anderer Disziplinen vollzogen wird, als auch in Absetzung zu diesen, sodass der Fokus auf die Verbindungen inter artes zwei Perspektiven befördert.

Die Studien in Artes verfolgen eine dezidiert historische Perspektive: Sie wollen der kultur- und ideengeschichtlichen Einbettung der analysierten Texte, Kunstobjekte und Phänomene gerecht werden und die Kontexte rekonstruieren, in denen diese ihre soziokulturelle Funktion und Handlungsmacht entfalteten. Dabei begreifen wir die Frühmoderne als eine Epoche, die nicht nur vom Austausch der Künste, sondern auch vom Transfer der Sprachen und von der Migration des Wissens geprägt war. In diesem Sinne wird der Blick auf die Verbindungen inter artes notwendigerweise ergänzt um solche inter linguas und inter nationes. Besonders begrüßt werden daher Beiträge, in denen die Gegenstände in einem solchen internationalen bzw. interkulturellen Kontext, mit inter- oder transdisziplinärer Perspektive untersucht werden. Willkommen sind Forschungsansätze, die erst aus den – durchaus auch kontroversen oder (par)agonalen – Berührungen zwischen den historisch arbeitenden Disziplinen hervortreten bzw. aus der produktiven Symbiose der Künste im Rahmen intermedialer Gefüge. Hierbei sind insbesondere Studien erwünscht, in denen die spezifische kulturhistorische Prägung der Texte, Objekte und Phänomene neu in den Blick genommen wird, indem nach deren Position in ihrem jeweiligen Kulturraum gefragt wird und/oder ihrer Einbettung in transnationale Bewegungen und Diskussionen.

Die Beiträge des ersten Heftes spiegeln diese doppelte Zielsetzung – historische Tiefe und komparatistische Breite – in exemplarischer Weise: Zeitlich erstrecken sie sich von Dante und der Dante-Rezeption über Humanismus und Barock bis zum Zeitalter der Aufklärung. Für alle Artikel sind interdisziplinäre, intermediale, interartiale bzw. interkulturelle Fragestellungen leitend. So beleuchtet Jörg Roberts Beitrag zu Eobanus Hessus’ Epikedion auf Albrecht Dürer nicht nur den humanistischen Paragone der Künste und das ut pictura poesis-Prinzip, sondern bietet auch den Modellversuch einer praxeologischen Ästhetik, die am Beispiel der Kasualdichtung nach der Position von Künsten und Künstlern im ‚humanistischen Feld‘ um 1500 fragt. Anita Traninger widmet sich eingehend einer der einflussreichsten humanistischen Textkollektionen, Erasmus’ Adagia. Dabei kann sie ausgehend von einem detaillierten Vergleich der verschiedenen Sammlungen zeigen, wie sehr sich die pragmatischen und performativen Kontexte und Ziele in die Gestalt der Texte bzw. Drucke selbst einschreiben. In mediengeschichtlicher Perspektive erweist sich die verblüffende Aktualität der Erasmischen Gliederungsprinzipien. Florian Mehltretters Beitrag zu Dante und seiner Rezeption (z. B. bei Pietro Bembo) widmet sich der Um- und Aufwertung eines Stilbegriffs – asprezza (Herbheit) –, der die Widerständigkeit des Autors der Divina Commedia im poetologischen Diskurs des Cinquecento ausmacht. Im Rekurs auf die rhetorische Stillehre wird gezeigt, wie im späteren 16. Jahrhundert (bei della Casa und Tasso) eine andere Ästhetik der asprezza in Anlehnung an die Kategorie der gravitas entwickelt wird. Auch der Beitrag von Andreas Mahler befasst sich mit den rhetorischen Debatten um imitatio und Stil im Kontext des Späthumanismus. An einem Gelegenheitsgedicht Ben Jonsons (To Penshurst) kann er zeigen, wie Architektur zur poetologischen Reflexionsfigur im Sinne einer ‚Text/Bau/Kunst‘ wird. Einen weiten Bogen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert schlägt der Beitrag von Stefan Tilg zur inter- bzw. transkonfessionellen Theaterpraxis. Dabei weist er darauf hin, dass der entscheidende Impuls des humanistischen Dramas auch im konfessionellen Zeitalter die performative Einübung mündlicher Latinität in der theatralen actio ist, während strikt konfessionelle Polemiken weitgehend die Ausnahme bleiben. Den Abschluss bildet die Studie von Jörn Steigerwald zu Goldonis Komödie La locandiera und Lessings Trauerspiel Emilia Galotti, in der er die Problematisierung der dezidiert männlichen Hausordnung vor dem Hintergrund des Mitte des 18. Jahrhunderts weitgehend aufgelösten alteuropäischen Modells des ‚ganzen Hauses‘ herausarbeitet. Die Zusammenführung von Literatur-, Kultur- und Geschlechtergeschichte ermöglicht einen Blick in das ‚ganze Haus‘ um 1750, innerhalb dessen die Töchter aufgrund ihrer Erziehung nur ‚im Namen des Vaters‘ agieren können, da sie im Rahmen der häuslichen Ordnung nie gelernt haben, selbstbewusst zu handeln.

Die Beiträge zum ersten Heft zeigen exemplarisch, was sich die Herausgeber als Programm und Poetik von Artes vornehmen: ein breites Spektrum europäischer ‚Weltliteratur‘ und Kunstproduktion, das durch gemeinsame Rückbindung an humanistische und rinascimentale Traditionen, durch interkulturelle Austauschbewegungen und produktive Begegnungen inter artes zusammengehalten wird. Mit diesem Programm erhoffen sich die Herausgeber das, was Goethe in der Einleitung in die Propyläen (1798) zur „Entschuldigung“ seines Projektes vorbringt: den interdisziplinären Austausch und „Ideenwechsel solcher Freunde […], die sich im allgemeinern zu Künsten und Wissenschaften auszubilden streben“.

Jörg Robert, Jörn Steigerwald

Artes – Zeitschrift für Literatur und Künste der frühmodernen Welt erscheint zweimal jährlich, im Gesamtumfang von ca. 360 Seiten (180 Seiten pro Heft) im Fink Verlag (Brill). Alle Einsendungen unterliegen einem Double-Blinded Peer Review-Verfahren. Die Zeitschrift wird beginnend mit dem ersten Heft (April 2022) sowohl als Print als auch digital (Open Access) erscheinen. Jährlich ist ein Heft einem spezifischen Schwerpunkt vorbehalten, der nach Abstimmung mit den Zeitschriften-Herausgebern sowie dem Beirat und den jeweiligen Gastherausgeber:innen vergeben wird. Der Beirat setzt sich aus international renommierten Forschenden aus den Philologien (einschließlich Komparatistik), aus Kunst- und Musikwissenschaft sowie aus der Philosophie zusammen.

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