Editorial

In: Sprache und Literatur
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Das vorliegende Heft versammelt vier Beiträge, die dem Verhältnis von Wörtern und Dingen, literarischem Text und Wirklichkeit gewidmet sind. Elisabeth Strowick demonstriert in ihrem Aufsatz Gottfried Kellers Szenographie des Wirklichen, dass die strukturellen Merkmale der Schrift in Gottfried Kellers Roman Der Grüne Heinrich die Arten und Weisen prägen, wie mittels literarischer Szenen eine Illusion von Wirklichkeit errichtet wird. Insbesondere theatrale Inszenierungen bringen durch einen Entzug von Anhaltspunkten für eine strikte Unterscheidung von Wirklichkeit und Illusion prägnante Wirklichkeitseffekte und spektakuläre Illusionen hervor und untergraben damit die vermeintlich stabile Ordnung von Sichtbarkeit und Präsenz. Ausgehend von dieser Analyse der Szenen stößt der Aufsatz zu einem Verständnis von Bildung in Kellers Roman vor, der in seiner literarischen Figur Heinrich Lee ein einzigartiges, aber dennoch unpersönliches Leben hinstellt.

Peter Brandes fragt in Die „andere Lokalität“ des Traums: Heterotopologie und Epistemologie der Traumbetten bei Proust und Kafka nach dem Verhältnis von literarischem Text und Wirklichkeit im frühen 20. Jahrhundert. Auch wenn der Diskursivitätsbegründer Sigmund Freud neue Spielregeln in den Traumdiskurs einführte, die eine Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen bzw. psychoanalytischen Aussagen und anderweitigen Äußerungen erlaubten, waren Wissenschaft bzw. Psychoanalyse und literarische Schreibweisen eng miteinander verwandt. Der Aufsatz rekonstruiert zum einen ein literarisches Traumwissen bei Proust und Kafka, das nicht lediglich das Wissen psychoanalytischer oder physiologischer Traumtheorien reproduziert, sondern auf genuin sprachliche und literarische Weise erzeugt wird. Zum anderen nimmt er literarische Inszenierungen des Zusammenspiels von Raumerfahrung und Traumerkenntnis bei Proust und Kafka in den Blick und demonstriert, dass Freuds Entwurf einer anderen Lokalität des Traums als eine Heterotopie lesbar wird, die bei Freud durch optischen Medien konstituiert wird, bei Proust und Kafka hingegen mit dem Bett als dem Ort des Träumens verknüpft ist.

Corinna Schlicht stellt Überlegungen zu einem Literaturverständnis zwischen Originalität und Intertextualität am Beispiel von Erich Kästner und Helene Hegemann an. Der Aufsatz konfrontiert die Absage an die Originalitätsforderung in der Literatur, wie sie seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts allenthalben formuliert wurde, mit Theorien der Intertextualität. Anhand intertextueller Spuren in Erich Kästners Gedicht Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? (1928) und Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill (2010) geraten historisch variable Rahmungen, unter denen intertextuelle Spuren zuallererst erkannt und bewertet werden, in den Blick. Während Kästners Gedicht durch seine Bezugnahme auf Goethes Wilhelm Meister eine Nobilitierung seiner kritischen Intention erfährt, hat die exzessive Bezugnahme auf Prätexte der Autorin Hegemann nicht zuletzt Plagiatsvorwürfe eingebracht. Die Lektüre der Text-Text-Bezüge kann jedoch zeigen, dass Hegemanns Roman die an ihn herangetragenen Authentizitätserwartungen konsequent unterläuft und jenes „Diskursgeraune“, an dem er teilhat, in kritischer Absicht analysiert. Die Text-Text-Bezüge des Romans liefern das Modell auch für seine Bezugnahme auf die (außerliterarische) Wirklichkeit, die der Aufsatz als „Interrealität“ bestimmt.

Andreas Kablitz unterzieht in Vom Nutzen und Nachteil eines Neologismus. Derridas ‚différance‘ die frühen Schriften des französischen Philosophen Jacques Derrida einer grundsätzlichen Kritik. Der Aufsatz setzt an dem Schlüsselbegriff différance an, der als Wort illustriert, wie das sprachliche Zeichen im Allgemeinen funktioniert. Ausgehend von einer logisch-semantischen Analyse der räumlichen und zeitlichen Verhältnisse, die mit dem Begriff différance bezeichnet werden, folgt der Aufsatz der sprachphilosophischen Denkbewegung Derridas, um einerseits nach Aporien, Inkonsistenzen und systematischen Fehlern zu suchen und andererseits die Schwächen der Dekonstruktion bis in ihre Herkunft aus dem Strukturalismus und Roman Jakobsons Theorie der Sprachfunktionen zurückzuverfolgen. Der Vorwurf, dass Derrida seine eigenen Befunde inszeniere, um sie als Belege für die Triftigkeit seiner Überlegungen zu präsentieren, behauptet, was herausragende literarische Texte ihrerseits seit dem 19. Jahrhundert vielfach tun: Sie rufen einen Wirklichkeitseffekt hervor, der in seiner Logik und Funktionsweise mit den grundsätzlichen Überlegungen der Dekonstruktion zusammenstimmt.

Natalie Binczek, Ludwig Jäger, Erika Linz, Armin Schäfer

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